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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-22 · Heft 34 (22.8.1876) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 34 (22.8.1876)
Date
1876-08-22
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
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544 hoffnungslose Zeiten, wurden plötzlich durch das Hereindringen des Idealen zu einem neuen Leben geweckt und für lange Perioden vorbereitet. Als die antike Welt abgestorben zerbröckelte, brachte das Christenthum aus dem Judenlhume das Ideal in die heidnische Welt. Als Vas Mittelalter seine Lebenselemente in seinen Schöpfungen, dem Papstthum und dem Feudalstaate, verzehrt hatte, brachte die Wiedererweckung des Antiken durch den Humanismus und die Renaissance wieder das Ideale in Geist und Leben hinein. Dies fand für noch beschränkte, einseitig entwickelte Culturen statt. Wie sollte es nicht in unsrer Zeit bei der großartigen Entfaltung der Civilifation, bei den zahllosen treibenden Factoren des Geistes, bei dem vertieften Bewußtsein, bei dem raschen Leben auf allen Gebieten des menschlichen Daseins rer Fall fein? Der vorherrschende Realismus ist nur Folge bestimmter erkennbarer Ursachen: die allgemeine Unzufriedenheit durch den zeitweise bedingten Verlauf der Entwickelung herbeigeführl. Sie ist eben nur Stimmung, nicht das Wesen unsrer Zeit. Es besteht kein allgemeiner Verfall der civilistrten Welt; wenn in der einen Nation sich Symptome der Auflösung zeigen, so treten dafür andere mir verjüngter Energie und frischen Kräften ein. Die Ereignisie, wie sie den Zuständen entspringen, kommen selbst zur Hülfe. So ist bereits ein großer Schritt geschehen. Die ungeheure tf rtfe, rer plötzliche Verlust schwindeliger Werrhe, der Zusammenbruch erkünstelter Industrien mit allen ihren traurigen Folgen haben dennoch einen Umschwung zur nothwendigen Wirkung. Das Fieber der Hab- und Genußsucht hat sich gelegt, die Begier nach leicht erworbenem Reichthum ist abgekühlt; die alleinige Werthschätzung cer äußeren Güter ist gewichen. Bildung, Verdienst, Recht und Sittlichkeit gelangen wieder zur Anerkennung und Achtung. Somit ist das gefährlichfte Stadium wieder überwunden. So wenig wie in den verzagtesten Herzen die Hoffnung jemals ganz erstirbt, so wenig wie es den Geist jemals ganz befriedigt, blos in der Atmosphäre des Erdballs zu leben, so wenig wie sich das Auge jemals entwöhnt, zum Himmel aufzublicken, zum Sonnenball, der droben wandelt, und zum Sternenmantel der Nacht — so wenig bleibt das Ideale aus den Geistern gebannt für immer. Und so wird auch unser Geschlecht das Sumpffieber des Pessimismus wieder überwinden und dem „Nichts" seiner Paradoxien den Rücken kehren. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 9. August. Von dem „Neuhebräischen und chaldäischen Wörterbuch über die Talmuvim und Midraschim von Rabb. Prof. vr. I. Levy", das bei F. A. Brockhaus in Leipzig erscheint, und über welches wir bereits wiederholt referirt haben, liegt uns' jetzt die fünfte Lieferung vor. mit welcher zugleich der erste Band schließt. Dieselbe enthält den Schluß des n, sowie i und 7, Nachträge zu diesen Buchstaben von Prof. Fleischer, einige Berichtigungen und Zusätze, das Vorwort nebst dem Titelblatt zum ersten Bande. Das Vorwort verspricht zum dritten, d. i. letzten, Bande eine ausführliche Abhandlung über den Geist des rabbinischen Schriflthums, die Eigenartigkeit des hier behandelten Sprachgutes, das Verhältniß dieses Idioms zu den mit ihm verschwisterten orientalischen Dialecten und den Nutzen des Studiums der rabbinischen Literatur. Wir sehen so dieses schätzbare Werk rüstig vorwärts schreiten und bedauern nur, daß der Preis so überaus hoch gestellt ist, «der eben beendigte Band von 567 Seiten gr. Lexikonformat kostet 30 Mark), was selbstverständlich größerer Verbreitung im Wege steht. — Religiös und zeitgemäß. Eine Peßachpredigt von Dr. L. Adler, Landrabbiner. Caffel, 1876. Das wichtige Thema dieser bemerkenswerthen Predigt ist, zu beweisen: „was wahrhaft religiös, das ist auch zeitgemäß, und was in der Wirksamkeit zeitgemäß, das ist auch religiös!" Der Redner führt diesen Beweis mit vielem Geiste und reinster, religiöser und sittlicher Gesinnung. Jndeß gestehen wir, daß die Predigtform nicht die geeignetste scheint, ein solches Thema strikt und irgend erschöpsend zu behandeln, oder man müßte für Liese Gelegenheit aufgeben, eine Schriftstelle oder einen Midrasch als Leitfaden zu wählen, vielmehr einfach auf die Sache losgehen und die Frage nach ihren selbstverständlichen Theilen behandeln. So aber geht zu viel auf die Einkleidung und Auslegung darauf, die hierbei doch nur Nebensachen sind. Bei der umfaffenven Sachkenntniß und der Geistesschärfe des Verfaffers wünschten wir den Gegenstand ausführlich in einer Abhandlung von ihm bearbeitet. — Zwei Vorträge zur Förderung der Humanität von llr. L. Adler. Caffel, Klaunig, 1876. Das Schriftchen schließt sich würdig einer ffüher erschienenen Sammlung ähnlicher in demselben Vereine gehaltener Vorträge des Verfaffers an. Der erste Vortrag enthält eine Vergleichung des Buches Hiob und des Faust von Görhe, ein Versuch, der nicht ganz neu ist, und wozu Golhe selbst auch äußerlich Veranlagung gegeben. Obschon nun cer Bortrag sehr lesenswerrh ist und manche treffliche Bemerkung bringt, sich auch schon durch den Freimuth auszeichnet, mit welchem den Vorurtheilen entgegengeirelen wird, die zu Gunsten der einen oder der anderen der beiden großen Dichtungen im Schwange sind: so scheint uns doch die dargebotene Analyse weder erschöpfend, noch ganz gerechtfertigt. Wir können unsrer Meinung nach nicht zugeben. Hiob geradezu als Optimist und Faust als Pessimist zu bezeichnen. Hiob zeichnet vielmehr die pessimistische Seelenstimmung des Individuums mit ergreifender Wahrheit, und will angeben, wie diese zu überwinden sei. Wir haben dies erst vor Kurzem in d. Bl. erwiesen. Hiob giebt zu, daß eine solche Stimmung wohlbegründet, an sich wahr ist und nur durch besondere Erörterungen beseitigt werden könne. Er betont jene mit so großem Nachdruck, daß wir den Verfasser nicht als Optimisten anzuerkennen vermögen. Auch herrscht bei dem Verfasser noch das Voruriheil

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