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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-05 · Heft 36 (5.9.1876) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 36 (5.9.1876)
Date
1876-09-05
Page
Seite 586 (sequence 12)
Language
German
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586 zu sein scheint. Dies entdeckt zu haben, bekam dem armen Benjamin Wols sehr schlecht, wie uns des Kurfürsten Kammerjunker Dieterich Sigismund von Buch in seinem Tagebuche erzählt: *) Montag, den 10. (December 1677): Der Jude Benjamin Wolf machte eine Dummheit, er ging zum tartarifchen Gesandten und sagte ihm, er fei geborener Jude, denn er habe seinen Vater in der Türkei gekannt, darüber kam der Tartar in große Wuth. Der Jude hatte zu mir vorher davon gesprochen, ich sagte ihm aber, er solle Acht haben, was er thue, er habe keine guten Beweise und Gewißheit, zwei Menschen könnten einander gleichen, aber der Thor wollte sich nichts sagen lasien und behauptete, er zweifle, daß sein Creditiv vom Hann (Chan) sei. Der Gesandte beklagte sich bei Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht als über eine große Beleidigung, und Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht ließ ihn festnehmen, als er gefangen mein Haus passirte, rettete sich der Jude, aber der Türke im Dienste des Gesandten faßte ihn bei den Haaren und dem Barte, und fing an ihn zu schlagen, als ich ihn aber vertheivigte, ließ er ihn in Ruh und machte mir viel Entschuldigungen, er habe nicht gewußt, daß dies mein Haus sei. Ich wollte Len Juden gern retten, als man mir aber sagte, es sei auf besondern Befehl Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht, konnte ich mich nicht mehr hineinmischen und erhob mich eilig, um mit meinem Herrn zu reden, bevor ich aber dort ankam, hatte der arme Mensch bereits mehr als 50 Peitschenhiebe auf der Erde vor dem Zelte des Tartaren erhalten. Als ich nachher den Gesandten aufsuchte, machte er mir viel Entschuldigungen, daß der Türke in mein Zimmer eingedrungen sei, sagend, er wolle ihn behandeln lasien, wie den Juden, der Türke warf sich mir zu Füßen und bat um Verzeihung, die ich ihm gab. -) Vermischtes. Die Nibelungen in Bayreuth. Während wir die folgenden wenigen Zeilen niederschreiben, geht in der kleinen bayerischen Provinzialstadt eine eigenthümliche Erscheinung vor sich, welche die allgemeine Aufmerksamkeit augenblicklich fesselt. Die vielbesprochene poetische und musikalische Tetralogie Richard Wagner's wird in rem eigens hierfür erbauten Hause aufgeführt. Noch kennen wir Len Erfolg, welchen er erringen wird, nicht. Es versteht sich, daß dieser uns an 1) Herausgegeben von G. v. Kessel; Jena u. Leipzig, Hermann Costenoble, 1865; I 340 f. 2) Man prägt wohl, warum der Kurfürst die Mißhandlung Benjamin Wolfs so ruhig hinnahm'? Weil er den tartarifchen Gesandten wirklich für einen solchen — der Ruhmredigkeit wegen — gehalten wissen wollte. Ebenso wurde eine fingirte persische Gesandtschaft unter Ludwig XIV. in dessen letzten Regierungsjahren in Scene gesetzt. Wenn man betrogen sein will, ist man gegen den unwillig, der den Betrug aufdeckt. Redaction. dieser Stelle an sich gar nicht interessirt. Ob daS Ganze das Produkt einer abenteuerlich aufgebaufchten und exttavaganten Phantasie, das Erzeugniß einer völlig verkehrten musikalischen Theorie oder nicht, mit einem Worte, ob es eine Mißgeburt von Frechheit, Selbstüberhebung und Verkehrtheit, oder das Werk eines wahrhaften Genies sei, wir überlassen dies dem Urtheile, welches sich jetzt und in spaterer Zeit darüber bilden-wird. Daß uns das dramatische Gedicht an sich in seiner Zusammensetzung wie in Form und Sprache durchaus als verfehlt erscheint, ziehen wir nicht in Bettacht. Die gegenwärtige Literatur hat uns bereits an so viele Geschmacks- und Urtheilslosigkeit gewöhnt, daß man selbst das Höchste, was hierin geleistet wird, an sich vorübergehen läßt, ohne mehr als die Achsel zu zucken. Was uns an dieser Stelle schon mehr auffallen könnte, wäre, daß so viele Juden, die doch allesammt Richard Wagner so tödlich beleidigt hat, nicht bloß zu den rabiaten Wagnerianern gehören, sondern auch andere unter ihnen durch die eifrige Unterbringung von Pattonatsscheinen zu einem nicht geringen Theile die Ausführung des mindestens sonderbaren Werkes gefördert haben. Mögen hieraus Diejenigen, welche stets von der Charakterfestigkeit und dem Zusammenhalten der Juden so viel zu reden wissen und sich einbilden, daß die Juden ihre Gegner mit Rachegedanken verfolgen, endlich die Ueberzeugung schöpfe», daß von allem dem kaum eine Spur vorhanden. Die Mode übt mehr Herrschaft über sie aus, als irgend ein lieferliegendes Motiv. Wie gesagt, wir beschäftigen uns hier mit allen diesen Seilen der immerhin merkwürdigen Erscheinung nicht. Wir wollen einzig undallein gegen die grobe Unsinlichkeir, gegen den Geist sittlicher Entartung, der in dieser Wagner'schen Dichtung herrscht und sie von Anfang bis zu Ende erfüllt, Protest erheben. Wir thun dies im Namen der sittlichen Bildung, ohne welche es auch kein wirklich ästhetisches Kunstwerk giebt, im Namen des ethischen Geistes, dessen Gegensatz in diesem dramatischen Poem einen He;ensabbath feiert. Blutschande, Ehebruch,. die stärkste Sinnlichkeit, die mit raffinirter Wollust zu Ausdruck und Darstellung kommt, sind die eigentlichen Ingredienzen dieser Stücke, deren Hauptmotiv die gemeinste Habunv Herrfchgier ist, welche alle Theile der Wagnerischen Welt, seine Götter, Riesen, Zwerge und Menschen leitet. Hier ist wirklich alles Gemeine entfesselt, und die Dimensionen des Riesigen, zu denen die handelnden Personen ausgereckt werden, sollen den Schein des Idealen hervorbringen, das der verbrannten Phantasie des Dichters völlig fehlt. Daß einem so unsittlichen Getreibe, einem oft in's Viehische hineinspieleuden Machwerk die Elite der Nation zuströmt, daß ihm nicht bloß die Mittel zur Ausführung, sondern auch die Anwesenheit der besten geistigen Kräfte geboten wird, erscheint uns als ein widerwärtiges Schauspiel, als eine Verirrung, welche die Nation um so mehr zu büßen haben wird, als sie doch nur ein Symptom geistiger Fäulniß ist. Wir wissen nicht, ob nicht diese Ansicht zu den rigorosen, wohl auch zu den altfränkischen, gezählt werden wird.

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