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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-15 · Heft 33 (15.8.1876) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 33 (15.8.1876)
Date
1876-08-15
Page
Seite 526 (sequence 4)
Language
German
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526 sind die Grundrechte wieder in Frage gestellt, hat man begonnen, in Staatsverträgen einen Unterschied zwischen einzelnen Clasien der Staatsangehörigen zu machen, die einen gegen die anderen zu benachtheiligen, und ist dies von den Bolksvertretern genehmigt: so ist die Bürgschaft verloren, daß irgend welche Partei und irgend welche Seite des Princips unangetastet bleibe. Der Gedanke der Ungleichheit, der in so vielen Staaten erst seit so kurzer Zeit beseitigt ist, wird sich wieder in die Geister eindrängen und in ihnen Macht gewinnen. Es versieht sich, daß es noch Leute genug giebr, die dieser Reaciion sich fteuen, namentlich wenn sie gegen die Juden gerichtet ist; nicht gering ist gegenwärtig die Zahl Derer, welche sür die grundgebenden Principien sehr lau gestimmt sind, und so einen ersten Schritt als nicht beachtenswerch ansehen. Um so lauter muffen wir unsre Stimme erheben, und zum Bewußtsein bringen, was eigentlich hiermit in Gefahr gebracht ist. Der Zeitpunkt ist günstig für die große Reactionspartei gewählt, um so bedrohlicher für den Liberalismus. Bei den schroffen Gegensätzen der religiösen Parteien wird von den erhitzten Gemächern die Religion leicht wieder auch in das staatsbürgerliche Leben zu feindseligen Acten hinein getragen, und die Einen versetzen den Anderen, ihren Gegnern, gern einen Streich, auch wenn dieser auf dem politischen und socialen Gebiete erlheilt wird. Wohin dies aber führen müffe, einzusehen, dazu gehört wahrlich kein großer Scharfblick. Möchte man daher allseits die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise hierauf richten! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 25. Juli. Religiös-philosophische Zeitfragen in zusammenhängenden Aufsätzen, besprochen von Dr. M. Joi-l. (Breslau, 1876. Schletter'sche Buchhandlung). Die neuere Zeit hat sich der Philosophie in einem Maße abgewandt, wie kaum jemals eine andere, deren sonstige wiffenschaftliche Bedeumng groß war. Wir haben dies ftüher einmal dadurch erklärt, daß die Geschichte der Philosophie uns erweist, wie der philosophische Geist in den aufeinanderfolgenden Epochen nach inneren Gesetzen immer wieder einen gewiffen Kreislauf abschreitet, welche Kreisläufe, im Allgemeinen einander gleich, durch ihre Verbreiterung und Vertiefung, sowie durch ihre größere oder geringere Objectivität sich unterscheiden, und daß nun die Philosophie in der Gegenwart wieder einmal an das Ende eines Kreislaufes gelangt ist, nämlich zu demjenigen Skepticismus, der sich selbst verneint durch die Verneinung des Erkenntnißvermögens. Praktisch ergab sich diese Antipathie gegen die Philosophie daraus, daß sich die Ergebniffe der Philosopheme als unhaltbar und unftuchlbar erwiesen, und jedes nachfolgende Philosophem dies von seinem Vorgänger demonstrirte. Einer so realistischen Welt wie die unsrige, die durch die exakten Wiffenschaften Schrin vor Schritt mit feststehenden Resultaten versehen wird, konnte dies wenig behagen. Jndeß begeht sie hierin ein großes Unrecht, von welchem sie auch bald wieder zurückkommen wird. Erstirbt doch der metaphysische Geist im Menschen ebensowenig wie rer religiöse. Uns erscheint als oas wichtigste Moment in der Philosophie die Thätigkeit und Entwickelung des Geistes selbst, rer durch die Philosophie an tiefes Eingehen, strenge Durcharbeitung, logische Schärfe und systematischen Ausbau gewöhnt wird, so daß sie allein alle Wissenschaft vor der Oberstächlichkeit schützt und sie zu einer tiesern geistigen Auffassung anleitet. Endlich ergeht es auch einer unphilosophischen Zeit, wie es sich in unsrer Gegenwart ereignet, daß sie in einem großen Theile des Publikums den oberflächlichsten Philosophemen, wenn sie pikant sind, anheimfällt und sür geniale Hypothesen, so unbegründet diese auch seien, ein offenes Ohr hat. Hiergegen erheben sich dann ernstere Männer, und knüpfen die abgerissenen Faden wieder an. Hierzu zählen wir auch das vorliegende Schriftchen. Herr Dr. Joöl hat bereits mehrfache Abhandlungen „Zur Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie" veröffentlicht, die jetzt gesammelt in zwei Bänden erschienen sind. In denselben har er eine große Belesenheit auch aus dem philosophischen Gebiete und einen vorzüglichen Scharfblick für die Bedeutung der einzelnen Erscheinungen erwiesen und wir bedauern nur, daß er nicht die Muße gefunden, diese trefflichen Eigenschaften für eine umfassende Arbeit zu verwenden. Auch die vorliegende kleine Schrift besteht aus Aufsätzen, die nicht ohne inneren Zusammenhang sind, aber dennoch den eigentlichen Gegenstand und Zielpunkt des Ganzen nicht klar machen. Es sind aneinandergereihte, meist glückliche zutreffende Apercus, gerichtet gegen Schopenhauer und Strauß und auf den Standpunkt Kanr's zurückführend, der mit Recht als die Grundlage nicht blos der auf ihn gefolgten deutschen Philosophen, sondern auch alles weiteren philosophischen Aufbauens geltend gemacht wird. Kant hat die vorangegangenen Philosopheme beseitigt, aber zugleich das feste Fundament für die menschliche Erkenntniß gelegt, indem er auch der Religionsphilosophie den Boden offen gelassen. Dies mannichfacher Verkennung gegenüber, die bereits zu Vorurtheil geworden, nachzuweisen, ist der Hauptzweck des Verfassers. Zuerst zeigt er das Verhältniß zwischen Atheismus und Rechrgläubigkeit und den unwissenschaftlichen Charakter beider. Eine Charakteristik des Atheismus Schopenhauer's und wie diesem Kant gegenübersteht. Der dritte Aussatz über „Kant und die Religion" bespricht mit dem „Excurs über Kant" dessen Ansichten über das Uebersinnliche in Vergleich mit seinen hauptsächlichen Nachfolgern. Interessant ist dann Nr. 5 „Kant und des Kantianer's Schopenhauer Stellung zu den historischen Religionen", eigentlich zum Judenthume; die Quintessenz ist, baß beide sich der gröbsten Unwissenheit dem Judenthume gegenüber schuldig gemacht, daß sie z. B. nicht einmal die fünf Bücher Moses hinreichend gekannt oder studitt haben, so daß sie ihrer Jrrthümer hierin auf's Leichteste überführt werden können. Den Schluß

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