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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-15 · Heft 33 (15.8.1876) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 33 (15.8.1876)
Date
1876-08-15
Page
Seite 524 (sequence 2)
Language
German
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524 des Menschenherzens ist böse von seiner Jugend an" < 1 Mos. 8, 21)2), welches wiederhol! anssagt: „es ist kein Mensch, der nicht sündige" (1 Kön. 8, 46), nnd reffen Gesetzgeber am Schluffe seines großen Werkes sprach: „Das Leben und den Tod legte ich euch vor, den Segen und den Fluch, so wähle das Leben" (5 Mos. 30, 19 ) — das Juventhum setzt Fehltritt und Sunde, Strafe und Leid, Versuchung und Mißgeschick für den Menschen voraus; es erkennt den Kampf an, den der Mensch zu bestehen hat, in welchem er zu siegen, aber auch zu unterliegen vermag. Wie ordnet es nun diese sogenannten Uebel seiner Anschauung von der göttlichen Schöpfung und Vorsehung ein? Es besteht im Universum kein Uebel an sich, alles ist absolut nothwendig, zweckmäßig, als Glied des Ganzen vollkommen in seiner Art. Was als Uebel bezeichnet wird, besteht als solches nur in dem Verhälmiß, das der Mensch dem Dinge oder Vorgänge in seiner Beziehung zu sich, dem Individuum, beilegt, oder, wie man zu sagen pflegt, es ist nur relativ ein Uebel. Der Sturm, der das Dach eines Hauses niederwirft, der Blitz, der das Haus entzündet, sie sind an sich kein Uebel, sie sind vielmehr wohlrhätig und zweckgemäß, und gehören nothwendig zum Ganzen. Nur das Individuum, das deren Wirkung für sich als schädlich erachtet, hält sie in feiner Vorstellung für Uebel. Der Beweis hierfür liegt schon darin, daß sich deffelben Dinges oder Vorganges der Eine ersieut der Andere beklagt. Das Individuum richtet auch sein Urrheil nach der augenblicklichen Wirkung für sich und ändert seine Meinung leicht nach einiger Zeit, wenn ihm etwa schließlich gute Folgen daraus entsprießen. Giebt man dies zu, so frägt man weiter: warum die Natur des Menschen so angelegt ist, daß ihm Leid aus verschuldeten und unverschuldeten Vorgängen erwächst, daß er in Sünden verfällt, daß ihm der Kampf um materielles, sittliches und geistiges Dasein beschieden ist? Ist dies nicht eben ein Uebel? Die Antwort des Judenthums ist: der Zweck des Menschen ist ein freies und sich entwickelndes Wesen zu sein. Die Freiheit besteht aber eben nach eigener Entschließung sein Thun und Lasten zu bestimmen, wählen zu können, unv hierzu ist die Neigung zum Guten wie zum Bösen, zum Vernünftigen wie zum Unvernünftigen, zu Recht, Liebe und Weisheit, wie zu Unrecht, Haß und Thorheit nothwendig (r-in in naf). Nur die Möglichkeit, die Befähigung, das Eine wie das Andere zu thun, giebt auch die Freiheit. Allerdings wiffen wir, daß der Mensch leiblich und geistig bestimmten Gesetzen, nach denen er organisirt ist, unterworfen ist, und alle seine Acte nach diesen 2) Man darf nicht übersehen, daß es nicht heißt „das Herz des Menschen ist böse", sondern „das Bilden des Menschenherzens rc." Also nicht das Herz des Menschen an unv für sich, sondern nur das, was die Empfindungen des Menschen lnr) im Zusammentteffen mit den sinnlichen unv gesellschaftlichen Verhältniffen Hervorbringen. Dies wird auch dadurch ausgedrückt, daß es nicht heißt, „von Geburt an", sondern „von seiner Jugend" an. Gesetzen vor sich gehen. Aber innerhalb dieser Gesetze besitzt und übt er die Freiheit des Willens. In ihm waltet z. B. das Gesetz der Jdeeuverbindung, unv diese ist das wesentlichste Mittel seiner Geistesthätigkeit; aber er ist doch Herr Vieser Jdeenverbindung, kann sie nach freiem Willen abschneiden, und anderswo anknüpfen. Ich kann jeden Augenblick meine Gedanken von einem Gegenstände abwenden unv willkürlich auf einen anderen richten, mit welchem ich mich beschäftigen will. Ebenso stehe ich jeden Augenblick vor der Wahl. Eines oder das Andere zu thun oder zu lasten, sowie einem guten oder bösen Antriebe zu folgen oder zu widerstehen. So viele Einflüffe Bewußtes oder Unbewußtes hierauf haben mag, die Freiheit, ganz Entgegengesetztes zu vollsühren, ist gegeben. — Das zweite Moment im Wesen des Menschen ist, daß er vorzugsweise auf die Entwickelung, auf die Entfaltung und Vervollkommnung seiner Kräfte angelegt ist. Ueber die Grenzen seiner Natur kann der Mensch nicht hinaus. Aber seine Fähigkeiten sind ihm mit dem Beginne seiner Existenz, sei es als Gattung, sei es als Individuum, so in Keimen gegeben, daß sie aus diesen heraus zu unbestimmter Mächtigkeit entfaltet werden können, immer aber entfaltet werden. Hierzu aber sind Hinderniffe unv Schwierigkeiten nothwendig, die überwunden oder ausgeglichen werden müssen. Ohne sie ist die Entwickelung unmöglich. Nur durch die Lösung von Aufgaben, im Kampfe mit schwierigen und feindlichen Elementen vermag .die Entfaltung und Entwickelung vor sich zu gehen. — Für beide Momente, für Freiheit und Entwickelung sind Rudimente in der Thierwelt, für die Entwickelung auch in der Pflanzenwelt vorhanden, jedoch nur im Menschen bilden sie die Elemente seiner Wesenheit. Ist also das Uebel nur eine Betrachtungsweise des Individuums, die sich in der Zeit verändern kann, so daß, was schädlich erschien, als wohltharig erkannt wird, und sich Alles immer wieder in bas harmonische Ganze einordnet: so drückt dies das Judenrhum durch den einfachen Satz aus: „Auch dies gereicht zum Guten!" ein Ausspruch, der auch schon in der h. Schrift in mannichfacher Form sich wiederholt, und welcher eben ausdrückr, daß alle Ereignisse des Lebens durch die Vorsehung auch für bas Individuum aus der vermeintlichen Schädlichkeit zum Heile geführt werden. In dem Geiste, in welchem dieser Lehrsatz zur innigsten Ueberzeugung geworden, wird selbst dem relativen Uebel schon von vornherein die Spitze abgebrochen. So liegt die Natur des Menschen klar vor unseren Augen. Wer sie anders wollte, müßte ihr die Freiheit und die Entwickelung nehmen, und es bliebe dann nichts als ein todter Mechanismus übrig, für den, genau genommen, auch das Uebel nicht bestehen könnte. Man har dies oft genug versucht, aber die Thatsachen sprechen zu laut, und keine Sophisterei vermag sie hinweg zu räumen. — Leben und Tod! Lebenist Bewegung, diese ist Veränderung. Sollte das Universum lebendig sein, so mußte es als Universum unveränderlich, in ihm aber alle individuellen Existenzen veränderliche sein, d. h. werden und vergehen, ihr Sein

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