Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1876)
- Date
- 1876-08-15
- Page
- Seite 533 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tobolsk 4× ep/2192993
- Minsk 2× ep/1000754
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533 es, daß ihr damals gerade Michel in die Hände lief, der ihr ungefährlich genug schien, ihn ohne Spruch und Urtheil, sogar ohne Ukas und Ordonnanz nach dem „Grab der Lebendigen" zu expediren. Unter der Regierung des Kaisers Paul, der einmal den gleichen Wunsch wie diesmal ein Großfürst hatte, war es ein preußischer Unterthan, der soeben in Petersburg eingelroffen war, den man zum Verbrecher preßte. Das gab diplomatische Schwierigkeiten und zuletzt mußte man den armen Teufel wieder aus Sibirien Heimrufen und ihn reich entschädigen. Bei Michel versah man sich solcher Fatalitäten nicht; um einen zerlumpten, armen litthauischen Juden kräht kein Hahn. Man behandelte ihn übrigens gnädig, man schickte ihn nicht in die uralischen Bergwerke, nicht auf den Zobelfang und nicht „zur Ansievlung in den nördlichen Theilen Sibiriens". Man schickte ihn nach Tobolsk. Tobolsk ist ein sibirisches Paris. Man lebt dort in Saus und Braus, trinkt, spielt und amüsirt sich, wenn man das Geld dazu hat. Doch daran fehlt es selten; die nach Tobolsk Verbannten sind meist politische „Verbrecher" aus den höheren Ständen, die von ihren Familien reichliche Subsidien erhalten. Es ist ihnen übrigens unbenommen, Geschäfte zu machen und Besitz zu erwerben, und manche von ihnen brachten es dort wirklich zu beträchtlicher Wohlhabenheit und blieben auch nach Ablauf ihrer Strafzeit als Colonifien dort. Dem Leben in Tobolsk würde, wenn man sich einmal darein gefunden hat, in Sibirien sein Dasein zu verbringen, nichts zur Behaglichkeit fehlen als — Dienstboten. Weil nur sehr selten, man kann sagen, fast nie Verbrecher aus den unteren Bevölkerungsclassen nach Tobolks deportirt werden, und kein Mensch in Rußland, und wäre seine Noch noch so groß, sich je dazu verstehen kann, freiwillig nach Sibirien zu gehen, die Kirgisen sich nicht gerne in Dienst begeben, so bleibt den vornehmen Sträflingen nichts übrig als die ihnen ungewohntesten und niedrigsten Verrichtungen selbst zu besorgen. Kommt aber einmal ein Deportirrer nach Tobolsk, der füglich einen Diener abgeben könnte, so ist er eine vielumworbene Persönlichkeit, wie nur irgend ein Virtuos in Europa. Eine solche Persönlichkeit war nun Michel. Er sah sich mit den verlockendsten Anträgen überhäuft und Summen wurden ihm für seine Dienstleistungen angeboten, die ihn schwindeln machten. Er überlegte einige Tage und faßte dann seinen Entschluß. Er trat in die Dienste eines polnischen Grafen, der ihm ein Capital von 20,000 Rubeln für den Fall seines Todes oder seiner Befreiung zusicherte. Sollte Michel früher sterben, so verpflichtete sich sein neuer Herr, diese Summe an desien Familie zu senden; sollte er früher begnadigt werden, so erklärte er, sie ihm dann augenblicklich auszuzahlen. Dieser Lohnvertrag, so scheinbar glänzend er war, war in Tobolsk nicht ungewöhnlich. Andere Anträge, die Michel gemacht wurden, boten mehr augenblickliche Bortheile. Aber er nahm diesen Antrag an, denn der Graf war alt und kränklich. Seine Calculation erwies sich richtig; der Graf starb noch in demselben Jahre und Michel ward Besitzer eines Capitals, desien Selbstverwaltung ihm ein Dekret des Generalgouverneurs gestattete. Er hatte Briefe auf Briefe an sein Weib geschrieben, aber keine Antwort erhallen. Natürlich, da seine Briefe, welche die Anhaltung eines Menschen ohne Spruch, Uriheil oder Ukas in Sibirien verrathen hätten, auf der Post vernichtet wurden. Er hielt sein Weib und seine Kinder für gestorben und ergab sich darein, losgeriffen von allen seinen früheren Verhältnisien und Beziehungen ein neues Leben in Sibirien zu beginnen. ^1'i»rge>vst zysn jewrea“ — der Handel ist dem Juden Leben, sagt ein russisches Sprichwort; auch wenn der Jude in Sibirien lebt, ist ihm der Handel Lebenselement. Michel begann mit seinem sür sibirische Handelsverhältnisie riesigen Capital einen bedeutenden Zwischenhandel zwischen Kiachla und Nischui-Nowgorod in Thee, Rauhwaaren, Bergwerksprovucten, der ihn rasch. Dank der commerziellen Begabung seiner Race, in wenigen Jahren zum reichen Mann machte. Ein freudiges Familienereigniß in der Czarenfamilie bewog den Kaiser, hundert nach Sibirien Verbannte zu begnadigen. Michel stand auf der Liste. So wohl es ihm auch in Sibirien ging, er machte doch von dem Pardon Gebrauch und eilte über den Ural zurück. Er ging aber nicht nach Minsk, sondern nach Petersburg zum Czaren, vem er die Geschichte seiner Verhaftung und Verbannung vorlrug. Der Kaiser wollte ihn entschädigen. „Bitte Dir eine Gnade aus," sagte er ihm milde. „„Gestatten mir Majestät, zollfrei deutsche Sensen unv Feilen einzuführen und Ihre Gnade hat mich für Alles schadlos gehalten, was ich gelitten." " Der Czar befahl sofort die Gewährung dieser Bitte in einem Ukas zu formuliren. Michel Zupmich, diesen Ukas in der Tasche, hielt dann seinen glänzenden Einzug in Minsk, von dem wir berichteten. Er blieb nicht lange dort; in Wilna etablirte er das große Sensen-Jmporthaus, welches der erwirkte Ukas mit einem der gewinnbringendsten Monopole ausgestattet harre. Heute ist dies Monopol längst erloschen, die Firma ist längst verschwunden und verschollen, aber der Name „Michel Zupmich" und die merkwürdige Geschichte seines Trägers lebt heute noch in frischer Erinnerung zwischen Niemen und Dniepr. Arvold Hilberg. Vermischtes. Ein Lockenraub. Wir haben in voriger Nummer ein Rescript mitgetheilt, aus welchem hervorging, wie auch die österreichischen Juden in 33 *