Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1876)
- Date
- 1876-08-01
- Page
- Seite 501 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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501 doch zu Stande, das dürfen wir nicht dulden; wenn wir es wieder zerstören, so kräht kein Huhn und kein Hahn darnach. Wie gesagt, so gethan. — So wurde uns denn von einer großen Bauernmasse am Hellen lichten Tage und vor unseren thränenden Augen und zuckenden Herzen unser mit eigenem Fleiß und Schweiß so weit gebrachtes Gotteshaus wieder zerstört. Wir sahen ein, daß wir ohne Schutz und Erlaubniß des Gouvernements unser Ziel niemals erreichen würden, dazu aber gehört Vieles, was wir nicht leisten können. Es müssen nach den Gesetzen MO Familien vorhanden und zur Hälfte Grundbesitzer sein; ferner muß viel Geld vorhanden sein, um all die Unterbeamten zu befriedigen, welche Mitwirken sollen, um die Erlaubnis zu erlangen. Wir haben die nothwendigen Nachweise zu erbringen gewußt, was uns nicht mehr schwer fallen konnte, nachdem wir den letzten Kopeken hergegeben halten, um all die verlangten Summen zu beschaffen. So haben wir denn vom Gouvernement die Erlaubniß erlangt, ein Gotteshaus besitzen zu dürfen. Auf die sichere Kunde hin, daß die betreffende Urkunde ausgefertigt liege und es nur wieder einer Summe Geldes bedürfe, um dieselbe ausgehändigt zu erhalten, haben wir wieder frisch und froh zu bauen begonnen, zumal sich mittlerweile auch in unserer Umgebung ein Stimmungswechsel zu unseren Gunsten vollzogen hatte, so daß man uns jetzt in jeder Weise freundlich entgegen kommt. Zunächst hatte sich der Grundherr, Graf Plater, in's Mittel geschlagen, und hatte den Bauern befohlen, uns nicht weiter zu belästigen; dann war jener erwähnte Schreiber krank und brotlos geworden, und sowohl er selbst, wie auch die Bauern, glaubten darin eine Strafe für die Versündigung zu finden, zur Zerstörung des jüdischen Gotteshauses aufgereizt zu haben. Gegenwärtig ist uns nun Gelegenheit geboten, unser Gotteshaus mit allem Zubehör fertigstellen zu können. Der hier anwesende Gutsverwalter Sack läßt im Aufträge des Grafen Plater ein großes Mühlenwerk bauen. Die dabei beschäftigten Handwerker sind fast sammtlich Juden und wollen aus reinem Mitleid für eine geringe Vergütung das Haus mit allen Utensilien vollenden. Unsere Mittel sind jedoch der Art erschöpft, daß wir unter uns auch nicht einen Rubel mehr aufzubringen vermögen. 50 Rubel, das ganze Vermögen eines alten, arbeitsunfähigen Schneiders, haben wir im vergangenen Jahre geborgt und bezahlen dafür 12 Rubel pro Jahr Zinsen. Mehr können wir nicht bekommen, können auch bei unseren sonstigen Cultusbedür nisten nicht mehr verzinsen. Es ergeht nun unsere Bitte zunächst an Sie, den deutschen Glaubensbrüdern unsere bedrängte Lage vorzustellen und zu bitten, daß man uns mit 400 bis 500 Rubel aushelfen möge. Wir wollen dafür die milden Geber in unser Gebet einschließen, und wir, unsere Kinder und Enkel wollen die edle That der Liebe und Frömmigkeit segnen und verherrlichen." Glaubensbrüderl Die kleinste Gabe ist in diesem Falle gerade groß genug, um damit die Seligkeit im Jenseits zu erkaufen. Jeder der dies liest möge etwas beisteuern und auch Andere zur Beisteuer ermuntern. Ui. Rülf, Rabbiner. Die Gaben nehme ich in Empfang und veröffentliche dieselben in den geeigneten jüdischen Zeitschriften. Vermischtes. Der Literarhistoriker Julian Schmidt, welcher bekanntlich früher gegen die Juden so herbe ausgetreten ist, mag wohl mit der Zeit milder gestimmt worden sein, aber sein Porurtheil hat er nicht aufgegeben. Er ist nicht starker Geist genug, um sich von einem Voruriheil zu befreien und dies osten zu bekennen, - wie es z. B. Freytag gethan. Er sucht sich deshalb hinter die abgenutzte Ausflucht zu retten: Keine Regel ohne Ausnahme. Besonders wohlgesinnt ist er gegen Berthold Auerbach, wie er in einer „Studie" über diesen Schriftsteller erwies, die er in der „Augsb. Allg. Zeitg." im vorigen Jahre veröffentlichte. Hinterdrein mußte es sich ihm aufgedrangt haben, daß er hiermit seiner Gesinnung gegen die Juden ungetreu geworden zu sein scheinen müste. Er benutzte daher das bekannte Sendschreiben Auerbach's an Billroth (f. Nr. 5 d. Bl.), um, wenn auch durch die Blume, zu bedeuten, daß er verdienstvolle Juden nur als Ausnahmen ansehe. Im Bewußtsein seines Vorurtheils definirt er das Vorurtheil als eine Meinung, die man auf Grund mehrfacher Erfahrung nun auch gegen eine Person oder Sache gleicher Art hegt, die man noch nicht geprüft hat. Dies ist deutlich genug gesprochen. Der gute Julian Schmidt vergißt, daß ein Vorurtheil sich oft von Jahrhundert zu Jahrhundert vererbt, so daß gar keine wirkliche Erfahrung mehr zu Grunde liegen kann; er vergißt, daß Vorurtheile schon in zartester Kindheit, wie man sagt mit der Muttermilch eingesogen werden, wo also Erfahrungen und Analogien noch gar nicht möglich waren, und daß unter der Einwirkung solcher Vorurtheile die Dinge wie durch eine schwarze Brille angeschaut werden. Wenn die Spanier, die niemals einen Protestanten gesehen, sich einen solchen nur mit einem langen Schwänze versehen dachten, war dieses Vorurtheil aus früheren Erfahrungen hervorgegangen? Herr Julian Schmidt wird sich also nach einer anderen Definition des Vorurtheils Umsehen müsten. Haß und Feindseligkeit dichten oft genug dem Gegenstände ihrer Leidenschaft schlimme Eigenschaften an, die sie auch einem blöden Publikum glaubwürdig zu machen wissen, und daraus haben sich Vorurtheile entwickelt, welche kaum wieder auszutilgen sind. Sicherlich wenn alle Juden Tugendhelden, Genies und von feinster Tournüre sein würden, Hörle das Vorurtheil gegen sie, sowohl bei einem großen Theil der Masse, als auch bei Männern wie Julian Schmitt nicht auf, weil sie sich jeden Einzelnen als eine Ausnahme denken könnten. 31*