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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-05 · Heft 36 (5.9.1876) · p. Seite 577

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 36 (5.9.1876)
Date
1876-09-05
Page
Seite 577 (sequence 3)
Language
German
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577 Die Bearbeitung des Talmud. I. Unsere Leser wissen, daß wir auf die Bearbeitung, insbesondere die wissenschaftliche, des Talmuds einen überaus großen Werth legen. Es vergeht kein Jahrgang dieses Blattes, ohne die Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gelenkt zu haben. Wir verweisen z. B., um im Zusammenhänge zu bleiben, auf den Artikel S. 733 Jahrg. 1874, S. 709 Jahrg. 1875. Von dieser Bearbeitung des Talmuds haben wir die nachhaltigsten Wirkungen zu erwarten. Der Talmud ist, nach der heil. Schrift, das zweite große Erbgut, das uns unsere Vater hinterlaffen, und nicht blos die Jahrhunderte, welche über seine Abfassung vergingen, sondern das folgende Jahrtausend, wahrend dessen fast ausschließlich die jüdischen Geister sich mit ihm beschäftigten, und der beherrschende Einfluß, den er aus das Judenthum geübt, machen es uns zur Nothwendigkeit, seine Kenntniß zu erhalten, fein Verständniß zu erweitern und zu vertiefen, und unser Bewußtsein über seine Richtung, seine Beschaffenheit, seinen geistigen Gehalt und seine Stellung in unserer religiösen Ueberzeugung zu erhellen und zu fixiren. Gerade in diesem letzten Punkte finden ja in rer Gegenwart die größten Gegensätze und vielfache Schwankungen statt. Es giebt unter uns Juden Vergötterer und Verächter des Talmuds, solche, die ihm den höchsten historischen Werth zusprechen, und andere, die ihn am liebsten beseitigt sehen, solche, die alles an ihm vortrefflich und musterhaft, Andere, die alles an ihm barock und absurd finden. Diesem Zustande kann nur die wissenschaftliche Bearbeitung abhelfen, welche ohne alle Vorausnahme geschichtlich und geistig prüft und in's Licht stellt. Andererseits giebt es außer dem Talmud kein Schriftwerk aus der Vergangenheit, das der allgemeinen Wissenschaft noch so fern geblieben, von ihr vernachlässigt und ihr unbekannt ist. Die Literaturgeschichte wie die Doctrinen, in welche der Talmud hineinreicht, wissen wenig von ihm zu sagen, und was sie von ihm sagen, ist fast immer ebenso irrig wie mangelhaft. Bis jetzt konnte man aus dieser Sachlage den Juden keinen Vorwurf machen. In der ersten Zeit ihrer neuen Culturbewegung hatten die Juden zuviel zu thun, sich selbst erst mit der wissenschaftlichen Bildung vertraut zu machen und den wissenschaftlichen Geist sich anzueignen, so daß sie erst im letzten halben Jahrhundert allmälig zur wissenschaftlichen Bearbeitung ihrer Theologie kommen konnten. Und da gab es so vielen dringenden Bedürfnissen zu genügen, und es stellten sich norhwendig sofort so viele Kämpfe ein, daß man erst spät auf seinem Wege bis zur Bearbeitung des Talmuds gelangen mochte. Hier mußte zugleich der wissenschaftliche Geist eine größere Reife abwarten, bis er die Schwierigkeiten, welche ihm der Talmud bietet, überwinden zu können hoffen durfte. Denn da der Talmud selbst gar keine wissenschaftliche Ordnung besitzt, und sein Material chaotisch untereinander geworfen ist, so muß für ihn zuerst diese wissenschaftliche Ordnung geschaffen und das Material für sie gesammelt und gesichtet werden. In Zukunft nun wird dies anders sein; denn da die allgemeine Wissenschaft zunächst von den Juden zu fordern hat, ihr den Talmud zugänglich und begreifllich zu machen, so würde sie eine fernere Vernachlässigung dieser Aufgabe ihnen mit Recht zum Vorwurf machen. Aus diesem Grunde allein billigen wir es nicht ganz, daß mehrere neuere und werthvolle Arbeiten über den Talmud in hebräischer Sprache abgefaßt worden sind, die daher dem allgemeinen Kreise entzogen bleiben; wir ziehen cs der allseitigen Wirksamkeit wegen vor, daß solche Arbeiten in einer der verbreitetsten europäischen Sprachen abgefaßt werden. Wtr wissen wohl, wie schwer es jüdischen literarischen Arbeiten über das Judenthum gemacht wird, selbst in das wissenschaftliche Publikum einzudringen, geben aber die Hoffnung nicht aus, daß dies mit der Zeit allmälig anders werde. Roch Eines dürfen wir nicht übersehen. Wenn wir jemals erwarten können, daß die schändlichen Verleumdungen des Talmuds, welche die Judenfresser immer von Neuem, auf Grund der eigenen unv deö Publikums Unwissenheit wiederholen, ein Ende nehmen, so kann dies nur auf dem Wege der Wissenschaft geschehen, daß zuerst die Männer derselben eine richtige Ueberzeugung von dem ethischen Geiste des Talmuds erhalten, und diese von ihnen in das allgemeine Publikum dringt, so daß auch die Lügen über den Talmud in der öffentlichen Meinung sofort als solche erscheinen. Alle sonstigen Widerlegungen und Apologien, so norhwendig sie auch sind, wirken nur örtlich und zeitlich. Es liegen uns heute aus diesem Gebiete zwei Schriften vor, welche eine Beachtung wohl verdienen. Herr l)r. I. M. Rabbinowicz gab schon 1873 eine kleine Schrift (136 S., heraus unter dem Titel: „Legislation eivile du Thalnmd tradnite et annotee. Premiere Partie, Traite Kethoubotli. (Paris. Ernest Thorin, 1873.)" Es liegt in der Absicht des Verfassers, die bürgerliche Gesetzgebung des Talmuds, abgesehen von der genannten Schrift, vollständig in fünf Bänden herauszugeben. Soeben erschien nun: „Legislation criminelle du Talmud, Organisation de la magistrature rahhinique, autorite legale de la Mischna, ou Traduction critique des Trailes Talniudiques Svnliedrin et Makhoth et des deux passages du Traite Edjolh. par le Dr. J. J. M. Rabbinowicz. Paris. lmpriinec par ordre du gouvernement i rimprimerie nationale. 1876." (231 S. gr. 8.) In beiden Werken hat der Verfasser eine eigenthümliche Methode verfolgt. Er übersetzt möglichst wortgetreu ausgewählte Stücke der Mischna und Gemara der benannten Tractate, und zwar nach der Folge der Seitenzahlen im Talmud. Er beginnt z. B. die erste Schrift mit einer Piece aus Fol. 1 o; es folgen Stücke aus Fol. 15 und 16, 17, 18; auf Fol. 23 folgt 41, 46, 50 :c. Die ausgewählten übersetzten Stücke begleitet der Verfasser mit einzelnen Anmerkungen, die vielfach werthvoll sind. Diese eigenthümliche Methode hat zwar den I Bortheil, dem Nichtkenner des Talmuds eine Reihe für den 36*

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