Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1876)
- Date
- 1876-09-19
- Page
- Seite 608 (sequence 2)
- Language
- German
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608 ist jedoch nicht blos eine Wunde, die man dem Judenthum als Ganzem schlägt, nicht blos ein heimlicher Krieg gegen alle positive Religion, sondern auch eine unverantwortliche Versündigung an jedem dieser aufwachsenden Menschen. Sie werden auf die Wege des Lebens gestellt, ohne eine religiöse Ueberzeugung, ohne in dieser wurzelnde Sittlichkeit, ohne eine geschichtliche Grundlage ihrer religiösen Erkenntniß, ohne einen thatsächlichen Ausdruck für diese in der Wirklichkeit ihres Lebens! Man hat öfters gesagt: der Religionsunterricht in der Jugend helfe auch nichts; im Treiben der Welt werde er doch wieder vergesien, und die zersetzenden Elemente des Lebens und der Literatur beseitigen seine Wirkung aus Len Geistern. Was sagt man nicht alles! Es ist grundfalsch. Das religiöse und sittliche Bewußtsein, das in den jugendlichen Geist eingepflanzt wird, erlischt in ihm niemals wieder; erwacht immer von Neuem, sei es nach Zeiten der Gleichgültigkeit, sei es im Kampfe gegen entgegengesetzte Ansichten. In letzterem steht es doch ganz anders um einen religiös unbelehrten und ungebildeten Geist. Die Fäden, welche in dem Herzen an die große Vergangenheit des Judenthums, an seine überzeugende Lehre angeknüpft sind, mögen oft recht dünne werden, sie können doch immer wieder stärker werden; mögen bisweilen durchrisien werden, sie können immer wieder angeknüpft und fortgesponnen werden. Nur da ist dies unmöglich, wo sie niemals vorhanden. — Wir sprechen heute nicht von der Beschaffenheit dieses Religionsunterrichtes, von der Verschiedenheit der Ansprüche, die an ihn gestellt werden, der Meinungen, die über ihn obwalten — es ist dies die innere Seite, die Frage der Entwickelung, welche, wir sagen es mit aufrichtiger Befriedigung, die besten Fortschritte gemacht hat und täglich macht. Aber selbst da, wo er noch mangelhaft ist und den gerechten Anforderungen noch nicht entspricht, verfehlt er niemals ganz seine Wirkung. Mag er einerseits noch auf der Stufe des bloßen Hebräischlernens stehen, andrerseits sich auf die jüdische allgemeine Religionslehre beschränken, auch in dieser mangelhaften Beschaffenheit ist er von Nutzen und Werth. Das Bessere findet sich mit der Zeit schon ein. Das Erschreckende ist nur. wenn die Religion gar keine Stelle in dem Unterricht und der Erziehung der Jugend einnimmt. Dies ist es, was wir zu bekämpfen haben, worauf unsere besten Anstrengungen gerichtet sein muffen: dem Religionsunterrichte immer mehr Platz zu erringen. Hiermit ergiebt sich die nöthige Verbefferung fast von selbst. Denn der Eifer, die Jugend immer mehr dafür zu gewinnen, bringt von selbst die Bemühung herbei, immer Befferes bieten zu können. Mit dem wachsenden Bedürfniß wächst auch das Streben nach Vervollkommnung der Mittel ihm zu genügen, und die Einsicht, was hierzu nothwendig sei. Darum richten wir heute und alle Zeit die Aufforderung, für die Herstellung und Verbreitung des Religionsunterrichtes eifrigst zu streben, an Alle, denen das Heil der Jugend und der Bestand des Judenthums am Herzen liegt, und zwar nicht blos an Vorsteher und Rabbiner, an Prediger und Lehrer, sondern — an Alle.. Das Judenthum hat den unbestreitbaren Vorzug, daß seine Lehren dem Verstände nicht widersprechen und mit dem lauteren Herzen übereinstimmen. Darum gerade ist sein Religionsunterricht von um so größerer Wirkung, von bleibendem Einfluß, und dessen Vernachlässigung ein um so traurigerer Jrrthum. — Jndeß wollen wir auch an dieser Stelle nicht unterlassen , darauf hinzuweisen, daß ein wesentliches Mittel, eine unabweisliche Forderung die Ausbildung tüchtiger Religionslehrer ist. In jeder Hauptgemeinde, wenigstens einer Provinz, müßte ein Lehrcursus für die jüdischen Religionslehrer hergestellt werden. Der Leiter eines solchen ist ja vorhanden. Dem Rabbiner läßt die Predigt und der Religionsunterricht noch Zeit genug übrig. Die alten Rabbiner hatten ihre Jefchibah um sich, an deren Stelle mag dieser Lehrcursus treten. Wohlan, theure Leser! Wenn Ihr an diesen hohen Festtagen Eure Herzen zum Höchsten emporhebt und Ihn um Segen für Euch und Eure Familien anflehet: fasset in Eurem Gemüth den festen Vorsatz, für den Religionsunterricht Eurer Kinder bestens zu sorgen! Ueber den jüdischen Gebetcultus und dessen Geist. IV. 1) Der Gegenstand, den wir in diesen Artikeln behanklen, ist umfänglich, und wir müssen daher unsere geehrten Leser um Nachsicht bitten, wenn wir durch Tagesfragen, die sofort erledigt werden wollen, unterbrochen, jene nur in Zwischenräumen ihnen verlegen können. Andrerseits haben wir bereits mehrfach Hinweisungen auf dieselben in Druckschriften zu ersehen gehabt, so vaß wir für sie das öffentliche Interesse in Anspruch genommen glauben können. So wie wir es in den früheren Artikeln gehalten haben, senden wir einige allgemeine Bemerkungen auch dem folgenden voran. Wer in diesem Grundstock des jüdischen Gebeirituals nach zweien Dingen sucht, nämlich nach Rachegebelen gegen die Feinde der Juden, etwa gegen die Zerstörer Jerusalems und die, welche das Volk verjagt und so bllltig mißhandelt halten, sowie nach Verheißungen von Herrlichkeit und Herrschaft über die Völker nach der Ankunft des Messias, wer, sagen wir, hiernach in den sg. Pflichtgebeten sucht, wird sich gänzlich getäuscht finden. Nichts von allem Dem. Nichts als die einfache Bitte um Wiederherstellung früherer glücklicher Zustände, Wiederaufbau des Tempels, Wiedereinführung des Opferritus, Zurückführung der Zerstreuten und Gefangenen, um Wiedererlangung der nationalen Freiheit. Erst in ganz spät eingeschobenen Gebetslücken, mit besonderer 1) S. Nr. 13. 18. 27.