Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1876)
- Date
- 1876-08-22
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
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542 riese Motive wirkte zugleich auf ven Geist unsrer Zeit ver außerorventliche Aufschwung rer Jnvustrie unr des Handels. Gewaltige Entdeckungen unr Erfindungen, wie rre Benutzung der Dampskrast und rer Elekrricität im Großen und zahllose Beobachtungen rer Wissenschaft zu Gunsten der Technik nach allen Zweigen derselben wandelten in sehr kurzer Zen das ganze industrielle, commercielle und volkswirthschasklicbe Leben rer civilisirren Völker um. Die Nachwelt wird diese großartigen Schöpfungen unsrer Zeit gerade so zu bewundern haben, wie es bis jetzt mit denen des fünfzehnten unv sechzehnten Jahrhunderts der Fall war, natürlich daß unsre Zeit in viel größerer Ausdehnung ihre Leistungen vollbrachte als die frühere Periode. Ein solcher übermäßiger Aufschwung bleibt aber nicht ohne tiefgehenre geistige und besonders sittliche Wirkungen. Der Geist wird durch die riesigen materiellen Erfolge, durch die erweiterte Herrschaft über ras Reale, durch die Anhäufung alter und neuer Werthe, durch die anwachsenren Bedürfnisse und Mittel rer Befriedigung befangen und nicbt blos rm Uebermaß feiner Thäligkeir. sondern auch in seiner Richtung und Anschauung auf das Reale, auf das Materielle geleitet. Hierzu endlich kommt der Gang der politischen und socialen Verhältnisse. Eine lange Stabilität geht voran. Aus ihr ringt sich die Erkenntniß des Besseren heraus. Die Mangelhaftigkelt der Zustänve, der Druck der allen Verhältniffe, die Verkehrtheit rer verlebten Einrichtungen machen sich immer fühlbarer. Das Streben nach Umwandlung erwacht immer stärker und sucht nach Bahnen der Verwirklichung. Dies ist die rechte Zeit des Idealen. Nicht in der Aufstellung unerreichbarer, über das Menschliche binausreichendcr. geradezu fantastischer Gebilde besieht das Ideale, sondern in der Erkenntniß höherer Grundsätze, in geistigem Leben innerhalb derselben, im Streben nach deren Verwirklichung, im Auffinden der Gestaltung derselben und in der Zuversicht vereinftiger Verwirklichung. Diese nähert sich, wird sichtbar: die Geister sind davon durchdrungen und die Weltverhälrnisie schicken sich dazu. Gewaltige Ausbrüche erfolgen, denn die fortgeschrittene Entwickelung der Masie will sich rem Bestehenden nicht mehr fügen. Diese Ausdrücke rufen aber durch ihre extreme umwälzende Tendenz alle Kräfte zum Kampfe auf, die an rem Bestehenden noch Interesse haben. Tie organisirre Reaclion siegt über die unorganisirte Revolution. So tritt eine Enttäuschung ein, eine Verbitterung, eine Verzagtheit und Demüthigung — das Ideale ist entehrt, verliert die Achtung, die Begeisterung. Es hatte auch in den nunmehrigen Siegern gelebt, die es erst aufgegeben, als sie sich gefährdet sahen. Die Masie, deren Zustand ja rennock unter diesen Vorgängen bester geworden, hält es mir den Siegern. Mögen nun die Verhältnisie, die stärker sind als die Menschen, die triumphirenve Partei selbst zwingen, der Richtung der Zeit zu folgen und von den Grundsätzen und Ideen der Gegner ein bedeutendes Maß anzunehmen und deren Verwirkltchung zuzugestehen: es entspringt doch hieraus ein Makeln und Handeln, ein Ausgleichen und Abchleifen, das schließlich beide Theile unbefriedigt laßt. Ideen, vie erst durch gegenseitige Niederlagen zur Herrschaft und zwar immer beschränkt, unv die durch das Schwert erst zur Ausführung kommen, haben den Charakter des Idealen verloren. In diesen Sätzen findet Derjenige, welcher die letzten 40 Jahre durchlebt hat oder ihren Verlauf kennt, die Ereignisie dieser Zeit abgespiegelt. Der gegenwärtige Stand der politischen Verhältniffe, das immer noch drohende Gespenst der Reaction, die noch lange nicht überwundenen Einflüffe der Vergangenheit, das stetige Dräuen der Kriegsfurie, die dadurch bedingte Krlegsbereitschaft und Anspannung aller Kräfte für das Heerwesen sind für das Ideale so niederschlagend und erdrückend, daß es aus dem allgemeinen Geiste weichen mußte. So wenig endlich wie der Ultramontanismus, ficht der Socialismus aus einem idealen Gesichtspunkte, ist vielmehr desien völlig baar. Nicht die Berbefferung der Lage der sg. arbeitenden Claffen, sondern eine Alles zerstörende Umwälzung, welche geradezu das Nichts der Gesellschaft zum Kernpunkt hat, welche Arbeit unv Ertrag auf ein Minimum herabsetzen, und alle Frechen und Indivivualltät erdrücken würde, ist der Gedanke und das Ziel des Socialismus, und alle Mittel, die er vorschlägt und zum Theil bereits anwendet, sind brutaler Natur. — Ich glaube nicht, daß ich als Pessimist gezeichnet habe. Ich erkenne vielmehr an, daß viele von den obigen Erscheinungen ihre volle Berechtigung und nicht zu unterschätzende Wirksamkeit, alle eine historische Nothwendigkeit für sich haben. Nur daß ihre zeitweisen Einsiüffe dem Idealen durchaus feindlich sind und deshalb jene allgemeine Unzufriedenheit erwirken mußten, welche wir als die Ursache der pessimistischen Geistesrichtung unsrer Zeit erkannt haben. Was ist aber das Ideal? Das wahrhaft Ideale ist enthalten in Gott, liegt für den Menschen in dem Göttlichen, das seiner Natur eingesenkt rst, in der Freiheit-und der Liebe, im Rechte und in der Sittlichkeit. Was diesen höchsten Motiven der Seele widerspricht, was sie verleugnet und aus dem Menschen bannen will, das ist der Gegner des Idealen. Darum aber ist auch das Reale an sich gar kein Gegensatz zum Idealen, so wenig wie Gott und die von ihm geschaffene Welt ein Gegensatz sind. Vielmehr wie das Wesen Gottes in der Welt sich ausgeprägt hat und ausprägt: so auch das Ideale im Realen. Es giebt Zeiten, wo die Idee und die Wirklichkeit in der menschlicken Gesellschaft einander fernstehen, weil die realen Zustände in Stillstand verharren und in ihrer Entwickelung weit hinter der der Idee geblleben sind. Beide aber streben einander zu, bis sie sich wieder erreicht haben, und die Idee das Reale befruchtet und umgestaltet. Dann kommen aber auch Zeiten, wo das Reale überwuchert, wo, wie wir oben gezeichnet, theils durch die Enttäuschung, die das Ideale betroffen, theils durch die riesigen Maße, welche das Reale gewinnt, dieses letztere die Geister in Besitz nimmt und vorzugsweise beherrscht, bis es fast ganz materiell geworden. Doch es ist leicht erkennbar, daß es bei