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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-08 · Heft 32 (8.8.1876) · p. Seite 517

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 32 (8.8.1876)
Date
1876-08-08
Page
Seite 517 (sequence 11)
Language
German
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517 Tomas Iefferson und Benjamin Franklin hingewiesen. Dann geht der Redner zur schneidendsten Kritik der Gegenwart über, stellt das Volk der Union als im ärgsten Sillenverfall dar, geißelt das Muckerthum, Geldprotzenthum und die Corruptiou, die in Amerika herrschten, aufs Heftigste und schließt mit den Worten, daß eine Umkehr und Wiedergeburt nicht unmöglich sei. Freilich, wie diese zu erwirken wäre, giebt der Redner nicht an. Nun muß man ja zugeben, daß er nach vielen Seiten hin nicht Unrecht habe; doch scheint es uns, als ob eine solche Rede zur Feier eines so großartigen Festes nicht sehr paffend sei. Keine Spur von Erhebung, von Belebung des Geistes, sondern nichts als Schärfe und Verbitterung. Der Zuhörer möchte sich in Sack und Asche kleiden, statt dem frohen Bewußtsein der Großthat, die er feiert, und in deren Feier zugleich eine sittliche Anerkennung liegt, sich hinzugeben. Der Mangel an schöpferischem Geiste und der Ueberfluß an Kritik giebt sich auf diese Weise kund. Man müßte doch erwägen, daß, wenn eine Bevölkerung von wenigen Millionen sich in einer verhältnißmäßig so kurzen Zeit verdreißigfacht und zwar zum Theil aus unsaubern Elementen der alten Welt und bei einer so riesenhasteu Entwickelung des Verkehrs und BesitzthumS auf ein Festhalten republikanischer Einfachheit in Sitten und Ansichten, naturgemäß nicht zu rechnen war; daß die gerügten Laster nicht blos der amerikanischen Union, sondern der gesammten Gesellschaft angehören, die überall zu bekämpfen sind. Von diesem Gesichtspunkte aus dürfte man die hundertjährige Feier nicht zu einer bloßen Strafpredigt verwerthen. Hat doch daffelbe Volk vermocht, in dem furchtbarsten Kampfe zu siegen und mit unmeßbaren Opfern an Gut und Blut das Sklaventhum zu tilgen. Sind doch trotz diesen Uebelständen die Grundrechte und Grundsätze der großen Republik nirgends angetastet worden, und wird jeder Versuch, daran zu rütteln, niedergeschlagen. Eine .solche Vergangenheit muß auch Vertrauen auf die Zukunft einflößen und, wie gesagt, nicht durch Spott unv Tadel, sondern durch Erhebung der Geister über sich selbst wird die Befferung angebahnt. Jeuilleton. Michel Zupmich. Eine russische Geschichte. (Alls dem Pester Lloyd.) Michel Zupmich ist schon recht lange tovt, aber sein Andenken lebt heute noch frisch im Gedächtniffe aller Leute in den Gouvernements Wilna, Minsk und Mohilew, also in der Erinnerung der Bevölkerung eines Landstriches, so groß wie ein deutsches Königreich. Man kann also mit Fug und Recht sagen, daß der Name Michel Zupmich „berühmt" ist. Uebrigens ist „Zupmich" gar kein rechter Name, sondern ein bloßer Spitzname, und sein Träger ward unter diesem Pseudonym berühmt, während sein wirklicher Name verscholl. Er ward plötzlich und über Nacht berühmt. Einige alte Leute in Minsk werden sich noch zu erinnern wiffen, wie das kam. Es war ein schöner sonniger Sommermorgen, ein Freitag, an dem ein imposanter Wagenzug in Minsk einfuhr. Seit der Fürst von Neswisch zu seinen Ahnen versammelt wurde, hatte man in Litthauen noch keine solche pomphafte Auffahrt gesehen. Vorreiter, Fackelträger. Equipagen, Gepäckwagen, galonnirte Diener, prächtige Schabraken in unübersehbarer Zahl verkündeten die Ankunft eines sicherlich ebenso steinreichen als prachtliebenden Herrn. Die Knechte der Gasthöfe, die alle am „Ringplatze" liegen und alle in den Händen jüdischer Pächter sich befinden, stürzten sich mit wüstem Geschrei auf die Wagen, fielen den Pferden in die Zügel, hingen sich an die Räder und unter lärmender Anpreisung der unüberttefflichen Vorzüge ihrer und unter heftiger Hervorkehrung der Schattenseiten der concurrirenden Einkehrhäuser, beschworen sie den „wielmozny pan“, den „vielvermögenden Herrn", ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Aber er winkte stolz ab, und seine Vorreiter befreiten mit kräftigen Peitschenhieben die» Wagen von den Zudringlichen. Der Zug schwenkte ab, fuhr in eine Seitengaffe ein und in wenigen Augenblicken befand er sich in dem ärmlichen und schmutzigen Viertel, welches an der nach Slutsk führenden Straße liegt. Die armen Bewohner dieses Viertels liefen halb erschrocken, halb verwundert zusammen, als der prächtige Wagenzug ihre schmutzigen Straßen passirte, und geriethen außer sich vor Erstaunen, als er vor einem der ärmlichsten Häuschen hielt. Ein Diener, der vom Lakaientritt herabgesprungen war, half dem Herrn aus dem Wagen. Die nahe dem Wagenschlag standen, konnten den geheimnißvollen Fremden schildern. Es war ein ziemlich beleibter, stattlicher Mann, mit glattrasirtem Kinn und in grauen Reisekleidern. Alle seine Finger funkelten aber von Brillanten, die den Reichthum des Fremden verriethen. Er schritt auf die Thür des Häuschens, wenn eine hölzerne, mit Streben gestützte, mit Stroh gedeckte, verfallene Hütte so genannt werden darf, zu und trat ein. Der Diener blieb draußen unv postirte sich als Wache vor die Thüre. Der Fremde durchschritt rasch das dunkle „Vorhaus", in welchem Gänse und Kapaune in den Steigen, die rings an deffen Wänden aufgestellt waren, durch das Auf- und Zuschlägen der Thür erschreckt ausgackerten, stieß die Thür rechts auf und trat in die Stube. Man kann sich nichts Aermlicheres als diese Stube denken. Ein riesiger Backofen nahm sie zur Hälfte ein. An das einzige vierscheibige Fenster war ein rohgezimmerter Tisch mit verschränkten Beinen geschoben, wie man ihn in Kasernen findet, vor demselben eine ebenso rohgezimmerre lehnenlose Bank, einige mächtige Ofengabeln und Schaufeln, einige Töpfe und Schüffeln, das war das ganze Meublement dieser Stube. Ein Bett war nicht 32*

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