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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-08 · Heft 32 (8.8.1876) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 32 (8.8.1876)
Date
1876-08-08
Page
Seite 508 (sequence 2)
Language
German
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508 kühlt sich die Freude ab, wird aber auch das unliebsamste erträglich. Die größte Reihe der Swuden spielt sich daher im menschlichen Leben in der Ruhe des Gleichmaßes, res Gewohnten, der Alltäglichkeit in Arbeit und Genuß ab, und dem erfahrenen und recht entwickelten Menschen ist dieses Gleichmaß der liebste Zustand, von welchem er sich nur selten trennt, und zu dem er am schnellsten zurückzukehren sucht. Wehe dem, der wie ein Opiumraucher der Aufregung bedarf, um sich wohl zu fühlen, der Befriedigung irgend einer Leidenschaft, und dem die Ruhe und Sicherheit des Daseins eine Last erscheint, die er selbst um den Preis der Sorgen und der Schmerzen losschlägt. Die Erfahrung widerspricht also dem Pessimismus. Aber nicht minder ist es unwahr» wo er sich theoretisch zu begründen und aufzubauen sucht. Jedes Bedürsniß, sagt er, setzt einen Mangel voraus, und jeder Mangel ist ein Schmerz. Aber auch die Befriedigung bringt Abspannung, Sättigung herbei, und auch diese ist Schmerz. Die Natur des Menschen ist Demnach aus Schmerz und Uebel zusammengesetzt; denn zwischen Bedürfniß und Befriedigung verläuft das ganze Dasein. Jeder dieser Satze ist eine unrichtige Voraussetzung. Der Mangel wird erst dann zum Schmerze, wenn er die Aussicht der Abhülfe schwinden sieht. Giebt eS doch viele Mangel, die an sich gar kein Schmerz sind, weil sie nur dann erst fühlbar werden, wenn sie zu schmerzen beginnen. Der zerlumpte Bettler erkenm de» Mangel seiner Kleidung erst, wenn es ihn friert. Die Aussicht auf ein gutes Mahl macht den Hunger nicht allein nicht schmerzhaft, sondern erfteulich, und die Reichen sehnen sich nach einem tüchtigen Hunger. Noch weniger gilt, was der Pessimismus von der Besriedigung sagt. Er verwechselt hier die Beftiedigung mit der Uebersattigung. Letztere ist nicht ohne Schmerz; aber die Befriedigung im richttgen Maße bereitet ein Gefühl der Behaglichkeit» das schätzbarer ist als selbst die Freude eines außergewöhnlichen Glücksfalls. Dies empfindet z. B. Jeder, der ein wärmendes Kleid angezogen, ein seinem Geschmacks genügendes Mahl eingenommen, in den Besitz der Mittel kommt, um sorgenlos in die Zukunft zu blicken u. s. w. Und giebt es denn keine unvermittelten Freuden, keine unerwarteten Genüsse, denen kein gesühltes Bedürfniß, nicht einmal eine ErwarMng voranging? Giebt es nichts, in deffen Besitz wir uns dauernd glücklich fühlen, das uns mit immer erneuter Behaglichkeit erfüllt? Stehen wir niemals auf einer Höhe, die wir nicht erst mühsam zu erklimmen brauchten, auf die wir gleichsam hinaufgetragen worden? Alles dies von der Beftiedigung leiblicher Bedürfnisse. Ganz dasselbe gilt aber von den geistigen. Derjenige verkennt die Menschennatur gänzlich, welcher das geistige Sweben mit Mangel und Schmerz identisicirt. Vielmehr tiegt das höchste Glück in dem Streben selbst und deffen allmäliger Beftiedigung. Niemand wird dies leugnen, der sich jemals zu einer geistigen Arbeit, zu einem Studium, zu einer Forschung und Untersuchung angeschickt hat. Auch hier liegt ein Bedürfniß zu Grunde, aber dieses Bedürfniß ist zugleich die edelste Erhebuug des Geistes, und jeder Schritt vorwärts, sei er auch noch so mühevoll, ja je mühevoller er ist, bietet die höchste Freude, mit einem wahren Jubel der Seele verbunden. Wo ist da Bedürfniß und Befriedigung im Schmerze? Der Pessimist wird sich da selbst Lügen strafen; denn wenn er glaubt, daß ihm soeben ein recht lebendiger Ausdruck seiner Anschauung gelungen ist, wird er sich fteudig ergriffen und glücklich fühlen! Ich skizzire hier nur mit allgemeinen Strichen, da ein Jever die Gedankenreihe leicht forssetzen und sich ausfülleu kann. Aber in's Allgemeine führt uns folgende Betrachtung. Der Pessimismus beruht wie der Socialismus und Communismus auf einer allgemeinen Unzufriedenheit, und diese wiederum findet ihre Ursache in zwei wichtigen Momenten. Das erste besteht darin, daß der gegenwärtigen Generation die Freuve an der Arbeit und an dem Erzeugniß der Arbeit verloren gegangen ist. Ich glaube nicht als ein Lobpreiser der vergangenen Zeit (lauästor temporis scti), sondern als ein wahrheitliebender Beobachter behaupten zu können, daß in ftüherer, noch nicht allzusehr vergangener Zeit in den sg. arbeitenden Claffen, vom Künstler bis zum Tagelöhner, die Arbeit als das Natürliche, Selbstverständliche, das Leben nothweudig Ausfüllende angesehen wurde, daß man an der Arbeit als der Uebung seiner Kräfte, als der Verwendung seiner Geschicklichkeit eine gewisse Lust empfand und des Erzeugnisses seiner Hände sich erfteute. Der Schuhmacher blickte lächelnd auf den schmucken Stiefel, der Schreiner auf den kunstgerechten Schrank und selbst der Holzspalier auf den wachsenden Haufen des gespaltenen Holzes. Man ging mit beftiedigtem Bewußtsein am Abend von dem vollbrachten Tagewerke hinweg; man war in seiner Art stolz auf sein Gewerk, welcher Art dies auch war. Jetzt ist es anders. Die Arbeit ist eine Last, die nach dem Pessimist das größte Uebel des Lebens ausmacht, und schon durch ihre Nothwendigkeit diese Welt als die schlechteste bezeichnet. Das Nichtsthun, das Nichts überhaupt ist ihm das Ideal, die Schönheit und die Gerechtigkeit. Die Arbeit ist eine Last, die in der Zeit zu verkürzen und in der Anstrengung so viel wie möglich zu vermindern. Von dem sittlichen Werthe der Arbeit und von dem künstlerischen Gehalte des Erzeugnisses ist alles Bewußssein verloren gegangen. Nichts Anderes wird in Betracht gezogen, als das Lohnverhältniß, das möglichst hoch geschraubt werden soll. Daraus die Unredlichkeit, die Prellerei, der Betrug. Daraus der Neid auf jeden Beffergestellten, die Feindschaft gegen den Arbeitgeber, die Mißachtung, die der Künstler ebenso gegen den Besteller, wie der Tagelöhner gegen seinen Brodherrn empfindet. Mit den steigenden Bedürfnissen und der Berbreiwng des Luxus wächst zugleich die llngenügsamkeit. So viel auch für die Verbesserung der Lage aller Arbeitenden, auch der Beamten und Lehrer geschieht, sie verlangen nach immer mehr. So viele Fortschritte in der Beschaffenheit der Wohnung, Kleidung und Nahrung auch für die untersten Claffen erzielt sind: jene selbst

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