Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1876)
- Date
- 1876-09-05
- Page
- Seite 579 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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seiner allzu lebhaften Einbildungskraft. Dem Rache seines Lehrers zuwider besucht er nicht das Untergymnasium, um später in das Obergymnasium zu Lemberg zu treten, sondern geht noch lange müssig umher, in mystische Phantasien von Gott, vom Näherkommen und Aufnehmen der Gottheit und im Grübeln nach allegorischen und symbolischen Bildern seiner Gedanken in der Natur sich verlierend. Endlich macht ein wohlwollender Geschäftsmann eine Sammlung von 27 fl. für ihn, womit er nach Wien geht. Bei einer furchtbaren Feuersbrunst in seiner Vaterstadt, war seine blinde Mutter aus Angst um ihn wahnsinnig und in das Irrenhaus gebracht worden. Als er von ihr Abschied nahm und sie ihn nicht verstand, da dachte er: „Als ich geboren ward, da nahm der Allmächtige deine (der Mutter) Form an und kam mir in dir mit unendlicher Liebe entgegen. Nun legte er diese Form ab, und will mir — zur Allgegenwart werden!" Auch von seinem Lehrer verabschiedete er sich, und auf deffen Vorstellungen sprach er: „Mit leeren Händen gehe ich, und mit Früchten beladen kehre ich noch zu Ihrer Freude und Ehre zurück. Leben Sie wohl, alle Ihre Zöglinge hat der Wind der Neigungen nach allen Richtungen hin getragen, mich auch trägt es dahin, ob auf ungestüme See oder auf sicheren Boden — in das Leben gehe ich und lebendig soll es mich wiederbringen. An meinen Gefahren sollen Sie meine Siege zählen!"-Der Faden dieser Erzählung ist einfach, aber desto lebhafter und mannichfaltiger reihen sich die Scenen aneinander, und fesseln die Aufmerksamkeit des Lesers. Betrachtungen lassen sich dabei viele anstellen. Es drängt sich uns auf, in welchen Sumpf des Aberglaubens das mittelalterliche Judenthum gerathen war und dessen letzter Auswuchs, der Chassidismus gerathen ist. Biele Züge treffen wir hier, die noch in unsrer Kindheit auch in den deusschen Gemeinden allgemein waren, und von denen die jetzige Jugend keine Ahnung mehr hat. Im Chassidismus aber haben sie sich auf's Groteskeste und in's Wahnwitzige hinein ausgestaltet und wer weiß, wie lange sie noch in diesem bestehen und in traurigster Weise wirken werden. Trotzdem ergiebt sich hier bei allem Unsinn, Fanatismus und mancherlei Rohheit doch durchaus auch viele Einfalt, viel Barmherzigkeit uud Wohlthun und keine Art von wirklicher Unsittlichkeit. In das Leben der Stadt und Gemeinde Brody erhält man einen genauen Einblick, hier, wo sich Chassidismus und Aufklärung, Finsterniß und Bildung begegnen, ohne sich zu berühren, in einem verborgenen Kampfe, und doch friedlich nebeneinander, ein wirklich lehrreiches Bild. Hervorzuheben haben wir noch, wie geradezu sprungweise die Umwandelung in der Seele des Knaben vor sich ging. Wie ein sprödes Glas oft bei einer leisen Berührung zerspringt, so zersprang die ganze chassidische Anschauung, die festgegliedert den Geist des Knaben umschlossen hielt, im Nu bei der Berührung mit der deutschen Bildung, und fiel sofort in Splittern zu seinen Füßen. Bei den meisten polnischen Jünglingen tritt darauf ein völliger Gegensatz ein und die Reihe derer ist nicht klein, welche zu Feinden und Verächtern aller religiösen Ueberzeugung werden. Die Feuilletons der österreichischen Blätter weisen davon Beispiele genug auf. Bei Ehrlich, und dies ist sehr bemerkenswerth, war es ganz anders. Er blieb im Grunde der nämliche. Bon den mystischen Ceremonien ging er nur zu mystischen Träumereien über; von der Mystik des Ritus zur Mystik der Phrase, und seine Begriffe von der Gottheit kleiden sich in sonderbare Allegorien, wie früher in absurde Handlungen und Satzungen. Eine Eigenschaft hat er aber mit den jungen Männern, die denselben Lebensproceß durchmachen, gemein. Aus dieser innern Arbeit, aus diesem Siege über den anerzogenen Aberglauben, ziehen sie eine unverwüstliche Selbstüberschätzung. Sie haben eine unbegrenzte Vorstellung von ihren Fähigkeiten und von ihren zukünftigen Leistungen. Dies zeichnete sich auch schon in den von uns angeführten Aeußerungen des Herrn Ehrlich ab. Unter der Herrschaft jener Träumereien und dieser Selbstüberhebung macht sich in ihnen auch naturgemäß ein starker Egoismus geltend. Ohne eine Ahnung davon zu haben, handeln sie selbstisch und undankbar und beziehen Alles auf sich selbst. So auch der Knabe, dessen Leben hier geschildert wird. Alle, die ihm wohlgethan, werden persiflirt und ohne Dank verlassen. Wie er den armen Schuster, der ihn fünfzehn Jahre mit seiner Hände Arbeit ernährt und erzogen hat, behandelt, ihn nicht allein in seinem ganzen Wesen auf's Tiefste verletzt, sondern auch vor der ganzen Gemeinde auf's Aeußerste blamirt, und dabei noch eine große Heldenthat vollbracht zu haben glaubt, ist geradezu entrüstend. Bei dem großen Brande irrt er stundenlang umher, um zu schauen, und denkt nicht an seine blinde Mutter, die zu retten er Anderen überläßt. Den Entschluß und die Thatkrast, etwas für die unglückselige Bettlerin zu thun, findet er nie, und ahnt eine solche Pflicht nicht einmal. Eine ähnliche psychologische Erscheinung, gleichem Boden entsprungen, zeigte schon der bekannte Kantianer Salomon Maimon, und giebt nicht minder unbefangen sich selbst in seiner Selbstbiographie. So gestaltet sich hier ein psychologisches Gemälde von vieler Tiefe und Schärfe. Der Styl ist ein gehobener, nicht immer correcter; zuletzt geht er in die jetzt häufig gewordene Manier über, eine Art rhythmischen Ganges der Worte zu bilden, etwa nach Art Gustav Freytags in deffen letztem Roman, der gezwungen und monoton wird. Wer dieses Bändchen gelesen, wünscht gewiß, daß die Fortsetzung nicht vorenthalten bleibe. —