Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1876)
- Date
- 1876-08-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zeiluni Allgemeine des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles indische Interesse. Hevausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Banmgärtaer's Buchhandlung irr Leipzig. Beilagen werden mir l Mark öd Ps. pro Hundert berechnet. 3n redacriouellea Angelrgeuheiren wende man sich an Or. t. Ilijilippfoii in Bonn; diufichtli» des Bezugs und der Inserate an Naumgürtuer'« Luchdaudlau, inLeivzig. Inserate, welche dis voaiier,- t»ß eingeben. finde» in der darauffolgende» Nummer BerüSfichtiguug. Diese »ieituna wiv^>n+fi<f> ei»A, l ^iS Biertrljährra 3 'Niart. Inserate w«den mit 2» Pf. kur die Petitzeile oder deren Ran» berechnet. «Ule Buchhandlungen, Postämter und ZeivrngS-Expeditionen 40. Jahrgang. Leipzig, den 22. August 1876. JS? 34. Inhalt. Leitende Artikel: Ueber den Pessimismus. IV. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Stuttgart, München, Fürth, Weißenfels» Wronke (Posen). — Großbritannien: London. — Rumänien: Bonn, Bukarest. — Feuilleton: Correspondenz: Ans Hessen. — Vermischtes. Jielk&iu)e dJCttilef. Bonn, 16. August. Ueber -en Pessimismus. IV. Sind unsrer Zeit wirklich die Ideale verloren gegangen? Ist sie gänzlich in das Dunstgewölk des Realen, in den Staub des Materiellen versunken? Hat dieser Zustand aus eine kürzere oder längere Dauer zu rechnen, oder ist er bestimmt, eine bleibende Entwickelungsphase des Menschen zu bilden? Zu diesen Fragen führt uns der Pessimismus unmittelbar hin. Zwar nicht an sich selbst, als System; denn der Pessimismus ist zuerst Leugnung alles Idealen, aber noch mehr Verurtheilung des Realen, das er für das möglich Schlechteste erklärt; er will das Nichts des ursprünglichen Buddah, wie er selbst sagt. Vielmehr ist es der pessimistische Zug, der durch die Geister unsrer Zeit geht, die Hinneigung zu und das Gelüste nach der pessimistischen Weltanschauung, welche die obigen schwerwiegenden Fragen nolhwendig veranlasien. Und allerdings können wir eine Flucht des Idealen, ein drückendes Vorherrschen res Realismus nirgends verkennen, wohin wir unsren prüfenden Blick werfen. Bon Poesie darf man gar nicht mehr sprechen. Ist die Lyrik geradezu in Mißachtung gefallen, die Epik als längst entschwundener Zeit angehörig betrachtet, so verlor doch die Dramatik selbst auf der Bühne ihre Stellung und erhall sich nur noch als Unterhaltungsmiltel in zweifelhafter Würdigung. Die plastische Kunst hat sich dermaßen dem Realismus hingegeben und zur Lohnarbeit herabgewürdigt, daß sie eben nur noch die Magd des Luxus geblieben. Selbst die Musik, diese ganz eigentlich nur ideale Kunst, wird in ihrer neuesten Phase, in der sg. „Musik der Zukunft" zum bloßen Ausdruck des real Vorhandenen, theils zur nachahmenven Schilderung des Wirklichen, theils zum unmittelbaren Ausfluß des Wortes in dessen ursprünglicher Bedeutung herabgedrängt. Daß in der Wissenschaft die exaclen Disciplinen in den Vordergrund getreten, das Experiment, sowie die kritische Forschung vorzugsweise zur eigentlichen wissenschaftlichen Thätigkeit erhoben und die Philosophie wie überhaupt jede Abstraction verdrängt worden, dafür jedoch eine schrankenlose Hypolhefenfucht, diese wissenschaftliche Mißgeburt des Realen und Idealen, an die Stelle getreten — diesem Allem spreche ich nicht seine Berechtigung ab. muß ihm jedoch eine Wirkung zuschreiben, welche sich in der allgemeinen Tendenz der Zeit wiederspiegelt und von allem Idealen absührt. Auch in dem jüngst entbrannten sg. Culturkampfe kann ich nichts Ideales ausfinden. Die Kirche streitet nicht für Religion und Sittlichkeit, nicht für Frömmigkeit des Herzens und klärende Innerlichkeit des Geistes, sondern für ihre ganz reale Herrschaft, fürhierarchische Rechte, die sie dem Volke, soweit es hinter ihr steht, als gleichbedeutend mir der Religion insinuirt. Der Staat wiederum bekämpft seine Gegner nicht aus dem Princip ver Freiheit, sondern weil er diese priesterlichen Uebergriffe nicht dulden darf, ohne seine Existenz zu gefährden, wie es im Mittelalter geschehen. Mehr aber als alle