Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1876)
- Date
- 1876-09-12
- Page
- Seite 599 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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599 fordern sollte, er verpflichtet sei, eine der Summe entsprechende Anzahl Exemplare zu liefern.) So können wir auch nicht mit Stillschweigen übergehen, daß der Cassirer des Bereins, Herr L. Rosenthal, der, beseelt vom lebhaftesten Interesse für die heilige Sache des Judenthums, den Zwecken des Bereins seine ganze Umsicht und Thatkraft widmet. So hat derselbe außer seinem jährlichen Beitrage noch 1290 Rubel für Stipendien an Studirende, 600 Rub. zum Schulfonds und 764 Rub. für anderweitige Zwecke gespendet. — Es ist also kein Wunder, daß bei solcher Opferwiüigkeit der Leiter des Bereins es demselben möglich war, mit folgenden Summen flch zu den verschiedenartigsten edlen Zwecken zu betheiligen. Für die Studenten der medicinischchirurgischen Akademie 800 Rubel, diejenigen der Petersburger Universität 360 Rubel, die der Dorpater 300 Rubel, die des Instituts für Ingenieure 220 Rub., für das Breslauer Seminar 130 Rub. Für einmalige Unterstützung der in hohen und Mittlern Lehranstalten Studirenden wurden 1468 Rub. verwendet. — Daß aber die Wirksamkeit des Bereins nicht allein für die zahlreichen, in allen Branchen des Wissens Studirenden eine mehlrhätige und.segensreiche war, dafür liefern den Beleg folgende Zahlen: 14 Literaten wurden mit 535 Rub. unterstützt; für Bücherankäufe für jüdische Schulen und LesecabinetS 528 Rub., zur Herausgabe des Pentateuchs mit einer russischen Uebersetzung 2393 Rub. verausgabt. Außerdem wurde ein Werk in russischer Sprache über die Weltanschauung des Talmuds in 3 Theilen auf Kosten des Vereius gedruckt, die sich auf 1012 Rub. belaufen. Privatschulen, unter ihnen eine Simultanfchule in Charkow, wurden im Jahre 1874 mit 450 Rub., im Jahre 1875 mit 107 5 Rub. subventionirt. Der Leser sieht also, wie gesagt, daß die Wirksamkeit des Vereins eine nach allen Richtungen hin umsichtige und wohlthätige war. Wir müssen aber diesen glänzenden Erfolgen noch einige kurze Bemerkungen Nachfolgen lasten. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Leiter des Bereins, an ihrer Spitze Herr Leon Rosenthal, eifrig bestrebt waren, für die edlen Zwecke des Bereins Mitglieder von allen, auch noch so entfernten Punkten des weiten Reiches zu gewinnen. So finden wir in Jrkutzk in Sibirien 6 Mitglieder, in Kalisch in Polen 1 Mitglied, also an beiden Enden deS ungeheuren Reiches ist der Verein vertreten. — Wenn wir aber die verhältnißmäßig geringe Zahl der Mitglieder an solchen Statten gewahren, deren Vorsteher in intellectueller Beziehung auf der Höhe der Zeit stehen, zum Exempel Warschau, Odeffa, Wilna, Riga, Berdidschew und viele andere, so müssen wir unser herzliches Bedauern aussprechen, daß der einzige Verein in Rußland, der sich solche hohe Ziele vorsteckt, der bei größerer und allgemeinerer Betheiligung wirklich Großes leisten könnte, so wenig Sympathien und Theilnahme findet. Daß allein auf dem Gebiete der Erziehung der Jugend gearbeitet werden muß, um die Uebelstände mit der Zeit schwinden zu sehen, erkennt der Einsichtige leicht, allein, es fehlt eben der Gemeinsinn; bei Bielen ist eS der leidige Jndifferentismus, der dem alten Schlendrian Vorschub leistet; überhaupt ist das moderne Princip der Selbsthilfe durch Association noch nicht zum gehörigen Durchbruche gekommen, darum eben erwartet Jeder Hilfe von Außen her. lieber diese Mangelhaftigkeit der Theilnahme von Seiten der Gemeinde führt der Bericht Klage, deren Wortlaut wir hier folgen lassen, da er ein grelles Licht ans hiesige Zustände wirft: „Wenn", heißt es im Berichte, „wenn die Unzulänglichkeit der Mittel in der Wirksamkeit des Comitös sich irgendwo fühlbar macht, so ist es vorzüglich bei der Unterstützung der studirenden Jugend. Mit jeglichem Jahre erscheinen neue Arten der Hilfebedürftigen, die immer mehr sich häufende Anzahl der Hörer in den höheren Lehranstalten, die Eröffnung der weiblichen Curse in der medicinischen Akademie, die im Anfänge des Jahres eingetretene Aufhebung der Stipendienertheilung an jüdische, in den allgemeinen Lehranstalten Studirende von den Geldern der Lichtpacht, die in merklichem Wachsthume begriffenen Bestrebungen der jüdischen Jugend zur Bildung und Selbstvervollkommnung, dieses Alles fordert sichtbarlich einen proportionellen, reichlicheren Zufluß von pecuniären Mitteln, und würde also eine vollkommene Berechtigung auf die Theilnahme von Seiten des jüdischen Publikums von ganz Rußland haben; allein, während die Ansprüche und Gesuche um Unterstützung aus allen Enven unseres Vaterlandes anlangen, während beim Conute junge Leute aus den verschiedenen Mittelpunkten der Ansässigkeit der Juden, und nicht selten mit allen nur möglichen Recommanvationen von den Vorstehern ihrer Gemeinden erscheinen, stehen die Gemeinden selbst als theilnahmslose Zuschauer von Ferne, und die Mittel des Vereins bleiben in ihren ursprünglichen unzulänglichen Zahlen, so daß sowohl die Summe, die vom Verein zur Unterstützung der Stuvirenden bestimmt ist, als das Geld, welches von einigen Leitern ves Comitos zu diesem Behufe großmülhig assignirt wird, zur Befriedigung dieses wesentlichen- Nationalbedürsnisses weit unzureichend sind". Soweit der Rechnungsbericht. Wenn wir erwägen, wie viel Geldopfer die russische Judenheit dem alles verschlingenden Moloch des Chassidismus rarbringt, wenn wir bedenken, was die Winkelschulen, vulgo Chevarim, diese Pflanzstätten des Obscurantismus und der Verkrüppelung der künftigen Generation an Leib und Seele, kosten, so müssen wir die Klage des Berichts allzusehr gerechtfertigt finden. — Noch eins: Angesichts der zunächst bevorstehenden Schließung vieler seit einem Vierteljahrhundert bestehenden jüdischen Kronschulen, in Betracht, daß die traurige Existenz der Chedarim laut Ministerialerlaß von vorigem Jahre nur auf ein Jahr prolongirt worden ist, drangt sich die Frage auf, was werde eine Bevölkerung von ca. 5 Millionen ohne Schulen thun können? Wenn in Deutschland das Bedürfniß jüdischer Religionsschulen ein tiefgefühltes ist, wie viel mehr hier, wo der ganze Unterricht der Schuljugend sich bis nun ausschließlich auf das Studium religiöser Bücher beschränkt, und in vielen, ja den meisten Ort- 37