Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1876)
- Date
- 1876-09-05
- Page
- Seite 583 (sequence 9)
- Language
- German
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583 Kampf mit irgend welchem entscheidenden Ausgang steht daher noch bevor. Das Berhältniß ist so beschaffen: Die Hierarchie geht unverholen, mit der äußersten Offenheit vor, verbirgt keines ihrer Manöver, nimmt auf offener Straße Alles in Besitz, was sie erreichen kann: die liberale Partei hingegen sucht zu laviren, giebt scheinbar nach, verzögert die Enffcheidung, sammelt ihre Kräfte, ohne den Zeitpunkt zu bestimmen, wann es zum Austrage kommen soll. Hiermit sind natürlich die Männer der äußersten Linken nicht zufrieden, und haben eben, mit der Unterschrift von 25 Deputirten, ein Manifest erlaffen, welches an Klarheit und Entschiedenheit nichts vermissen läßt. Ist nun auch die Zahl der Unterzeichner verhältnißmäßig gering, so bedeutet das Manifest doch weit mehr durch seinen Inhalt. Die darin ausgesprochenen Ansichten sind nämlich die der ganzen republikanischen Partei, nur daß die große Mehrheit derselben, um den Conflict zu vermeiden, welcher die Republik auf's Spiel setzen könnte, jetzt noch nicht dafür thatsächlich eintreten will. Deshalb haben wir von der einen Seite den Syllabus, von der anderen Seite dieses Manifest als die Programme der beiden großen streitenden Parteien in Frankreich anzusehen, und heben wir deshalb eine bezeichnende Stelle daraus hervor. *) „Die Thatsache, welche unseres Bedünkens die Situation beherrscht, ist das Bemühen des Klerikalismus, sich der modernen Gesellschaft aufzudrängen. Betrachten wir die Tragweite dieses Bemühens etwas naher. Wenn die'Kirche noch einen klaren Begriff von der Wirklichkeit hätte oder haben könnte, so hätte sie eingesehen, daß sie, indem sie dem religiösen Gefühl den Aberglauben zum Genoffen und den Fanatismus zur Stütze gab, den Geist der Unabhängigkeit nur erregen und den Geist der fteien Prüfung nur anstacheln mußte; sie hätte eingesehen, daß jedem Menschen die Empörung gegen geistigen Zwang angeboren ist, und daß die Unduldsamkeit neben dem Glauben nur den Muth neben dem Zweifel herbeiführen mußte; sie hätte eingesehen, daß jeder Eingriff in die Rechte der Gedankenfteiheit Tausende von neuen Freidenkern heranzieht; sie hätte für Frankreich insbesondere begriffen, daß das System der Staatsreligionen hier unwiderruflich an dem Tage unterlegen war, da Katholiken, Protestanten und Juden ein gleiches Recht auf den Schutz des Staates erwirkt halten, und dieser mithin den drei Bekenntnisien gegenüber, von denen nicht eines das wahre sein kann, ohne daß die beiden anderen falsch wären, neutral erklärt worden ist. Aber ach! niemals hat sich die Kirche weniger um die Wirklichkeit bekümmert, niemals sich so absichtlich in Finsterniß gehüllt, als ob sie sich selbst die Eitelkeit ihrer Ansprüche verbergen wollte. Ansprüche, die in unserer Zeit auf einen Punkt getrieben sind, wo der Hochmuth sich schon nicht mehr vom Wahnsinn unterscheidet. 1) Bei der Zurückhaltung, welche wir uns auf diesem Gebiete zur Pflicht gemacht, mögen wir uns darauf berufen, daß das ganze Manifest von vielen deuts ch en Zeitungen bereits veröffentlicht worden. Die Redaction. „Gewiß, es hat an Päpsten nicht gefehlt, die darauf ausgingen, die Seelen an sich zu reißen. Aber weder in der Geschichte Hildebrand's, noch Bonifaz' VIII., noch Hadrian's IV. findet man ein Seitenstück zu Pius IX., wie er den Cultus der „unbefleckten Empfängniß" einführt, ein ökumenisches Concil, welches der Zahl nach imposanter ist, als die Kirchenversammlungen von Nicäa, Konstantinopel und Ephesus zusammengenommen, um sich beruft und sich von den Trümmern feiner weltlichen Macht herab für unfehlbar erklärt, die Civilisation in den Bann des Glaubens thut, die Wiffenschaft von sich stößt, über die Freiheit „Anathema!" ruft und mit einem Wort die ganze moderne Welt verurtheilt. Brauchen wir die Einwirkung von so viel Verwegenheit zu fürchten? Gewiß nicht. Die Encyklica vom 8. December 1864, die Veröffentlichung des Syllabus, das Vordringen des Jesuitismus in Frankreich, die wachsende Anzahl der Wunder, mit welchen man die Leichtgläubigkeit der unwissenden Gemüther einwiegt, der Lärm, den man mit den Wallfahrten erhebt, die Anstrengungen der Geistlichkeit, sich ihres Einflußes auf den Geist der künftigen Geschlechter zu versichern und unter der Maske der Freiheit den Unterricht für sich zu monopolisiren, Alles das wird, wir sind davon fest überzeugt, vergeblich sein. Wir gehen noch weiter: der Wahnsinn des Syllabus ist ein derartiger, daß man ihn wegwerfend als einen „pathetischen" charakterisiren möchte. Denn wie sollte man sich eines gewiffen Mitleids erwehren, wenn man eine Gewalt, die selbst im Verscheiden liegt, zum Kampfe gegen Alles, was lebendig ist, auffordern sieht? In dieser Herausforderung der Intelligenz, in dieser ahnungsvollen Ungeduld, das Ende eines ungleichen Kampfes herbeizuführen, wird eine so außerordentliche Kraft entfaltet, daß die Erscheinung nicht ohne Größe wäre, wenn sie nicht aus einer unheilbaren Verblendung hervorginge. Es ist die Geschichte aller in den letzten Zügen liegenden Lehrgebäude. Aber es war dem verscheidenden Papstthum des neunzehnten Jahrhunderts doch Vorbehalten, ein Unternehmen zu wagen, welches dem Priesterhochmuth der vergangenen Jahrhunderte unbekannt war, und der Befreiung der Geister und dem Fortschritt der menschlichen Vernunft die ungeheuerliche Behauptung der Unfehlbarkeit eines Menschen entgegenzuhalten. „Wenn aber der Klerikalismus nicht stark genug ist, die Freiheit zu besiegen, so ist er doch stark genug, sie im Schach zu halten. Er kann der Republik lausend Hinderniffe in den Weg legen und viel Schaden zufügen, weil er dazu dient, die drei Parteien, welche wir bekämpfen, einander zur gemeinsamen Action naher zu rücken." — Was folgt nun hieraus für die allgemeine Lage? Offenbar daß die Ultramontanen sich völlig geirrt haben, als sie Frankreich als den neuen Heerd ansahen, von welchem aus sie die Welt anzugreifen und wieder zu erobern vermöchten, als das neue Rom, von welchem das neue Papstthum seinen bewaffneten >Arm ausstrecken könnte. Es zeigt sich vielmehr, daß sie in 30