Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1876)
- Date
- 1876-08-08
- Page
- Seite 518 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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518 vorhanden. Die Insassen dieser Behausung schliefen im Sommer auf dem festgestampften, mii rolhem Sand überstreuten Estrich, im Winter auf dem Ofen. Diese Insassen waren übrigens in diesem Augenblicke alle in der Stube anwesend: ein abgehärmtes, bleiches Iudenweib, ein etwa zwölf Jahre alter, ebenso blasser Judeuknabe, und ein ein Paar Jahre jüngeres Mädchen, das Elend und die Noth in den Gesichtern, die bitterste Armuth in den zerschlissenen, geflickten Kleidern zur Schau tragend. Als der Fremde die Stube betrat, hatten sich alle drei erschrocken in einen Winkel geflüchtet. Das Weib hatte eben mit einer Ofengabel einen Topf aus dem Ofen gehoben; in der Verwirrung ließ sie Gabel und Topf fallen und fein siedender Inhalt ergoß sich dampfend über den Lehmboden, während die Scherben ringsumher flogen. Der Fremde war an der Thür stehen geblieben und fipirte forschenden Blickes die erschrockene Gruppe im Winkel. So verstrichen einige Minuten, dann feuchteten sich seine Augen und mit weicher, vibrirender Stimme sprach er das Weib im jüdischlitthauischen Dialect an: „Gütel, kennst' du mach nit mehr?" Das Weib riß die Augen weit auf und mit dem gellenden Aufschrei: „ Rabani schel oilim! Michel! “ brach sie ohnmächtig zusammen. Einen Augeublick später trugen Diener sachte und behussam die Ohnmächtige aus der Hütte, hoben sie in den Wagen, der Herr führte die beiden vor Staunen und Schrecken sprachlosen Kinder heraus, auch sie wurden in den Wagen gehoben, der Herr setzte sich zu ihnen, der Wagenzug machte Kehrt und fuhr wieder auf den Ringplatz. Das schönste, nach Petersburger Art eingerichtete Hotel war es, vor dem er halten ließ. Er miethete die ganze erste Etage auf unbestimmte Zeit. Wenn die Ramanoffs entthront worden wären, wenn das Königreich Polen wieder aufgerichtet worden wäre, Minsk wäre lauge nicht so aufgeregt gewefeu, als wegen dieses geheimnißvollen Ereignisses. Die Männer vergaßen auf ihre Geschäfte, die Weiber auf ihre häuslichen Verrichtungen, die ganze Bevölkerung, Alt und Jung, Arm und Reich, Christ und Juv', strömte auf dem Ringplatz zusammen. Alle sahen unablässig auf das Hotel und debattirten lebhaft. Die abenteuerlichsten Bermuthungen wurden laut, und als die natürlichsten Dinge von der Welt geglaubt. Doch andern Tags war schon das Räthsel gelöst, und die ganze Judenschaft von Minsk ging im schönsten Schabbesstaat in jenes Hotel, um „Boruch habe mil'n Gast" zu sein, den Gast zu bewillkommnen, und jede der wohlhabenderen Familien sandte ihm auf silbernen Theebrettern Wein, Liqueur und Backwerk zum Willkommtrunk. Das ist so Landessitte und heißt „schick'n mit'n Gast". Michel „Züpmech" war heimgekehrt; er litt es aber nicht, daß man ihn so nannte, er wollte „hochdeutsch" Michel „Zupmich" (zupf' mich!) genannt werden. Wenn man ein reicher Mann ist, darf man solche Kaprizen haben; die Leute thaten ihm den Gefallen und nannten ihn „Zupmich". Man nennt ihn noch heute, nun, da er schon längst gestorben, so und jedes Kind kennt seine Geschichte. Eine merkwürdige und abenteuerliche Geschichte ist aber diese Geschichte des Michel Zupmich. In Minsk lebte ein armer Jude. Es ging ihm über die Maßen elend und schlecht und mit aller Mühe und Plage vermochte er nicht seiner zahlreichen darbenden Familie das trockene Brod zu erwerben. Er entschloß sich endlich in der Fremde sein Glück zu versuchen. Er ging nach London und stellte sich an der London Bridge als Zündhölzchenverkäufer auf. Das Geschäft ging erträglich und er konnte manchen ersparten Rubel heimsenden. In seinem schmierigen Kaftan, seiner pelzumbrämten Spitzmütze, mit seinem doppelspitzen zausigen Bart, den langen Ringellocken bildete er eine possirliche Figur, welche die Passanten der Brücke amüsirte. Eines schönen Tages kam aber ein etwas angeheiterter Gentleman über die Brücke, und in übermüthiger Weinlaune ergriff er den possirlichen Tabuletkrämer am Bart und riß ihn herzhaft an seiner zausigen Kinnzier. Der Jude stieß einen Schrei aus, der einen Konstabler herbeilockte. Dieser forderte den Gentleman und den Juden auf, ihm zu folgen. Der Gentleman folgte willig, der Jude aber erhob ein großes Jammergeschrei und bat und beschwor den Policeman, ihn doch gehen zu lassen. Doch der bestand auf seinem Willen und brachte Beide vor den Friedensrichter. Der Jude warf sich vor diesem auf die Erde, weinte und schrie, zerraufte sich den Bart und beschwor den Richter, ihn nicht zu hart zu strafen, er könne ja nichts dafür, daß er dem gnädigen Herrn mißfallen habe. Er brachte das Alles in seiner Sprache vor, von der der Richter natürlich kein Wort verstand. Aber er schloß aus dem Klagegeschrei, daß dem armen Teufel die erlittene Unbill sehr schwer zu Herzen gehen müsse. Er richtete deshalb an den ihm schon wegen ähnlicher Streiche bekannten Gentleman eine strenge Verwarnung und verurtheilte ihn zu einer Entschädigung von hundert Pfund an den mißhandelten Juden, die Jener auch sofort erlegte. Der Jude begriff den Vorgang durchaus nicht, aber er nahm, nachdem er dem Richter und dem Verurtheilten den Rocksaum geküßt, die Hundert-Pfundnote und eilte, sich nach Königsberg einzuschiffen, um auf dem kürzesten Wege heimzukommen. Er hatte nun ein Capital, für die Verhältnisse seiner Heimath groß genug, um mit Erfolg einen Handel beginnen zu können. Er war ein gemachter Mann. Das ging seinem armen Nackbar Michel nickt aus dem Sinn. „Einen Bart, dachte er, habe ick gerade so lang und struppig, wie er, fehlt mir nur noch zu meinem Glücke, daß mich ein „Puriz" (Gentleman) daran zupft. Warum soll mich ein Puriz aber nicht zupfen?" (Schluß folgt.)