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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-05 · Heft 36 (5.9.1876) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 36 (5.9.1876)
Date
1876-09-05
Page
Seite 578 (sequence 4)
Language
German
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578 Gegenstand wichtiger Stellen zugänglich zu machen, also für die Wissenschaft brauchbares Material herbeizubringen, dagegen den Nachtheil, weder eine vollständige Uebersetzung der talmudischen Traclate, noch eine wiffenschaftliche Bearbeitung des Gegenstandes zu liefern. Die letztere am wenigsten, da die einzelnen Piecen herausgenommen, nach der Reihenfolge der Seiten eine wissenschaftliche Behandlung gar nicht zulasten, und für eine solche auch das Material nicht vollständig genug ist. Andrerseits wollen wir auch nicht verkennen, daß durch diese Auswahl, also Lurch die Beseitigung vieler Zwischenstücke die Einsicht in die wesentlichen und charakteristischen Ansichten der Talmudisten erleichtert wird, was wiederum für Biele, die tiefer einzudringen nicht Zeit und Lust hatten, von besonderem Bortheil ist. Wir wünschen daher wohl, daß sich Männer fänden, welche Herrn Rabbinowicz die Mittel zur Herausgabe der 5 Bände Legislation civile verschafften. Der vorliegende Band rer Legislation criminelle ist auf Kosten der Regierung in der Nationaldruckerei gedruckt worden. Wie der Verfaster in der Vorrede seine persönlichen Berhälmiste schildert, wäre er sonst ganz außer Stande, sie zu veröffentlichen, und schon der Muth und die heroische Ausdauer, welche derselbe zur Erlangung einer wiffenschaftlichen Bildung bethätigt hat, müßten auf diese Weise zur Anerkennung kommen. Es ist nicht unsere Absicht, hier in eine detaillirte Kritik der Leistungen des Verfassers in diesen beiden Schriften einzugehen, die getroffene Auswahl zu besprechen und über die Anmerkungen zu urtheilen Wohl aber mögen wir die ausführliche Vorrede der zweiten Schrift als von besonders allgemeinem Interesse einiger Er wägunz im Folgenden unterziehen. das Manuscript eines Dramas „Hermann der Cheruskerfürst", das dem Leser manchen lieferen Gedankengang und poetischen Zug mitten in einem chaotischen Gewirre ohne geschichtliches Kolorit und correcten Styl zeigte. Dieses Urtherl stieß aber den jungen Mann nicht ab, und auf den Rath, Böhme, der ihn in seinem Denken verwirre, aufzugeben und geschichtliche und styli- Usche Studien zu machen, antwortete er: „Was des Wiffens werth ist, finde ich in meinem Böhme, und was der Kunst werth ist, trag ich in mir. Ich werde Ihnen demnächst ein Drama überreichen, das im Geiste dieses universellen, göttlichen Denkers gedichtet, eine neue Epoche der Literatur eröffnen soll." Wir führen diese Worte an, weil sie sofort bezeichnend sind. Wirklich brachte er feinem Gönner ein Drama „Jacobs Ortis". Es war zum Schwindeln. Witz und Aberwitz, Tiefsinn und Unsinn, sprachliche Kraft und unverständliche Redeweisen bunt durcheinander. Dennoch, da des jungen Mannes ganzes Herz daran hing, brachte Herr Weilen eine Subscription zusammen, um die Tragödie drucken zu lassen. Endlich forderte er ihn auf, ihm in Form von Briefen seine Lebensentwickelung mitzutheilen, um ihn von seinen mystischen Träumereien hinwegzuziehen. Diese Aufzeichnungen in ihrem ersten Theile liegen in dem angeführten Schriftchen (X und 132 S.) vor uns. Ein trauriges Gemälde eines kindlichen und jugendlichen Lebens, kaum von irgend Lichtblicken gesänftigt, und dennoch höchst intereffant. Es ist schon viel über den Chassidismus und die chassidische Secte geschrieben, viel auf sie geschmäht, sie oft genug verdammt worden. Aber so unmittelbar, so thatsächlich an dem Leben eines aus ihrem Schooße hervorgegangenen und in ihr ausgewachsenen Menschen, o ohne alle Tendenz, aber aus der Wirklichkeit heraus, ist sie noch nicht gezeichnet worden. Des Knaben Vater war vor deffen Geburt gestorben, die Mutter erblinder. Seiner nimurt sich ein Schuster, gewesener Soldat, unwiffend, einfältig und fanatischer Chassid, an und erzieht ihn, um sich in ihm einen Kaddisch zu erwerben. Ohne in Bibel und Talmud Fortschritte zu machen, aber eine ausgezeichnete Handschrift sich erwerbend, ward auch der Knabe ein fanatischer Chassid, nicht in der Theorie, wohl aber in der Praxis. Als er 15 Jahre zählte, gewann der Hauptlehrer der neuen deutschen Volksschule Barat den armen Schuster durch die Kundschaft der Schule, welche ihre Schüler bekleidet, den Knaben in die Schule zu schicken. Kaum hat dieser darin deutsch lesen gelernt, so springt sein Geist aus dem Chassidismus mit einem Male in das Gegentheil um, und zwar dermaßen, daß er einen wahren Haß auf jenen empfindet und deffen Satzungen und Vorschriften unterläßt, ja in Angesicht eines Wunder - Rebbes und seiner ganzen Gemeinde verlästert. Der Schuster verstößt ihn; er aber besucht die Schule weiter und findet bald hier, bald dort gegen einige Dienstleistungen ein armseliges Unterkommen. Dabei ist jedoch sein Wiffensdrang nur! schwach, mühsam kommt er durch die vier Claffen der Schule, gerieth. Nachdem er sich mit ihm unterhalten, brachte ihm dieser | Desto mehr überläßt er sich seinen Träumereien und dem Spiel Literarischer Wochenbericht. Bonn, 20. August. Auch Bücher haben ihr Geschick, ist der alte Horazische Spruch, der seitdem so oft wiederholt worden Seit längerer Zeit befindet sich bei uns ein Schriftchen, das be reits vor drei Jahren erschien, deffen wir sonst nirgends erwähnt fanden und das jetzt unsre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es ist die Selbstbiographie eines jungen Mannes, der die Geschichte seiner Kindheit und Jugend erzählt, bis er, etwa in seinem zwanzigsten Jahre, die Straßen Wiens betrat, und führt den Titel: „Der Weg meines Lebens. Erinnerung eines ehemaligen Chassiden von Joseph R. Ehrlich. Mit einem Vorwort von Joseph Weilen. Wien, 1874. Rosner." Der Herausgeber, Bibliothekar an der k. k. Bibliothek zu Wien, gewahrte dieser vor einigen Jahren einen jungen Mann, der regelmäßig jeden Vormittag in den Schriften des bekannten Mystikers Jakob Böhme las und darüber offenbar in eine seltsame Entzückung

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