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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-08 · Heft 32 (8.8.1876) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 32 (8.8.1876)
Date
1876-08-08
Page
Seite 512 (sequence 6)
Language
German
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512 Labyrinthe des Talmud zu erlangen, suchte ich dem vielfach sich verzweigenden Netze von Widersprüchen auf den Grund zu kommen. Nach mehrjährigen Forschungen rc. kam mir, von R. Elia Wilna angeregt, wie eine Eingebung der Gedanke: die Toffefta und Mischna reflectiren je eine verschiedene Halacha und grundverschiedene Lebensverhaltnisse; jene stammt aus Palästina, diese aus Babylonien .... Der Pilpul ist nichts anderes, als der unmögliche Versuch, Widersprüche, die historisch sich erklären lasten, logisch lösen zu wollen, ein Versuch, der auch auf anderen Gebieten durch die scholastische Methode gemacht wurde. Durch unsere Annahme sind wir von dem Pilpul erlöst, der wie ein Alp auf dem Talmudstudium lastete. Die Tostefta ist ein systematischer, auf logischem Grunde ruhender Codex, während die Mischna Widersprüche aufweist, die durch die veränderten Lebensverhaltniste in Babylonien sich erklären lasten. Aber wie, wirb man entgegenhalten, sind die babylonischen Amoräer Fälscher? Mit diesem horrenden Worte glaubt man die Kritik munvtodt zu machen. Was diese Beschuldigung betrifft, so wiederhole ich hier eine von einem bekannten Profestor jüngst gehörte Aeußerung. „In den alten Zeiten", sagte er, „übertrug man eigene Gedanken auf fremde Namen, heute überträgt man fremde Gedanken auf seinen Namen . ..." Der tiefer Blickende wird erkennen, daß die Spaltung, die heute das Iudenthum zu zerklüften droht, zurückgeht auf den Zwiespalt, in welchen bei den geistigen Vertretern desselben die wiffenschaftliche Bildung mit dem Pilpul des Talmud gerieth. Der logisch gebildete Geist muß sich abgestoßeu fühlen von dem durch und durch unlogischen Wesen des Talmud. Während aber extreme Naturen nicht die wiffenschaftliche Ruhe besaßen, historisch die Erscheinung zu erklären, sondern im Ungestüm, der Geschichte hohnsprechend, den ganzen Talmud über den Haufen warfen, und frisch weg auf die Bibelkritik sich legten, und so nahe daran waren Wesen und Geist des Judenthums zu verlieren, war es Frankel, der auf eine Versöhnung dieses Zwiespaltes hinarbeitete. „Die Thora", sagte er öfter, „ist die magna cliarta der Juden. An ihr Kritik üben wollen, heißt den Boden unter den eigenen Füßen unterwühlen. Die Thora ist für den Juden das unantastbare Heiligthum." Aber die Halacha in ihrer Genesis zu verfolgen, das bildete sein Lebensziel. Er mußte sich sagen, mit rem Pilpul geht es nicht weiter. Aber gelöst hat er das Räthsel nicht. Seine Werke befriedigen daß wissenschaftliche Bedürfniß nicht. Durch die Voraussetzung, daß R. Jehuda Hanaßi der Redacteur der Mischna sei, von der er ausging, führte er zur Hinterthüre den Pilpul ein, den er beseitigen wollte. Es ist ihm nicht gelungen bei seinen Jüngern allgemein die Liebe zum Talmudstudium zu erwecken, was nach rer alten Methode bei logisch gebildeten Menschen nie und nimmer wird erreicht werden können. — — Unsere These löst alle Widersprüche, verschafft Auffchluß über alle bis jetzt undurchdringlichen Schwierigkeiten, nämlich historisch durch den Nachweis, wie der Widerspruch entstanden. Das ist wohl ein untrüglicher Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung." Wir können uns wohl mit der gewagten Hypothese, deren vollständige Begründung der gelehrte Verfaster erst in Aussicht stellt, nicht befreunden, aber wir können nicht umhin, für die Offenheit und Grobheit, mit welcher derselbe feine Ueberzeugung . klar und deutlich ausspricht, demselben unsere innige Anerkennung auszudrücken. Es ist dies das beste Zeugniß für die Wahrheitsliebe und den wiffenschastlichen Geist und Ernst, der Herrn Zuckermandel beseelt. Es ist darum auch nicht unsere Absicht, gegen die Behauptung deffelben zu polemisiren, bis wir nicht die dafür vorgebrachten Beweise und Belege kennen gelernt haben. Allein dies läßt sich wohl nicht verhehlen, daß diese Behauptung von dem Verhältniß der Mischna und Toffefta all' den unzweideutig ausgesprochenen vollgültigen Zeugnissen des Talmud — nicht Traditionen, wie Herr Z. sagt — daß R. Jehuda Hanaßi der Redacteur war, geradezu Lügen straft« Fast auf jedem Blatte der beiden Talmuden wird R. Jehuda Hanaßi als Redacteur der Mischna — z. B. mit *,:ri angeführt — erwähnt. Wie oft kommt in dem Talmud ''2-1 nra *,82 vor, anderer ausdrücklicher Zeugniffe nicht zu gedenken: rrror '2-1 tr nrca und alle diese Aussprüche sprechen doch klar aus, daß R. Jehuda der Redacteur der Mischna ist. Nach der Meinung des Herrn vc. Z. sind die Amoräer die eigentlichen Schöpfer der babylonischen Mischna, wahrend die Bedeutung und der Name Amoraim gerade das Gegenrheil besagen will. Die Nachfolger der Thanaim nannten sich deshalb Amoraim, d. h. Dolmetscher, Ausleger, Sprecher, weil sie auf selbstständige Ausbildung der Halacha verzichteten und bloß den überkommenen Traditionsstoff vortrugen und erläuterten. Herr Dr. Z. meint zwar, daß die Alten es liebten, eigene Gedanken auf fremde Namen zu übertragen. Aber jeder Talmudkundige weiß, mit welcher Genauigkeit und Aengstlichkeit die Lehren und Halacha's im Namen der ursprünglichen Autoren citirt werben. Es werden oft die Lehren auf 5 bis 6 Glieder zurückdatirt: N. dl. sagte im Namen des N. N. und dieser wieder im Namen des N. N. u. s. w. Man sieht also, daß gerade auf diesen Punkt ein besonderes Gewicht gelegt wird unv daß hier am wenigsten an eine Uebertragung eigener Gedanken auf ftemde Namen zu denken sei. Doch wir müsten hier abbrechen, da uns der Gegenstand zu weit führen würde. Bei solchen rief einschneidenden Hypothesen gilt wohl das Wort des Talmud: rrrib-v -iv« 7121 «-ns rrbr idtp e*b, um den Verfaster nicht im Vornhinein zu entmuthigen. Möge Herr Dr. Zuckermandel, der seine Schrift Herrn Dr. H. Gräetz gewidmet, eine ausreichende Unterstützung finden, damit er seine Arbeit: Ueber das Verhaltniß der Toffefta zur Mischna u. s. w., und hauptsächlich die Tostefta nach dem Erfurter Manuscripl zu veröffentlichen und zu ediren im Stande fein soll. Rabb. D. Oppenheim.

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