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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-08-01 · Heft 31 (1.8.1876) · p. Seite 493

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 31 (1.8.1876)
Date
1876-08-01
Page
Seite 493 (sequence 3)
Language
German
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493 Der preußische Staat hat seit 1860 die großartigsten Wandelungen zu bestehen gehabt. Die große Heeresreorganisation und der Conflict vor und die bedeutenden Vergrößerungen im Jahre 1866, der Krieg von 1870,71, die Gründung des deutschen Reiches und das Ein- und Aufgehen Preußens in dasselbe, die Nöthigung, schon durch diese äußeren Verhältnisse, liberale Grundsätze anzunehmen und in der liberalen Partei den Stützpunkt zu suchen, so daß die theils stehengebliebene, theils zurückgegangene Gesetzgebung auf dem liberalen Boden eine Umgestaltung vornehmen mußte, die jedoch meist erst in großen Zügen vor sich gehen konnte, so daß die Durchführung entweder noch schwankend und zu verbessern, oder noch gar nicht vorhanden ist; dann endlich die gewaltige finanzielle, industrielle und commerzielle Krise, welche das Nationaleigenthum so sehr geschwächt und die Erwerbsverhältniffe überaus herabgedruckt hat — alles dies begründet eine schwer lastende Unsicherheit für die nächste und die weitere Zukunft. Diese Unsicherheit bethätigte sich in der liberalen Partei im bisherigen Abgeordnetenhause selbst, und ließ sie weder ihren Principien als solchen, noch wo es deren Berwirklichung in Gesetzen und in der politischen Controle galt, getreu bleiben — und hierdurch brachte sie, was man sich nicht verhehlen kann, eine Art Mißachtung gegen sich und ihre Wortführer zuwege, einen Mangel an Vertrauen, der durch die wirthschastliche Zerrüttung nur allzusehr genährt wird. Diese Unsicherheit begrenzen zu helfen, ist jedweder Bürger durch die Wahlen berufen. Da ist es denn auch nicht zu verwundern, daß die alten, von der Macht verdrängten Parteien sich in allerhand neuen Formen wieder hervordrängen, bald als Agrarier, bald als ,.Deutsch- Conservative", die mit zusammengerafften Schlagwörtern, welche, wären sie ernst gemeint, in unlösbare Widersprüche führten, anlocken wollen. Nicht zu verwundern ist es, daß, wer die Noch des Lebens in seinem Theile fühlt, die Fabrikanten, die Handwerker, die Landwirthe, die Lehrer, politische Parteien zu bilden und die Wahlen in die Hand zu bekommen versuchen. Dies nun neben den bestehenden Parteien der Ultramontanen und der Socialisten — und es fehlt dem Bilde wahrlich nicht an Gestalten und Farben, selbst burlesker Art. Wahrlich, da liegt uns das Heil des Vaterlandes zu sehr am Herzen, um uns einfallen zu lassen, etwa nach dem Beispiel der Katholiken in der Centrumspartei und der Lutheraner in der veutsch-conservativen Partei auch bei den Juden die Bildung einer Art politischer Partei zu versuchen! Nicht weil sie eine, noch dazu weit zersprengte Minorität ausmachen. Denn wir wissen, daß es nur auf den Eifer einer solchen ankommt, um im Wahlkampf zu erzwingen, daß man mit ihr rechne. Auch nicht etwa weil wir befürchteten, allzusehr auf principielle Gegensätze zu stoßen. Denn es ist bekannt, daß die Mehrheit der Juden durch Geschichte und Anschauung zur großen liberalen Partei, wenn auch in deren verschiedenen Schattirunzen, gehört. Endlich auch gewiß nicht aus Mangel an greifbaren Objecten und Bindemitteln; denn daß an diesen, negativen und positiven, für uns kein Mangel ist, dafür sorgen unsre Feinde und unsre zweifelhaften Freunde ausreichend. Sondern einerseits weil wir die Zersplitterung und den Hader für die liberale Partei im jetzigen Augenblicke, wo ihren Gegnern die Aussichten nicht allzusehr geschwunden sind, als für das Vaterland gefährlich zu sehr fürchten; andrerseits weil wir gerade von den Juden das Beispiel gegeben wünschen, im großen Entwickelungsgange des Vaterlandes auf alle confessionellen Interessen und Rücksichten zu verzichten, und deren Befriedigung nur von der Ausgestaltung des Princips der Zarität zu erwarten. Dem widerspricht aber nicht, daß wir mit aller Krafl und allem Nachdruck auf das folgende Moment aufmerksam machen. Unter den großen Aufgaben der nächsten Legislatur, wenn auch vielleicht erst in deren zweiter Session, steht das Unterricht sgesetz oben an. Dieses bereits von der Verfassung seit mehr als 25> Jahren verheißene, so oft begehrte, so oft versprochene Unterrichtsgesetz ist für Slaatsregieruug wie Volk ein gleiches Bedürfniß, dessen Befriedigung einen weitern Aufschub nicht mehr erträgt. Aus dem Wirrfal, aus den Widersprüchen, aus dem entgegengesetzten, bald dahin, bald dorthin zerrenden Reglementiren, aus dem traurigen Provisorium, wo Niemand weiß, was die nächste Zeit und was die Zukunft bringen werde — muß das preußische Schulwesen in allen seinen Stufen heraus, wenn nicht der Schaden immer größer werden soll. Auch darf das Schulwesen durch die Unentschiedenheit seines Charakters nicht länger das Schiboleth der Parteien, ein Motiv der Wühler sein! Brauchen wir es erst noch zu sagen, das Unterrichtswesen ist das Heiligthum, ist das Palladium jeder Nation, jedes- Staates. Es ist nicht blos rer wirksamste Factor der gesammten Volksbildung, der niederen und höheren; der Charakter, die Richtung, die Gestaltung desselben wirken auch unmittelbar auf den Geist der schon erwachsenen Generation, greifen so einflußreich in das Volksleben selbst ein, daß neben einem freisinnigen Unterrichlswesen ein tiefer und dauernder Rückgang nach allen Seilen hin unmöglich, oder doch sehr erschwert sein wird. Das Unterrichlsgesetz muß also in der bevorstehenden Legislatur vor die beiden Häuser des Landtags gebracht werden. An einem solchen ist aber die Religion überhaupt und das Judenthum ganz besonders im höchsten Grade interessirt. Die Erziehung darf keine blos intellectuelle, keine die Verstandesbildung allein pflegende, sondern muß auch eine religiös-sittliche sein. Keine Zeit bedurfte der letzteren von Seiten der Schule mehr, da die Religion aus dem Familienleben und der Literatur vielfach geschwunden, andererseits aber mit kirchlichem Aberglauben durchsetzt ist. Das Judenthum als die Religion der Minorität ist aber in noch erhöhtem Maße am Unterrichtswesen betheiligt. Es ist den im allgemeinen Leben nach den Vorschriften der christl. Kirche getroffenen Einrichtungen z. B. hinsichtlich der Feier des Sonntags und der Feste unterworfen; es kommt in der allgemeinen Literatur nicht allein 31*

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