Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1876)
- Date
- 1876-08-22
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227104--34695-3304596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
545 gegen den Redner des zweiten Theiles Elihu vor, der für einen jugendlichen vorwitzigen Schwätzer gehalten wird. Man müßte doch einsehen, daß der Dichter einen groben Fehler begangen, wenn er eine solche Figur gegen Ende seines Meisterwerks eingefuhrt und ihr einen so großen Raum gewährt hätte. Es verhält sich aber ganz anders. Der erste Theil Hiobs ist der kritische, negirende, welcher den alten Lehrsatz der strengen Gerechtigkeit in den Lebensschicksalen des Menschen bekämpfte und vernichtete. Der zweite mit Cap. 29 anhebende Theil ist der dogmatische, und dem Elihu ist es zuerrheilt, das neue Dogma von der Prüfüng des Menschen zur Entwickelung seiner Seelenkraft zum „Lichte des Lebens" auszustellen, so daß das Leiden ein Erziebmittel Gottes für den Menschen sei, mit Hinweisung aus die Unsterblichkeit der Seele. Hieran schließt sich dann das zweite Dogma, welches in den Reden Gottes entwickelt wird. Wir können dies nur andeuten, und verweisen aus unsre Einleitung zum Buch Hiob, sowie aus unsren Commentar zu Capitel 29 und 32. Ebenso wenig kann Göthe's Faust geradezu des Pessimismus geziehen werden. Bor Allem mußte der Unterschied res Bodens hervorgehoben werden, aus welchem sich die beiden Dichtungen bewegen. Hiob hat es nur mir dem von äußeren Leiden und Schmerzen heimgesuchten Menschen zu thun; sie stammen nicht aus dem Inneren des Dulders, sind unverschuldet, und eben dies ist die Quelle der Zweifel und Klagen. Gerade entgegengesetzt kommt bei Görhe alles Unheil aus rem Seelenzustande des Faust, und es werden ihm alle Güter rer Erde zur Verfügung gestellt. Wie bei Hiob der Satan jene äußeren Unglücksfälle bewirkt, so schasst bei Faust Mephistopheles alle Glücksgüter zu desien Verfügung herbei. Bei Hiob geht es also von außen nach innen, bei Faust von innen nach außen. Ebenso bleibt Hiob aus dem Boden rer Reflexion,'während Faust sich in das wirkliche Leben versenkt. Göthe hat wiederholt von sich ausgesagt, daß, wenn er von einem tiefen Schmerz und Seelenleiden erfüllt gewesen, er ein Gedickt daraus gemacht habe und damit des Schmerzes frei und ledig geworden. Das ist schon nicht rein pessimistisch, denn der Pessimist will ja gerade, daß rer Mensch den Schmerz niemals los werden könne. Sehen wir nun genauer zu, so haben die bedeutendsten Dichtungen Gölhes keine andere Tendenz, als zu zeigen: daß jeder einseitige Schmerz, wenn der Mensch sich ihm überläßt, zum Untergänge führt. So ist es in Werther der übertriebene Liebesschmerz, der zum Selbstmord führt, in Egmont der politische Schmerz, dem weder Schlauheit noch Energie entgezengestellt wird, der aus das Schafsot bringt. So im Tasio der Schmer; des unbefliedigten Dichters, der an die Schwelle der Geistesverwirrung leitet. So endlich im Faust der Schmerz ces Denkers, der auf Dem Wege der Wisienschasr und Speculaticn zu keinem sichern Resultate, zu keiner ihn überzeugenden Erkenntniß gelangt, und dem nun dieser Schmerz, sein Unbesrietigtsein, im Gegensatz zu seiner früheren Ueberhebung über die Grenzen des Menschlichen, in den Smnenraumel stürzt, in welchem er jede sittliche Kraft verliert und untergeht. Dies ist doch wahrlich kein Pessimismus! Wenn Hiob die Zweifel und Klagen rurcb eine wahrhaft sittliche und religiöse Anschauung zu überwinden lehrt: so zeigt Göthe, daß jedes Uebermaß einseitiger, über die von Natur und Geschichte gegebenen Grenzen hinausgehenden Bestrebungen und Leidenscbaslen zum Untergänge führt, also durch Mäßigkeit und Sittlichkeit überwunden werden muß. — Hingegen können wir uns mit dem zweiten längern Vortrage in völliger Ueberenisiimmung erklären. Er führt die Ueberschrift „CulturLamps und Kampf ums Dasein", nimmt jedoch diese nicht als die Schlagwetter, wie sie gegenwärtig gebraucht werden, sondern in ihrem allgemeinen Sinne und wendet sie dann auf das Judenthum an. Er will Nachweisen, daß „1) der Kamps um's Dasein, den das Judenthum des Mittelalters zu bestehen hatte, ein Culturkamps war, d. h. ein die Cultur fördernder Kamps und 2« daß nur im Dienste der Culrur ras Judenthum rer Gegenwart seinen Kamps ums Dasein bestehen kann." Dieser Nachweis gelingt rem Versasier in genügendem Maße. Er bereitet dem Judenrhume im Mittelalter eine Rechtfertigung und Verherrlichung, wie sie ihm alle jene Götzendiener jeder verlebten Sine und Satzung nicht zu bieten vermögen, und charakterisirr die Stellung des Judenlhums in der und zur Gegenwart und Zukunft in klarster und sicherster Weise. Wir haben uns an diesem Vorträge wahrhaft erbaut und empfehlen ihn daher dringend zur Lecrure und Würdigung. 6iMxc&u.c&teit. Deutschland. Stuttgart, 7. Aug. lSch. M.) Heute tagte hier die freie Conferenz israel. Lehrer und Vorsänger. Am Vorabend hielt der Ausschuß des Unterstützungsvereins für israelit. Lehrerwittwen und Waisen Sitzung. Dem Vereine sind in diesem Jahre wieder reichliche Spenden zugeflofsen, unter denen die Munificen; des hohen Königspaares oben ansteht; auch Stiftungen auf den Grundstock sind angefaüen. Es konnten an 9 Wittwen theils mit, theils ohne Waisen, 640 Mark in 9 Portionen von 60 bis 80 Mark vertheilt werden. — Die Versammlung war von der Hälfte sämmtlicher israel. Lehrer, von 26, besucht. Nachdem durch den Bereinsvorstand, Herrn Liebmann, die Versammlung begrüßt und eröffnet worden, war der erste Gegenstand der Tagesordnung: „Die Rellgions Prüfungen an den israelit.