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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-09-05 · Heft 36 (5.9.1876) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 36 (5.9.1876)
Date
1876-09-05
Page
Seite 576 (sequence 2)
Language
German
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576 ebenso die größte Undankbarkeit wie Selbstüberschätzung und Gedankenverwirrung. Jedermann weiß, Laß von den Uebeln, die ihm begegnen, ein sehr großer Theil selbst verschuldet ist, Folgen leichtsinniger oder böswilliger Handlungen, die aus starkern oder fchwachern Leidenschaften stoffen, welche zu überwinden er berufen war. Nun Gott und die Welt anklagen, weil die Folgen eintraten, statt sich zu ihrer Bekämpfung zu erheben, zu verlangen, daß der Wüstling seine Gesundheit, der Verschwender feine Habe, der Berräther seine Ehre, der Sünder sein gutes Gewissen behalte, und Gott und die Welt anklagen, weil er sie nicht behält, das ist nicht blos undankbar, sondern große Verworrenheit der Gedanken und eine maßlose Selbstüberhebung. - Darum ist der kräftigste Gegner des Pessimismus die Selbsterkenntniß, welche die Wunden ossenlegt, aber auch ihre Heilung bewirkt. Mag die Selbsterkenntniß demüthigen, sie richtet doch zugleich auf, indem sie die eigene Würde und Kraft zum Bewußtsein bringt und den Nebel der Ungewißheit zerstreut. Die Rechtfertigung, wenn wir die Schuld auf Andere wälzen, ist nur scheinbar; wir wünschen sie, um vor Anderen schuldlos zu erscheinen; aber sie drückt uns in unserm eigenen Innern nur um so schwerer. Schassen wir da Licht hinein, so erleuchtet und erwärmt es uns zugleich und stellt das Gleichgewicht unsrer Seele wieder her, um die Dinge zu schauen, wie sie sind, und feste Entschlüffe zu fassen. Was aber die Uebel betrifft, deren Ursache wir bei aller Wahrhaftigkeit nicht uns zuschreiben können, so vergleiche man sie nur mit den Gaben und Gütern, die uns ebenso ohne unsere Veranlasiung und unsere Verdienste zugekommen sind, und schwerlich wird man bei richtiger Erwägung diese nicht weit überwiegender finden als jene. Es kommt da auf den richtigen Maßstab an und auf die Einsicht, wie weit wir die uns gebotene Schicksalsspende zu würdigen und zu benutzen verstanden. Mit einem Worte, der pessimistischen Stimmung gegenüber bedürfen wir der Weisheit und Gerechtigkeit, wie diese uns nicht durch Speculation und Grübelei, sondern durch klare Einsicht und billige Erwägung werden. Sie vermag jeder zu erlangen, der Kopf und Herz auf rechter Stelle hat und sich bewußt wird, welchen Gefahren er entgegengeht, wenn er sich jenem verderblichen Zuge überläßt. Aber wir können auch in's Allgemeine wirken. Und wodurch? Daß wir für das Judenthum durch Wort und Thal Zeugniß geben, laut und vor aller Welt! Gerade weil der Pessimismus nur eine Stimmung der Zeit, ist die Zahl derer, welche ihm principiell anhangen, welche ihn und seinen Buddhismus zum Inhalt ihres Denkens, vielleicht auch zum Leiter ihrer Gefühle gemacht haben, nur gering. Abseitens dieser bewegt sich in der Strömung jener große Haufe, der sich jederzeit von den lautesten Stimmen beherrschen, von den ihm neuesten und pikantesten Meinungsäußerungen anziehen laßt. Diesen gegenüber gilt es, an das zu erinnern, was immer in Geltung war, und worauf die Menschheit aufgebaut ist. Ihnen muß der Wahn benommen werden, als ob diese Lehre zum Schweigen gebracht worden, in den letzten Zügen liege, nur für die Gewohnheitsmenschen noch epistire. Dies ist ja das Geschrei der Pessimisten und Materialisten. Mil heuchlerischen Geberden geben sie jene für todt oder doch veraltet und überwunden aus. Das Gegentheil muß ihnen erwiesen werden. Wie die überkommene und stetig entwickelte Weltanschauung noch heute der Boden und der Lebenssaft für das ganze menschliche Dasein ist, wie sie, wenn auch verleugnet, in den Gegnern selbst lebt und ihnen Nahrung giebt für Herz und Geist: so besteht sie auch lebendig als Ganzes und Einheitliches, und dies ist es, was dem großen Hausen der Schwankenden, der hierhin und dorthin Neigenden, wie ihnen der Anstoß gegeben wird, ersichtlich gemacht werden muß, daß sie mit Aug' und Ohr darauf treffen. Wir müffen sprechen, wir müffen lehren und auseinandersetzen, wir müffen wirken unv schaffen in der Vollkraft der Ueberzeugung und in der Sicherheit des Sieges. Das Judenthum ist unstreitig jetzt die Religion, in deren Schooße die größte Gewiffensfreiheit lebt, d. h. mit welcher sich die Anschauung des Individuums am ehesten vereinbaren und ausgleichen läßt. Bei aller Bestimmtheit seines Bekenntniffes hat es keine Reihe formulirter und fipirter Dogmen, mit welchen das denkende Individuum nicht auszukommen vermag. Es hat keine Priester, welche auf engherzigen Glaubenssätzen bestehen unv außerhalb derselben die Berdammniß proclamiren. Es hat keine Sacramente, deren Antheil dem Lebenden und Sterbenden verweigert wird, wenn er sich einen Schritt von dem geschloffenen Kirchenthum entfernt hat. Die Institutionen des Judenthums stehen Jedem offen, der an sie herantritt, mag er sonst sich nach seinem Gewiffen zu ihnen verhalten. Das Jubenthum hat keine Gewiffensrichter; es erkennt in religiöser und sittlicher Beziehung nur einen Richter an, sir: avvra „das Gericht ist Gottes!" — Und darum vermögen alle seine Bekenner sich in ihm immer wieder ein- und aufzubauen. Darum wiedersteht es allen Strömungen der Zeiten und selbst den verkehrtesten Richtungen der Zeiten. Die Freiheit, die es aus seinem Innern entwickelt und die ihm die geschichtlichen Verhältniffe gegeben haben — ihm, das früher mit seinem Staate identisch war und dann dem Staate völlig fern kam — diese Freiheit, die nicht in der Luft stattert, sondern die auf dem uralt-historischen Boden steht und wurzelt, ist das Palladium des Judenthums für dieses selbst, wie für jeden seiner Bekenner. So pflanzen wir immer wieder diese Standarte auf, daß sich zu ihr sammeln können, auch die sich weitab verloren hatten! Möge von diesem Geiste beseelt, jeder Jude auch nach außen hin wirken, so weit es seines Theiles ist, insonders derjenige, der mit der Oeffentlichkeit in Berührung kommt, und es wird überwunden werden, was auf dem jetzigen Menschen lastet.

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