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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-08 · Heft 32 (8.8.1876) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 32 (8.8.1876)
Date
1876-08-08
Page
Seite 509 (sequence 3)
Language
German
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509 begleiten diese nicht mit den Gefühlen der Zufriedenheit, sondern richten die begehrlichen Blicke immer weiter hinaus. „Wer ist reich?" fragen unsre Weisen. „Wer sich seines Theiles freut", antworten sie, und es ist wahrlich keine banale Phrase, daß das Glück des Menschen nicht von Stand und Besitz, sondern allein von feinem Bewußtsein und von seiner Zufriedenheit mit seinen Verhältnissen und seiner Lage abhängt. Man hält es jetzt für eine verschwundene Idylle, daß selbst der Dürftige in feiner Hütte so glücklich und glücklicher sein könne als der Reiche in seinem Pallast. Aber dies ist eben der unselige Jrrthum unsrer Zeit, da- Wesen der allgemeinen Unzufriedenheit, daß man dies als eine Idylle verspottet, was die volle Wahrheit und Wirklichkeit ist. Und dies führt mich geraden Weges zu dem zweiten Momente, welches dieser allgemeinen Unzufriedenheit zu Grunde liegt. Ich zögere fast, es auszusprechen, und doch muß ich ries aus innerster Ueberzeugung. Es ist der Mangel an Liebe, der immer weiter zu fressen droht. Der Pessimist kennt nur die sinnliche Liebe und erklärt daher Trieb und Befriedigung für schmerzhaft, für ein Uebel, deffen Anstiftung die Natur wiederum als eine höchst mangelhafte, schlecht berathene kennzeichne. Wenn die Liebe eine Ergänzung unsres Wesens enthalte, so sei sie von vornherein eine schwere Mangelhaftigkeit, die als allgemeine Einrichtung gänzlich zu verwerfen. Auf diesem Boden laßt sich allerdings mit dem Pessimismus nicht streiten, sondern nur bedauern, daß er, aus dem Sumpfe einer entarteten Sinnlichkeit entsprossen, dennoch seine giftigen Ranken und Blätter weithin zu verbreiten vermochte, ja mit seinen mephinschen Dünsten die Gesellschaft zu vergiften angefangen hat. Wer daS Hochgefühl bei der Bewerbung um die Hand einer züchtigen Jungftau, wer das Glück des gegenseitigen Besitzes, die beseeligende Empfindung der Zusammengehörigkeit, des Jneinanderlebens und des Zusammenwirkens in häuslichem, bürgerlichem und geistigem Leben, wer die über Jugend und Alter hinausreichende Kraft der wahren Liebe in Freud' und Leid, auf der Höhe wie in den Niederungen des Lebens, die Macht der Liebe zur Hingebung und jeglichem Opfer, wer diese Liebe zwischen Gatten und Gattin nicht zu würdigen versteht, der begreift sie auch nicht zwischen Ellern und Kindern, zwischen Geschwistern, Heimathsgenossen, der hat überhaupt keine Ahnung von der Liebe, die das Menschenherz beseelen und schwellen kann für Einzelne wie für Alle. Diese Liebe ist es nun, welche im Leben alle Härten abzuschleifen, alle Lücken auszufüllen vermag, vor deren Hauche selbst Sorge und Kummer verschwinden und aus der tiefsten Trauer die Seele sich aufrichtet. Sie ist es, welche alle Unterschiede in Stand und Besitz aufhebt, und die Hütte, in der sie wohnt, zu einer unendlich glücklicheren Stätte macht, als der köstlichste Pallast gewährt, in dem sie fehlt. Sei die Arbeit des Mannes noch so schwer und dem Ertrag nicht sehr lohnend, kehrt er zu Weib und Kind mit dem Gefühle zurück, für sie gearbeitet zu haben, und mit Freude erwartet zu werden, so ist ihm Alles leicht, und er zieht aus kärglichem Mahle mit ihnen größern Genuß, als aus kostbaren Leckerbiffen. Dies hat schon wiederholt der biblische Spruchredner gesagt, und es ist noch heute dieselbe Wahrheit. Wehe dem Gechlechte, das sich dem entwachsen wähnt und darüber spottet. Es ist kein Ideal, sondern die Wirklichkeit des menschlichen Herzens. Die allgemeine Unzufriedenheit in unsrer Generation erweist den allgemeinen Mangel an dieser Liebe. Denn mit der Liebe, mit dem Familienglück, mit der Eintracht am Herde kann die Unzufriedenheit nicht verbunden sein, denn vor jener stiehet diese hinweg. So sieht man leicht ein, daß der Pessimismus, wenn er sich zu demonstriren unternimmt, ganz verunglückt. Denn er stützt sich allein auf Erfahrungssätze, die er jedoch nur aus einem sehr schiefen Sehwinkel zusammenstellt. Bei jeder ernsten Prüfung kommen sofort fein gelbbleiches Anllitz und seine verdrießlichen greisenhaften Züge zum Vorschein. Ebenso erklärt sich aber daraus, daß er bei einem nicht unbeträchtlichen Theile des gebildeten und des ungebildeten Publikums Anklang findet, da er die allgemeine Unzufriedenheit in ein System bringt. Nichts zieht ein solches mehr an, als seine eigene Stimmung in ein scheinbar wohlgegliedertes System gebracht zu sehen. Doch gehen wir demselben noch ein wenig schärfer zu Leibe. Fokschani, 26. Juli. Limrämsche Verfolgungen. Sie hatten Recht, mein Herr, als Sie in Nr. 28 der „A. Z. v. I." der Besorgniß Ausdruck gaben, daß die Juden nunmehr nach Ralisicirung der Convention in Folge des erlasienen Circulärs des Ministers des Innern behufs Anwendung des Art. 10 § 108 des Polizei-Rural-Gesetzes, zu leiden haben würden, denn Ihre Bermuthung ist bereits zur Thatsache geworden. Der Inhalt des erwähnten Circulärs, welches unser Minister des Innern am 7/19. Juni unter Nr. 9308 an sämmtliche Präfecten deS Landes erlassen hat, ist Ihnen wohl bekannt, ich will nur den Schluß des Circulärs nochmals anführen: „Wachet aufmerksam, daß man das Bagabundiren, sei eS in Städten oder in Dörfern um keinen Preis tolerire, und daß jeder Fremde, an dem die Merkmale eines Vagabunden vorgefunden werden sollten, sofort eingefangen und über die Grenze transporttrt werde." Nun ist's weltbekannt, daß Rumänien das Land ist, wo höhere und niedere Beamte irgend welches Circulär oder Gesetz gegen die Juden, d. i. die sogenannten Fremden zu interpretiren sich gedrungen fühlen. So begann auch der hiesige neuernannte Polizeiinspector 32*

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