Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-15 · Heft 33 (15.8.1876) · p. Seite 532

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 33 (15.8.1876)
Date
1876-08-15
Page
Seite 532 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227103--34681-3304581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

532 ihm lieb, an diesem für ihn unvergeßlichen Tag gerade auf niederländischem Boden das Wort führen zu können, um seine volle Uebereinstimmung mit den Principien des Ordens aussprechen zu können und die Hoffnung und den Wunsch auszudrücken, daß in dem Kampf für Volsentrvickluug und Geistesfreiheit letztere siegen möge." Diese Ansprache erregte einen unbeschreiblichen Jubel und eine Begeisterung, so intensiv, so nachvauernv, so gewaltig, wie ich sie in einer niederländischen Versammlung nie erlebt." — Wir halten dies für wichtig genug, um auch hier wiedergegeben zu werden. Es beseelt uns die Hoffnung, und wir nehmen die obige Rede als ein Pfand dafür an, daß der deutsche Kronprinz dereinst auch als Herrscher „die Liebe, Duldsamkeit und Freiheit" als die Principien feiner Regierung ansehen und geltend machen wird. Zunächst konnte er seinen Einstuß darauf verwenden, daß endlich die Berliner Loge, denen aller Länder gegenüber, die Ausschließung der Juden nicht mehr aufrecht erhielte. Es widerspricht dies doch jenen Verkündigungen der freimaurerischen Grundsätze gar zu sehr. Serbien. Semliu, 3. August. Der N. fr. Pr. wird telegraphirt, daß am 3. August in Belgrad eine Consignation sämmtlicher dort wohnenden Juden ausgenommen wurde. Zu welchem Zwecke dies geschehen, wird von dem Telegramm nicht angegeben. In wohlwollender Absicht schwerlich; denn eine solche hat bei der dermaligen serbischen Regierung noch niemals gegen die Juden obgewaltet. Wir haben hiernach auf irgend eine Maßregel uns gefaßt zu machen. Zwar sollte man denken, daß die Serben jetzt ganz andere Dinge zu thun hatten, als ihren Judenhaß* zu pflegen. Jndeß in der Stunde der Noch spricht das Gewissen lauter als sonst, und so wird das Bewußtsein, die Juden mißhandelt zu haben, die Serben wohl fürchten lasten, in ihnen nicht die treuesten Anhänger zu besitzen. Sicherlich ist aber die Furcht, die Juden möchten sich für die ihnen angelhanen Unbilden rächen, vollständig unbegründet. Höchstens vermögen die Juden nicht der serbischen Sache irgend welche Begeisterung abzugewinnen. Feuilleton. Michel Zrrpwich. Eine russische Geschichte. (Aus dem Pester Lloyd.) (Schluß.) Er stellte sich nun jeden Morgen auf dem Ningplatz von Minsk auf und stand da bis in die sinkende Nacht. Jedem Pan, der vorüberging oder voruberfuhr, ries er kläglich flehend zu: „Zupp' mich!" Aber Alle lachten und Keiner zupfte ihn. Er fühlte sich deshalb sehr unglücklich, er hatte kein Geld, sondern nur den Namen „Michel Zupmich" erhalten. Doch er war von unerschütterlicher Ausdauer. Er wich nicht von seinem Posten, und endlich ward auch seine Ausdauer belohnt. Ein Pan that ihm endlich den Willen und zupfte ihn beim Bart und das so gründlich, daß ihm die Hälfte destelben in der Hand blieb. Jubelnd rannte Michel spornstreichs zum Kwartelnei (Polizeiofficier), aber der ließ ihn die Treppe hinabwerfen. Er lief dann zum Stannewei Pristaw (Stadtdirector), der drohte ihm mit der Knute. Der arme Michel sah nun ein, daß mit dem Gezupftwerden allein nichts gethan sei; man muß in London gezupft werden, um sein Glück zu machen. Er ging nach London. Jahre -verstoffen, ohne daß man das Geringste von ihm hörte. Sein Weib und „ganz Minsk" hielten ihn für gestorben, bis er plötzlich zu Aller Ueberraschung, wie wir erzählten, als vornehmer und reicher Herr wiederkam. Wie war das gekommen? Die Geschichte ist nicht so einfach, wenn sie auch bald erzählt ift. Mit sehr geringer Baarschast versehen, hatte er Minsk verlaßen. Um Geld zu ersparen, wanderte er zu Fuß und nur hier und da fand er einen Jswoschtschik oder Brlagule 0, der ihn um Gottes Lohn aufsitzen ließ. So kam er nach Dünaburg. Hier fand er einen reichen Glaubensgenoffen aus Wilna, der nach Petersburg reiste. Er nahm Michel dorthin mit, und versprach, ihm von dort nach London fortzuhelfen. Aber schon am Tage seiner Ankunft war Michel spurlos verschwunden. Sein Gönner meinte, er hätte Gelegenheit gefunden, sofort nach London zu gehen. Das war aber nicht der Fall; er kam nicht nach London, sondern nach — Sibirien. Ahnungslos hatte er den «lostiuoi tlnor «Gasthof) verlaßen und schlenderte den Newski-Prospect gaffend entlang, als er sich auf einmal verhaftet, auf eine Polizeistation und von dieser in ein Gefängniß gebracht sah. Seine Unschuldbetheuerungen und Bitten beantwortete man mit Faustschlägen und Fußtritten. Man rasirte ihm den Bart weg, den Bart, auf den er seine Lebenshoffnung gesetzt harte, schnitt ihm die Schläfenlocken weg, rasirte ihm die eine Seite des Kopfes kahl, und mit dem grauenden Morgen wurde er gefeffelt auf eine Kibitka geworfen und fort ging es von Gefängniß zu Gefängniß, Wochen, Monate lang unter Flüchen und Schlägen nach Sibirien. Ein Großfürst hatte an dem verhängnißvollen Tage, an welchem der arme Michel auf dem Newski-Prospect verhaftet wurde, den Wunsch geäußert, andern Tages einen Verbrecher nach Sibirien Iransporliren zu sehen. In den Petersburger Gefängniffen war aber gerade kein zur Deportation qualificirter Miffethäter vorhanden. Die Polizei hatte also binnen zwölf Stunden einen „Verbrecher" aufzutreiben. Das Unglück wollte t) Jswoschtschik ist der russische, Balagule der jüdische Fuhrmann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.