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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-19 · Heft 38 (19.9.1876) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 38 (19.9.1876)
Date
1876-09-19
Page
Seite 609 (sequence 3)
Language
German
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609 i Beziehung auf die sich immer erneuernden blutigen Verfolgungen, begegnen wir hier und da einem Gebete um die rächende Bestrafung der Frevler. Wir heben dies nachdrücklich hervor, um mit wahrhafter Befriedigung den echt sittlichen Geist zu betonen, der in diesen Gebeten wallet, und die grundlosen Insinuationen zurückzuweisen, welche die Judenhasser, aus ihren eigenen niedrigen Leidenschaften heraus, dem Judenthume unterzuschieben nicht ermüden. Ebensowenig ist in diesen Gebeten von einer für die Juden durch den Messias zu erwartenden Weltherrschaft die Rede. Die Zurückführung nach dem h. Lande soll „vor den Augen der Völker" geschehen, um Liesen Gottesfurcht einzuflößen und die Gotteserkenntniß bei ihnen auszubreiten. Dies ist gewiß die einfachste Propaganda, welche eine Religion von sich aussagen kann, und wer diese beachtet, wie sie bereits von den Propheten verkündet worden, wird es begreiflich finden, daß die Juden dem Proselytismus unter Einzelnen nicht nachjagten, sondern die Bekehrung der Völker zu der Lehre des einzigen Gottes von dieser selbst und der göttlichen Vorsehung erwarteten. Dieß ist der Geist, der den ganzen Fundamentaltheil des jüdischen Gebelcultus erfüllt. Wir können dies auch besonders an den Gebeten beobachten, über welche wir jetzt zu sprechen haben. Wir haben in dem letzten Artikel (S. 430) über die eine Benediction gesprochen, welche, statt der 13 am Wochentage, an sämmtlichen Festtagen und Sabbathen zwischen die drei ersten und die drei letzten, in jeder Thephillah (im Munde des Volkes Schemone Esre genannt) gleichen Benedicrionen eingefügt wird (i-o«77 oder bs-.c cnp?3), und über die Satze, die dieser in den drei Sabbath-Thephilloth vorangeschickt sind. Für die drei Feste Peßach, Schabuoth und Sukkoth (c’bm cibt:) haben wir bekanntlich dieselbe Thephillah, nur mit Nennung jedes Festes an demselben. Der Benediction des Festes und der gemeinsamen Formel für Sabbath und Festtag '121 ^-577222 7:onp wird nun ein Satz vorangeschickt, der die Erwählung Israels zu Bekennern des einzigen Gottes und zu Trägern der Gotteslehre — das letztere wird ganz nach dem Ausdruck der h. Schrift 5 Mos. 28, 10 ausgedrückt: ^rrnp r^br cnpm bnsrr ^2-21 — und die Bestimmungen der Festtage „zur Freude und Wonne" im göttlichen Gesetze ausspricht. Dieselbe Formel (7:mm rrrs und -,nm) gebraucht auch die Muffaf-Thephillah, fügt aber nun hinzu, daß wir „wegen unserer Sünden" (7:-«277 -rem) aus dem heil. Lande entfernt worden und nicht mehr die „schuldigen" Opfer bringen können; Gott möge daher das Heiligthum bald wieder erbauen lasten und die Zerstreuten Israels wieder zurückführen, damit wir die schuldigen Opfer wieder darbringen können, und zwar besonders das Mustafopfer, das nun dem Schrifttext nach aufgezählt wird, und daß die dreimaligen Wanderungen nach Jerusalem an diesen drei Festen wieder geschehen könnten. Man sieht also, daß hier gänz einfach nur die Feste selbst und zu deren Feier dem ganzen Umfang des Schriftgebots gemäß die Wiederherstellung des Tempels berührt sind. Es ist dabei vorausgesetzt, daß die Feiernden die Bedeutung der Feste in ihren Einzelheiten hinlänglich kennen, und deshalb wird eine Belehrung hierüber nicht gegeben. Eine viel weitere Perspective eröffnen uns die Thephilloth für das Neujahrsfest und den Versöhnungstag, und da deren Einfügungen einer immer noch früheren Zeitperiode angehören, z. B. dem Nab. und Samuel, den Stiftern rer babylonischen Akademien im dritten Jahrhundert nach rer gew. Zein.; so geben sie ein lautes Zeugniß für ren weit über Israel selbst hinausgehenden, die ganze Menschheit umfastenren Geist, rer die ramaligen Lehrer Israels beherrschte. Zugleich wirr es uns einsichtlich, daß schon damals der Brennpunkt res jiir. Gebetcultus aus den drei Festen, wohin ihn rie h. Schrift verlegt hatte, so daß alle Israeliten zu ihnen im Heiligthume erscheinen sollten, auf die beiden Feste Rosch-Haschana und Jom-Kippur verpflanzt wurde, theils wohl, weil jene mit der Trennung vom h. Lanre in ihrer Bedeutung abgeschwächr waren, theils weil diese letzteren für den religiös-sittlichen Geranken einen größeren Spielraum gewährten. In rie sämmtlichen Thephilloth für riese beicen Feste wurde zunächst in eigenthümlicher Weise eine Einschaltung in die dritte der den Thephilloth angehörenren drei Anfangsbenedictionen gebracht, die aus vier Sätzen besteht. Im ersten wird erbeten, daß rie Gottesfurcht über alle Geschöpfe sich ausbreite, so daß sie allesammt Einen Bund schließen, den Willen Gottes mit ganzem Herzen zu thun. Im zweiten wird zwar für Israel „Ehre", dann aber für alle Gottesfürchtigen, für alle die Gott suchen und auf ihn vertrauen, Hoffnung, Freiheit und Freude ersieht, und hierauf für Israel, das ravidische Haus und den „Gesalbten" Wachsthum und Aufrichtung. Der dritte Satz wünscht für alle Gerechten, Geraden und Frommen Frohlocken und Jubel, daß aber alle Bosheit wie Rauch vergehe und die Herrschaft des Frevels von der Erde verschwinde. Hierzu gehört, wie der vierte Satz aussagt, die Anerkenntniß Gottes und die göttliche Fügung, wie sie sich an Zion und Jerusalem knüpft, Gottes in seiner Heiligkeit, und außer ihm ist kein Gott. Die gewöhnliche Festbenediction, die hier bs br “b:3 ■jvOT“ bvi bs-ic’’ C“!p72 yr-!«r: lautet, also wiederum die ganze Menschheit vor Israel setzt, wird eingeleitet durch das Gebet, daß Gott in seiner ganzen Herrlichkeit und Majestät allen Bewohnern des Weltalls offenbar werde, „damit erkenne alles Geschaffene, daß du es geschaffen, uno einsehe alles Gebilde, daß du es gebildet und Alles was eine Seele hat, den einzigen Gott anbete, besten Reich waltet über Alles." Wer erwägt, daß es sich hier nicht um einen dogmatisirenden und specialisirten Gott handelt, sondern um den einzigen Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt, welcher die Vorsehung ist: der wird zugestehen, daß es in keiner Religion ein humaneres, umsastenderes und lautereres Gebet giebt, das sich gleich sehr Lurch seine einfache Erhabenheit und Innigkeit auszeichnet. — Wir haben schon einmal bemerkt, daß die Mustaf-Thephillah zu Rosch-haschanah, abweichend 38 * \ i

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