Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1876)
- Date
- 1876-08-22
- Page
- Seite 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Dies heißt doch dem Leser etwas viel zumulhen, wenn er an den Muttermörder Nero denkt und an die vielen Verbrechen, die der unsinnige Herrscher bereits begangen hatte; wenn er ihn gleich darauf an unschuldigen Opfern die unerhörtesten Greuel, und zwar mit persönlichem Wohlgesallen ausführen, zugleich ganz Italien und alle Provinzen unter dem Vorwände, daß die Wiederherstellung Roms eine allgemeine Sache sei, durch seine Creatureu auf's Aeußerste ausplündern sieht (wie dies TacituS Annal. XV, 45. beschreibt!. Die Maßnahmen Nero's laffen vielmehr auf Vorausberechnung schließen, und sind andererseits aus der Furcht vor den Excesten der Verzweifelnden zu erklären. Nahm er doch den größten Theil des abgebrannten Stadtterrains für sich in Anspruch, um einen Palast von größtem Umfang mir Park, Seen und ganzen Waldungen anzulegen, was jedoch nur in beschränkterem Maße ausgeführt wurde. Doch, wie gesagt, eine weitere Untersuchung der Frage ist nicht unsere Sache. Wir wollten Herrn Stahr nur einer Escamotage zeihen, die er sich hierbei gestattet, und welche für seine historische Wahrheitsliebe kein besonderes Zeugniß ablegt. Diejenigen, welche Nero zu seinen Opfern ausersehen, um den Verdacht von sich abzuwälzen, waren, wie Tacitus und Sueton berichten, die Christen. Im 44. Cap. berichtet Tacitus, daß, da alle Spenden Nero's, alle religiöse Ceremonien zur „Versöhnung der zürnenden Götter" nichts halfen, um das Gerücht zu beseitigen, er als Angeschuldigle die Christen unterschob und mit den ausgesuchtesten Qualen marterte. (Xero subdidit reos et quaesilissinns poenis adfecil. quos per (lagilia invisos vulgus Christianos appellabat.) Er erzählt hierauf, daß der Urheber dieses Namens Christus gewesen, der unter Tiberius durch den Prvcurator Pontius Pilatus hingerichtet worden, und daß sich diese — von Tacitus mir den schimpflichsten Worten bezeichnete — Secte, die ihren Ursprung in Judäa gehabt, nicht blos in diesem Lande, sondern auch in Rom verbreitet hatte, quo cuncta undique atrocia aut pudenda conlluuni celebranturque. Die ersten. die ergriffen und gemartert worden, hätten die übrigen Mitglieder ihrer Secte bekannt. Mit ähnlichen Worten Sueton. Nun sollte man doch glauben, daß dies deutlich und unzweifelhaft gesagt fei. Von der Thatsache könnte man meinen, was man wolle, aber daß die Christen die Opfer des Nero gewesen, kann doch nur als zweifellos angesehen werden. Dennoch gefallt dies Herrn Stahr nicht. Er meint, Nero habe die Christen nicht beschuldigt und ergreifen lasten, sondern Juden, und diese hätten die ihnen als „damalige Reformjuden verfaßten Christen" angegeben, so daß diese als Opfer fielen. Wir müsten Herrn Stahr diese Behauptung als nach Tacitus und Sueton völlig erdichtet zurückschieben, und meinen, daß er doch schon seine Phantasie zu viel zur Rettung seiner Schützlinge Tiberius und Nero habe spielen laffen, um sie nun noch zu Erfindungen zu verbrauchen, welche den Quellen geradezu widersprechen. Tacitus erwähnt der Juden mit keiner Silbe; er unterscheidet die Christen von den Juden geradezu, nicht blos indem er ihren Namen erklärt, sondern sie auch in Judäa entstehen und sich in diesem Lande seit Tiberius verbreiten laßt. Dies ist doch Unterscheidung von den Juden genug, von denen, welche seit 15 Jahrhunderten in Judäa wohnten, nicht gesagt werden konnte, sie hätten sich feit Tiberius in Judäa verbreitet. Tacitus fügt ausdrücklich hinzu, daß zuerst Christen ergriffen worden, die dann eine Menge Anderer anzeigten. Was also hier Stahr den Juden unterschiebt und hierzu einen „Haß gegen die damaligen Reformjuden" verwendet, ist von ihm erdichtet, und erweist abermals, wie alle diese Herren beständig geneigt sind, den Juden Gehässigkeiten nachzusagen, auch wo nicht der entfernteste Grund vorhanden ist.') Aus Hechingen. Ein hiesiges Blatt bringt vom Archivar Schnell in Sigmaringen einen Artikel: „Formel eines Eides der Juden". Wir lasten hier die Einleitung folgen: „Die Juden, welche bei uns in officieller Weise zuerst „Hebräer" und später „Israeliten" genannt wurden, verstanden es vortrefflich, unter dem Schutze der vielen kleinen Territorien, in welche das deutsche Reich und der schwäbische Kreis insbesondere eingetheilt war, an vielen Orten sich anzusiedeln. Nach ausgestandenen vielen Verfolgungen waren sie eines kräftigen Schutzes sehr bedürftig, dafür liehen sie ihrem Schutzherrn willige Dienste. Von diesen Niederlastungen aus, welche von den Wohnsitzen der Christen meistens separirt waren, trieben sie einen schwunghaften Kleinhandel, hauptsächlich mit Vieh. Nach einem stillschweigenden Uebereinkommen hatte jeder Jude sein besonderes Handelsrevier. Am Vorabend des „Schabes oder Sabbath" kehrten sie, fteundlichst empfangen und bewirthet von Frau und Kindern, in die Heimath zurück, um dieselbe am Morgen des christlichen Sonntags, mit dem Zwergsacke auf dem Rücken und mit einem kleinen Mundvorrath versehen, wieder zu verlasten. Die Genügsamkeit der früheren Juden in Speis und Trank war eine ftaunenswerthe. Ihre Lieblingsspeise sind die sogenannten „Grieben", mit denen ihre Taschen gefüllt sind. Solche Ansiedelungen von Juden waren in Hohenzollern zu Hechingen mit der neuen Colonie Friedrichsstraße, zu Haigerloch im sogenannten „Haag" und in Dettensee. Ohne Zweifel durch den Einfluß der hebräischen Sprache heißt dieser Ort jetzt noch im Bolksmunde „Dättsail". In Haigerloch und Hechingen hat das jüdische Element auf den Charakter, auf Sitten und Geil Daß wir die Beschuldigung, die Stahr auf die Juden in Rom wirft, nicht ungerecht beurtheilen, ist B. aus der 1875 bei Didier in Paris erschienenen llistoiredes persecutions de l’Eglise jusqu’ ä Ja lin des Antonins par M. Aube ersichtlich, die von einer solchen Thrilnahme der Juden an den Anklagen Nero's gegen die Christen nichts weiß. Vergleiche auch Kevue des deux mondes vom 15. April 187f>, S. 7'17.