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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-15 · Heft 33 (15.8.1876) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 33 (15.8.1876)
Date
1876-08-15
Page
Seite 534 (sequence 12)
Language
German
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534 Rußland hinsichtlich der Tracht behandelt werden. Folgendes Geschichtchen wird nun der „N. fr. Pr." aus Galizien mitgetbeilt. Ein westgalizischer Jude war über die Weichsel nach Rußland gezogen, um dort, wie schon oft, seinen kleinen Handel zu treiben. Nun epistirt — wie kürzlich mitgetheilt — ein russischer Ukas, welcher den polnischen Juden die bei diesen übliche Lockentracht strengstens verbietet. Der galizische Jude ist vor diesem Ukas, trotzdem er österreichischer Unterthan ist, keineswegs behütet. Doch blieb unser Jude, als er auf russischem Gebiete einem Genvarmen begegnete, ziemlich gleichmüthig. Halle er ja schon oft die anmuthig von den Schlafen herunterbaumelnden Seitenlocken durch ein kleines Lösegelv geschützt, und so hoffte er, vas Herz des russischen Gendarmen auch diesmal zu rühren. Allein war die Forderung zu hoch, die Arm' und Aug' des Gesetzes diesmal erhoben, oder spielte sonst ein tückisches Schicksal mit, der Gendarm ließ sich nicht erweichen, zog eine Scheere, die er sür solche Falle immer bereit halt, aus der Tasche und stutzte dem österreichischen Juden Bart und Locken so kurz, daß der Geschorene jetzt einem freien russischen Unterthan schon ziemlich ähnlich sah. Seufzend schritt der Jude seines Weges weiter. Wie sollte er in seiner Heimathsgemeinde ohne den herrlichen Lockenschmuck sich zeigen dürfen, wie sollte er den Zorn des Weibes und den noch heiligeren Zorn des competenlen Ortsrabbi ertragen können? Da durchzuckte ein rettender Gedanke sein gequältes Gehirn: Der zierliche Spitzbart war nicht mehr zu retten, aber er kaufte sich künstliche Locken und befestigte sie so geschickt unter der kleinen Sammtkappe, daß nur das sehr geübte Auge eines denkenden Künstlers die Täuschung hätte entdecken können. Während der Jude fröhlich wieder nach Oesterreich zieht, begegnet er plötzlich dem furchtbaren Gendarmen mit der lockenmordenven Scheere. Der Mann des Gesetzes ist verblüfft über die formidable Raschheit, mir welcber dem polnischen Juden die Locken nachgewachsen sind; allein er erklärt sich das Phänomen mit der bekannten Fruchtbarkeit dieser Race und macht sich sofort daran, die neuen Schößlinge kurzweg abzuschneiden. Der Jude aber stellte sich diesmal auf die Hinterbeine, wies den fictiven Charakter seines Haarschmuckes nach und behauptete, rer Ukas könne sich nur auf wirkliches, nicht aber auch auf redlich gekauftes Haupthaar beziehen. Der Gendarm war der gegenrheiligen Ansicht und unterstützte seine juristische Ueberzeugung durch bedrohliche Bewegungen mit der ominösen Scheere. Da hatte der Jude ein Einsehen, griff in die Tasche und gab dann dem Gendarmen einen herzlicken Händedruck, woraus der Gendarm seinerseits die Hand in die Tasche steckte und dabei so süß lächelte, wie es nur ein russischer Gesetzeswächter vermag. Der Jude wurde in Gnaden unter der Bedingung entlasten, daß er auf russischem Gebiete die falschen Locken in die Tasche stecke und dieselben erst auf heimathlichem Boden wieder an's Tageslicht fördere, was auch pünktlich befolgt wurde. Wie kürzlich mitgetheilt, schweben diplomatische Verhandlungen zwischen Wien und Warschau, um den österreichischen Juden die freie Wahl ihrer Tracht auch auf russischen Boden zu ermöglichen. Ein jüdischer Schützenkönig. DaS Vorurtheil, daß nicht auch Juden als Schützen tüchtiges zu leisten im Stande wären, ist längst beseitigt, nichtsdestoweniger finden sich jüdische Schützenkönige noch nickt so häufig, daß nicht auch d. Bl. davon Notiz nehmen sollte. Herr Nathan Schuck aus Pest, der erst kürzlich auf einem Schützenfeste am Rhein den ersten Preis davongetragen, bewies sich bei dem jüngsten Königsschießen in Ung.-Weißkirchen als ein so außergewöhnlicher Schütze, daß er schließlich als Schützenkönig ausgerufen und im wahren Sinne des Wortes als solcher gefeiert wurde. Vorigen Sonntag wurde der neue Schützenkönig unter Boranttagung der Fahne, cer Bürgergarden-Kapelle mir dem Commandanten, den Officieren des Schützenvereins an der Spitze, wie dem Gesangverein, der Feuerwehr und den Honorationen der Stadt zur Bahn geleitet, wo schon eine große Anzahl von Bürgern mit ihren Frauen harrten. Die ganze Gesellschaft begleitete Herrn Schuck, wie dortige Blätter berichten, mit der Fahne bis Jastenova und nahm den herzlichsten Abschied von dem Schützenkönig. Bemerkenswerth ist, daß in Ung.-Weißkirchen erst seil Kurzem und zwar nur sehr wenige Juden wohnen. Es ist merkwürdig, wie oft in unsrer Zeit Christen sich des bestehenden Christenthums zu schämen scheinen, und es dadurch zu verbergen suchen, daß sie dem Judenthume in die Schuhe schieben, was sie ihrem Christenthume vorwerfen. Ein Romanschreiber veröffentlicht im Feuilleton der Köln. Zeitung eine Erzählung „Die Tochter des Altgläubigen". Ein russischer Altgläubiger hat eine schöne Tochter, die er, um die in seiner Familie begangenen Sünden zu sühnen, für das Kloster bestimmt, diese ihre Bestimmung vollkommen acceptirt hat, schließlich aber liebt und geliebt wird. Der aufgeklärte Geliebte will sie überreden, und es gelingt ihm dies auch, dem Gelübde ihres Vaters pntreu zu werden. Er belehrt sie, „daß man den christlichen Gott der Liebe, in den jüdischen Gott des Zornes verwandelt habe". Nun, erhebt bekanntlich das Judenthum den vollsten Widerspruch gegen die Lehre des.Christenthums, das durch das Opfer eines Dritten die Schuld eines Anderen gesühnt werden könne, sowie daß durch Entsagung der Welt und die Abtövtung des Fleisches das Seelenheil erwirkt werden könne; auch ist ras Institut der Klöster nicht aus dem Judenthume hervorgegangen und konnte es auch gar nicht. Dies hindert aber dennoch nicht, wenn einem Christen jene Lehren nicht einleuchten, sie dem Judenthume zuzuschreiben, um das Christenthum als durch daffelbe gefälscht darznstellen.

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