Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1876)
- Date
- 1876-08-22
- Page
- Seite 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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543 einer solchen Zeitrichtung nicht verbleiben kann, daß sie eine wirkliche Entwickelungsphase des Menschlichen nicht bedeutet. Diesem Idealen, wie wir es eben charakrerisirt haben, hat das Judenthum von seinem Beginne angehört und ihm gedient. Immerhin gab es auch in ihm Perioden, wo das Ideale im Realen, die Idee in der Form säst verschwand. Sein Wesen aber beruht in dem wahrhaften Verbältniß des Idealen unv Realen. Wie es mit Gott unk desien Wellschöpfung beginnt, den Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen erklärt, ihm die Freiheit des Geistes und der Entwickelung von der Urzeit an — wie selbst der Bericht von der Sinistuth erweist — zuschreibl, in der Natur die Verwirklichung des göttlichen Gedankens und Willens erblickt, wie es überall die Ehrfurcht vor Gott, die Liebe zu Gott, die Nacheiferung Gottes, die Uebung res Rechts und der Liebe im wirklichen Leben als Gehorsam gegen das Gesetz Gottes, denn Recht und Liebe fließen ihm unmittelbar aus Gorr, als das Höchste lehrt für das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen, wie es hierdurch das wirkliche Leben fruchtbar und segensreich, voll Schaffens und Befrledigens ansieht; wie es die gesetzlich geordnete Freiheit und die Gleichheit Aller vor dem Gesetze als die Grundgesetze der Gesellschaft verlangt — dies brauche ich hier nicht näher auseinander zu setzen; es ist bekannt und offenbar für das Auge jedes wahrheitsliebenden Forschers. Lasten Sie mich nur eine eigenthümliche Ausprägung dieses Geistes hervorheben. Für mich hat das 28. Capitel des Buches Hiob, dieser Schluß des ersten Theiles, stets einen besonderen Reiz gehabt, ich gebe zu, auch durch die höchst poetische Einkleidung, wohl auch durch die prägnante Schilderung des alten Bergbaues, am meisten jedoch durch den herrlichen Gedanken, den es ausführl. Die Rede beginnt: „Einen Fundort har das Silber. Eine Stätte das Gold, das man läutert;. Eisen wird dem Staub emholt, Stein zu Kupfer geschmolzen." Aber mit welchen Mühsalen und Gefahren ist dies verbunden. In die Finsterniß muß man eindringen, forschen „bis zur äußersten Grenze im Dunkel und Todesschatten." „Gänge bricht man fern vom Angehörigen; Von dem Fuß vergesten, hängen sie, Fern von Menschen wanken sie." Da vollbringt der Mensch Werke, die weil über die Fähigkeiten und das Thun der gewaltigsten Thiere hinausreichen: „Auf der Bahn, die nicht der Adler kennet, Nicht des Geiers Aug' erspäht; Nie beschrin das Raublhier sie. Und nie streift darauf der Löwe." Am Widerstande der Natur versucht sich der Mensch, und überwindet ihn. „An Granit legt man die Hand, Wühlet Berge von der Wurzel um; Durch die Felsen öffnet man Kanäle, Aus dem Träufelnden vereint man Ströme Und Verborgenes wird zu Tag' gebracht." Der Lohn ist der Reichlhum an Schätzen, Gold der Gewinn, Silber und Erz, Schoham, Saphir, Topas und Krystall. „Doch die Weisheit, wo ist sie zu sinken? Und wo ist der Einsicht Ställe?" Alle die gewonnenen Schätze mit ihrer irdischen Herrlichkeit und ihrer nützlichen Verwendung in allem menschlichen Werk wiegen die Weisheit nicht auf, unv durch sie und für sie wird sie inchi erworben. Ja, Erde und Meer, Höhe und Abgrund vermögen uns durch sich die Weisheit nicht zu geben, und bieten sie uns auch die Fülle leiblichen Gutes und Genustes. Denn die Weisheit ist nur bei Gott; er hat sie „verwirklicht" (rr.'zn) in der Schöpfung, „Als er Gewicht dem Winde gab. Und die Waffer nach Ni aßen geordnet. Da er Gesetz dem Regen gab, Bahn dem Wetterstrahl." Nur von Gott kommt dem Menschen die Weisheit, und gipfelt für diesen schließlich in dem Satze: Siehe, Gottesfurcht ist Weisheit, Das Böse meiden Einsicht!" — Hier haben wir den wesentlichen Gedanken des Iudenthums. Für ren Menschen besteht das Ideale und das Reale. Das Ideale wird hier „Weisheit" genannt, das Reale in den aus dem Schooße der Erde heraufgeholien schätzen repräsenürl. Diejenigen, welche mit aller Anstrengung und Gefahr für das Reale arbeiten, gleichen den Bergleuten, die in die Tiefe dringen, pfadlos, am Gestein hängend. Aber kiese Realisten schaffen Gewinn zu Glanz und Nutzen herauf — «also noch lange nicht Pessimisten, welche nur taubes Gestein und Schlacken aufsinden und herausschaffen.) Dies ist immerhin von Werth — jedoch nur wenn sich das Ideale damit verbindet. Dieses Ideale ist allein in Gott und in dem was im Menschen göttlich ist. Nicht die Speculation an sich ist die Weisheit, sondern wenn diese zu Gott hinaufführt und das Reale durch Gottesfurcht und Sittlichkeit gestaltet. Das Judenthum verachtet demnach durchaus nicht das Reale, unv legt das Ideale nicht in ein Jenseits, nickt in Forderungen, die über die menschliche Natur hinausgehen, also mir dem Realen nie Zusammentreffen. Sondern ein gesundes, fruchtbares und segensreiches Dasein findet es allein in dem Idealen, das das realistische Dasein durchdringt, läutert und beherrsch: und so zu den Höhen res Idealen erhebt. Hiermit glaube ich die Fragen, die ich an die Spitze dieses Schreibens gestellt, beantwortet zu haben, selbst Zeiten, die dem Materialismus noch ganz anders anheimgefallen waren, als die unsrige, Zeilen völliger Auflösung und Verwesung, trost- und 34*