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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-01 · Heft 31 (1.8.1876) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 31 (1.8.1876)
Date
1876-08-01
Page
Seite 500 (sequence 10)
Language
German
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500 Jeuilletoil. Correspou-enz. Memel, im Juli. Theure Glaubensbrüder! Wenn ich auch bis zum Ueberdrusse für die armen russischen Glaubensbrüder bitten unv betteln, ja wenn ich mir selbst manche beschämende Abweisung gefallen lassen müßte — so würde ich es doch nicht unterlassen, in ihrer Noch an die Thüren Eurer Herzen anzuklopfen, zumal die Geber dadurch wenig beeinträchtigt, den Bedrängten aber Liebesthaten von unberechenbarem Werthe erwiesen werden. — Es handelt sich diesmal um den Neubau eines Bet- und Lernhauses einer kleinen russischen Gemeinde, der sich unter so eigenthümlichen Vorgängen vollzieht, daß diese wohl erzählt zu werden verdienen. Vor ungefähr einem Jahre, oder wohl noch länger, forderten mich zwei bekannte und befreundete Rabbinen auf (R. Josijah Heller, indessen zum Kreisrabbiner von Telsch berufen, und R. Salomoü Sachs, indeffen verstorben Vs?), bei vermögenden und wohlthätigen deutschen Glaubensgenossen der höchst ärmlichen Gemeinde Kurzian zum Neubau ihrer kleinen Synagoge einige Unterstützungen zu vermitteln. Ich hielt das damals nicht für angezeigt, war jedoch spater so glücklich, den armen Menschen 150 Mark — für diese Leute schon eine beträchtliche Summe — übermitteln zu können. Vor wenigen Tagen kamen die Vorsteher der genannten Gemeinde zu mir und ließen nicht eher mit Bitten nach, bis ich einwilligte, mit ihnen an Ort und Stelle zu kommen. Ich unterzog mich all' den Mühseligkeiten des sechs Meilen langen Weges, genügte all den peinlichen und kleinlichen Förmlichkeiten, um über die Grenze gelasien zu werden, und gelangte nach anstrengender Fahrt auf einem kleinen Leiterwagen nach Kurzian und traf bei der im Rohbau bis zum Dache fertigen Synagoge die versammelte Gemeinde. Hier ist der Ort zu einer nothwendigen Parenthese. Man hüte sich diese fleißigen, redlichen, überaus bescheidenen Menschen nach jenen Schnorrern zu beurtheilen, welche als der Auswurf der größeren Gemeinden sich in der ganzen Welt umhertreiben. Hier haben wir es mit in ihrer Art gebildeten Leuten zu thun; denn „gelernt" haben sie sämmtlich, Manche sogar recht viel. Der Sprecher, ein noch junger, hübscher Mann, erzählte: „Hier am Orte wohnen l 3 Familien und 11 in der Umgegend auf dem Lande zerstreut. Wir sind sämmlich aus den großen Gemeinden, weil wir uns dort nicht mehr ernähren konnten, hierher gezogen. Nur zwei von uns, welche etwas Vermögen haben, sind Produktenhändler, drei sind Landkrämer, drei andere haben kleine Krambuden hier am Orte, alle übrigen sind Fuhrleute, herumziehende Handwerker und kleine Ackerbauer, welche vom Grundherrn, Grafen Plater, kleine Grundstücke zur Bearbeitung gepachtet haben. Nur hier, Herr Sack, ist der Verwalter eines sehr großen, gräflichen Gutes, das an 60 Pferde und an 500 andere Stück Vieh ernährt. Wir konnten ohne Gotteshaus nicht länger bleiben, sonst wäre unser Leben gar kein menschliches Leben. — Arbeiten, Entbehren, ja Darben und Dulden, darin besteht die ganze Summe unseres Lebens. In den größeren Orten, wo überall unsere Glaubensgen osten die überwiegende Masse der Bevölkerung bilden, da sind sie, wenn auch durch staatlichen Druck schwer belastet, zum wenigsten im bürgerlichen Leben Herr unv Meister; hier aber sind wir nur eine verschwindende Minderheit und darum dem fanatischen, unwissenden und abergläubischen Volke rückhaltlos preisgegeben. Unsere Litthauer sind sonst gutmüthige' Menschen, und wir haben früher auch recht gut mit ihnen gelebt; allein da sind römisch-katholische Geistliche in's Land gekommen, die von weiter nichts Reden führen als von den gottesmörderischen Juden unv den Fanatismus des Volkes derart erregen, daß sie uns viel Schlimmes zufügen. Wo sollten wir anderwärts Erholung, Ruhe, Trost suchen und finden, als in unserem Beth-Hamidrasch, das, wie in allen kleinen Gemeinden, gleichzeitig unser Gotteshaus ist? Hier finden wir uns nach der Arbeit zusammen, lernen gemeinschaftlich ein Blatt Gemoroh oder einen Perek Mischnoh u. s. w., und dreimal des Tages öffnen wir hier unser Herz und lassen die innigsten Gebete zu unserem Gotte ausströmen; „das tröstet uns von unserer Arbeit und von der Mühseligkeit unserer Hände aus dem Erdreiche, welches." Aber lassen Sie mich den Satz lieber nicht vollenden; vielleicht ist es so das Beste. Vor etwas mehr als drei Jahren haben wir mit diesem, wie Sie sehen, nicht sehr großen Holzbau begonnen, und jetzt, nachdem alle unsere Mittel erschöpft sind, ist derselbe erst bis zur Bedachung fertig. — Wie unsere Vorfahren beim Aufbau des zweiten Tempels mit fortwährenden feindlichen Hindernissen zu kämpfen hatten, so ist es auch uns ergangen. Man hatte bald in Erfahrung gebracht, daß es sich um einen Synagogeubau handle und wollte das in jeder Weise zu hintertreiben suchen. Was bei Tag geschafft war, das wurde uns bei Nacht wieder zerstört, so daß wir gleichsam, wie damals unsere Vorfahren, „mit einer Hand arbeiten und mit der andern das Schwert führen mußten". Dennoch hatten wir endlich, wie heute, unser Gotteshaus bis zum Dache fertig gebracht. Es war an einem Mittwoch; wie gewöhnlich war Gerichtstag gewesen, an welchem ein selbstgewähltes Bauerngericht alle kleinen Rechtssachen schlichtet und nur ein besoldeter Schreiber das Protocoll führt. Alles war gehörig angetrunken; denn wer die größte Schnapsbulle giebt pflegt zu gewinnen, und der verlierende Theil trinkt mit und giebt sich zufrieden — da sprach bemeldeter Gerichtsschreiber: Die Juden bringen ihr Gotteshaus

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