Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1876)
- Date
- 1876-09-12
- Page
- Seite 601 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227107--34754-3304658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
601 finden wir, daß zum Hiuuuelfahrtsfeste des Jahres 1250 die Juden der Grafschaft Poitou dem Grafen lausend Livres unter dem Titel einer ersten Zahlung entrichten. So war die Gefahr, welche Alfons' Geldgier über die dortigen Israeliten heraufbeschworen hatte, durch ebendieselbe Geldgier wieder beschworen worden. Doch blieb die Lage der Juden in jener umfangreichen Grafschafr eine sehr gedrückte. Ihre Vergehungen wurden in barbarischer Weise bestraft. Auf Brust und Rücken mußten sie als schimpfliches Abzeichen eine runde Scheibe aus gelbem Filz oder Tuch, eine.Handfläche groß, tragen, bei Strafe von zehn Livres im Falle der Unterlaffung. Nur gegen besonders hohe Abgaben wurden einzelne Juden vom Tragen dieser schmählichen Zeichen befreit. Ein Jude, der Umgang mit einer Christin pflog, wurde um dreißig Sous, gleich 150 Franken nach heutigem Geldwerthe, gebüßt. Während dieser Vorgänge in Mittelsrankreich genosien die Israeliten in der Grafschaft Toulouse eines ziemlich ruhigen Daseins. Im Süden Frankreich's waren sie stets milder behandelt worden. Unter den alten mächtigen Grafen von Toulouse, den Raimunds, hatten sie das Recht gehabt, Grundeigenthum zu besitzen; sie hatten Berwaltungsämter inne gehabt; sie erscheinen als vollgültige Zeugen auf den gerichtlichen Urkunden. Als der nordftanzösische Königssohn die Herrschaft in der Hälfte der tolosaner Besitzungen übernahm, während die andere Hälfte direct an die Krone fiel, verloren die Israeliten ihre günstige Stellung; aber die öffentliche Meinung des südfranzösischen Volkes fuhr fort, sie zu beschützen. Die Verfolgung ging von oben aus, nicht aus einem religiösen Beweggründe, sondern nur aus erbarmungsloser Habgier. Schon frühzeitig hatte Alfons den jüdischen Gottesacker in Toulouse entweiht, um auf besten Grunde sein dortiges Schloß zu vergrößern. Aber das war nur ein Vorspiel. Im Jahre 1268 ließ Alfons die Juden in allen seinen Besitzungen gefangen und ihre Güter unter Sequester nehmen. Bon allen Seiten protestirte man wieder diese schändliche Gewaltthat. — Die Barone hatten mit einzelnen Juden Verträge geschlosten, wonach dieselben gegen eine bestimmte Abgabe sicher auf ihren Gütern wohnen konnten, und nun wollten jene die Einkerkerung ihrer Schutzbefohlenen nicht dulden. Wirklich mußte Alfons diese Kategorie von Juden wieder frei geben. Selbst die Geistlichkeit, wie der Bischof v. Toulouse, traten für die unglücklichen Israeliten ein. In der Thal war der allgemeine Unwille gegen die Gefangennahme sämmtlicher Israeliten so stark, daß der Graf sich genöchigt sah, die notorisch Armen, die Kranken und die Kinder unter vierzehn Jahren in Freiheit zu setzen, und ebenso alle diejenigen, welche sich , dazu herbeiließen, den Betrag ihres Vermögens glaubhaft anzugeben. Bald entließ man auch die Frauen und forderte die noch gefangenen Juden auf, je zwei der Reichsten aus jeder Seneschauff«e zum Grafen zu senden, um sich mit demselben in Einverständniß zu setzen. Um einen desto stärkern moralischen Druck auf die Gefangenen auszuüben, wurden die Thorarollen sämmtlich confiscirt und sorgfältig verpackt und versiegelt in den gräflichen Pallast zu Paris abgeliefert. Während einige Juden sich hartnäckig weigerten, die Größe und die Anlage ihres Vermögens zu offenbaren, und deshalb in enger Haft verblieben: machten andere, um die Freiheit wieder zu erlangen, Enthüllungen, selbst über ftemdes Vermögen. Als es auf solche Denuncialion hin rem Seneschall von Poitou gelang, in zwei Judenhäusern vergrabene Münzen und Kostbarkeiten bis zum Werthe von 400 Livres zu finden, wurde dieses Beispiel vom Grafen allen seinen Seneschallen zum Muster aufgestellt. Einer dieser Denuncianten wurde zugleich den Juden und den Christen so verhaßt, daß er nicht mehr auf dem Gebiete des Grafen wohnen zu bleiben wagte und Alfons ihm eine Entschädigung zum Abzüge geben mußte. Also auch hier stand die christliche Bevölkerung auf Seiten der mißhandelten Juden. Endlich erhielten diese letztern sämmtlich ihre Freiheit und ihre Besitzungen wieder gegen enormes Lösegeld. Die Juden in Poitou mußten 8000, die in Seuntonge 6,000 Livres geben; die der Rouergun zahlten 1200, die der Auvergne 2000 Livres; die jüdischen Bewohner Toulouses entrichteten 3500, die des tolosaner Gebietes 5000 Livres. Von den Juden des Agenois und Guency ist die Summe nicht bekannt, sie kann auch auf 1000 Livres veranschlagt werden. So entrichteten die Juden unter Alfons' Herrschaft an demselben 26,700 Livres oder nach heutigem verhältnißmäßigen Gelvwerth — an drei Millionen Franken. Die Juden verschafften sich diese Summen durch Kopfsteuern, die sie durch Commiffäre ihres Volkes, von ihnen unter der Aufficht der Geschäftsführer der Herrschaft ernannt, erheben ließen. Allein wie der Herr so die Diener. Vieles den Juden entriffene Geld kam nicht an den Grafen, sondern wurde von den Beamten unterschlagen. Darüber veranstaltete Alfons eine Untersuchung, und o Wunder! während man sonst dem Zeugniffe eines Juden keinerlei Werth beilegte, wurden sie jetzt zur Zeugenschaft gegen die pflichtvergeffenen Beamten zu Gunsten der gräflichen Casse aufgefordert; natürlich mußten sie einen eigenthümlichen Eid more iudaico leisten. — Es war seit Beilegung dieser Gewaltthätigkeit kaum ein Jahr verflossen, als eine neue Verfolgung über die unglücklichen Israeliten von Alfon's Gebieten hereinbrach. Dieses Mal (12701 war der Vorwand, die Juden sollten ihrer Wucherzinsen zurückerstatten. Der Graf hatte an dieser Operation ein unmittelbares Interesse, da das Erträgniß der gegen die Wucherer zu verhängenden Geldstrafen ihm vom heiligen Stuhle zuerkannt war. In jeder Diöcese wurde zur Untersuchung des jüdischen Wuchers eine Commission eingesetzt, die aus einem Dominicaner und einem Mitgliede der Weltgeistlichkeil bestand. Man kann sich vorstellen, von wie zärtlichen Gefühlen eine solche Commission 37*