Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1876)
- Date
- 1876-09-12
- Page
- Seite 600 (sequence 10)
- Language
- German
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600 schäften alles profane Wiffen gänzlich ausgeschloffen, sogar streng verpönt war. — Hier muß das Erziehungswesen in die Hände von Privatpersonen übergehen, und zwar tüchtig geschulter Männer, und die Gründung gut organisirter Schulen ist für die ganze russische Judenheit ein unabweisllches Bedürfniß, zumal die Aufnahme jüdischer Kinder in die allgemeinen Lehranstalten, zufolge des starken Andranges der Christen in dieselben, eine äußerst schwierige ist, und jährlich talentvollen jungen Kindern jüdischer Confession aus Mangel an Plätzen die Aufnahme in dieselben verweigert wird. — Auch hier war es der Verein, der die Initiative ergriff; das Comitö gründete im Jahre 1874 einen Schulfonds behufs Subventionirung privater Schulen, wie wir das oben bereits gesehen; leider klagt der Bericht, daß noch in sehr beschränktem Maße davon Gebrauch gemacht wird, — da äußerst wenige sich an das Counts um Subvention gewendet haben, die laut den Statuten berechtigt dazu gewesen wären. Aus diesem Grunde mußten auch viele Anträge abgelehnt und zurückgewiesen werden. — Der geneigte Leser wird also mit uns übereinstimmen, daß man es den Leitern des Vereins herzlichen Dank wiffen müffe, daß sie nach allen Seiten hin bestrebt sind, die Aufklärung zu verbreiten und zu befördern. Ob aber die studirende Jugend später ein freies Felv für die praktische Anwendung ihrer so mühsam erworbenen Kenntniffe finden werde, das wird erst die Zukunft lehren, — doch wir vertrauen unerschütterlich dem endlichen Siege der Humanität, und, wenn wir einen Rückblick auf ein Vierteljahrhundert werfen und das Sonst mit dem Jetzt vergleichen, so müffen wir doch bekennen, daß auch bei uns, wenngleich langsam und gemächlich, in gemeffenem Schritte, die Welt vorwärts schreitet, und das belebt unsere Hoffnung auf die Zukunft. Leon Mendelsburg. Amerika. Panama, im Juli. Es würde ein ebenso weitläufiges wie überstüfsiges Geschäft sein, wollte die A. Z. d. I. alle Plätze in Amerika aufzähleu, wo neue Gemeinden gegründet, neue Synagogen gebaut, neue Wohlthätigkeitsanstalten und Begräbnißslätten errichtet werden. Anders verhält es sich jedoch, wenn in einem Staate, wo früher der Ultramontanismus unbedingt herrschte und alle Andersgläubige ausschloß, nunmehr auch die israelitische Religion freien Raum gewonnen hat und sich ihre Institutionen in bescheidenem Maße schafft. So wurde im Staate Columbia zum ersten Male am 18. d. zu Panama ein jüdischer Begräbnißplatz eingeweiht. Die Gemeinde nennt sich „Kol Scheerith Israel". Der Grund und Boden wurde ihr durch Herrn W. Nelson von Guatemala geschenkt, und der Präsident der Gesellschaft E. N. Martine; hielt die Ansprache. Der Ceremonie wohnten Civil- und Militärbehörden, die Mitglieder der Freimaurerloge und viele andere christliche Freunde bei. Leider mußte der Begräbnißplatz schon nach einigen Tagen benutzt werden, da ein sehr geschätzter Herr Emil Rothschild, geb. zu Island auf St. Thomas, 33 Jahre alt, nach kurzer Krankheit verstorben war. Das Begräbniß deffelben ging mit würdiger Feiererlichkeit vor sich. euilleton. Ein Eapitel aus -er Geschichte -er Äu-en in Frankreich. (Nach Edg. Boutaric, 8sint Louis et Alfonse de Poiliers, Paris 1S70.) Unter den Königen des mittelalterlichen Frankreich, welche sich als erbitterte Feinde der Israeliten erwiesen, gewahren wir zu unserer Betrübniß auch den sonst so wohlmeinenden, wahrhaft edlen und verehrungswürdigen Ludwig IX., „Ludwig den Heiligen", wie ihn die katholische Kirche mit seltener Richtigkeit des Uriheils genannt hat. Es war wirklich mißverstandene Frömmigkeit, sowie Abneigung gegen wucherische Geldgeschäfte — freilich hatte man die Juden gezwungen, zu solchen ihre Zuflucht zu nehmen — was den Monarchen zur Verbannung der Israeliten aus seinem Königreiche veranlaßt (1253). Jndeß diese Maßregel bezog sich nur auf die unmittelbaren Besitzungen der Krone» während die umsaffenden Domänen der großen Vasallen — wie z. B. Flandern, die Champagne, die Bretagne, die Guyenne, Anjou, Poitou und Toulouse — davon unberührt blieben. Ueber beide letztgenannte Landschaften herrschte mit fast vollkommener Souveränität der zweite Bruder des heiligen Ludwig, Alfons. Ein energischer, kluger Fürst, war Alfons durchaus weltlichen Zwecken zugethan und hielt sich von den romantisch-ftommen Gesichtspunkten feines ältesten Bruders sorgfältig fern, um demselben nur in seiner vorzüglichen Verwaltung, in feiner geschickten Ausdehnung der fürstlichen Rechte nachzuahmen. Wenn Alfons auch! dem Beispiele Ludwig's gegenüber den Israeliten folgte, so ging er doch dabei von ganz andern Absichten aus, nämlich von dem! Wunsche, sich mit Benutzung des Volkshaffes gegen jene Unglücklichen auf deren Kosten zu bereichern. So gewährte Alfons im! Jahre 1240 den Einwohnern La Rochelle's die Erlaubniß, keine Juden mehr in ihrer Stadt zu dulden, ja er verpflichtete sich, die Israeliten aus oen Städten Poiriers, La Rochelle, Saint- Jean-d'Angely. Stiort, Saites und Saint-Maixent zu vertreiben, unter der Bedingung, daß die Einwohner dieser Städte ihm vier Sous auf die Feuerstelle (v. h. auf jede Haushaltung) zahlen würden. Es scheint aber, daß diese Bedingungen nicht angenommen wurden, oder vielmehr die Juden erboten sich, um bleiben zu dürfen, noch beträchlichere Summen zu bezahlen. Wirklich k