Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1876)
- Date
- 1876-07-25
- Page
- Seite 487 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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487 sanken Thatsache ist ein ganz neuer Beitrag zur Geschichte der Stadt Wien, den der gelehrte Kunst- und AlterthumsforsLer Herr Albert Camesina Ritter von San Bittore sammt den urkundlichen Nachweisen in dem jüngst erschienenen fünfzehnten Bande der „Berichte des Wiener Allerthumsvereins" liefert. Denn von einer eigentlichen Judenstadl, einem förmlichen Ghetto im alten Wien wußte bisher keiner der Geschichtsschreiber der Stadt etwas Genaues und Sicheres zu berichten; Einige sprachen wohl darauf bezügliche Vermuthungen aus, die aber zumeist nur ganz allgemein und überdies irrrig und unrichtig waren. So behauptete z. B. Tschischka bei Erwähnung des Zustandes der Wiener Juden im dreizehnten Jahrhundert, daß sie einen „eigenen, mit Mauern umfangenen Bezirk" hatten, meinte aber, daß derselbe „unzweifelhaft außerhalb des Stadtwalles" sich befand, und verlegte ihn in die Gegend des ehemaligen unteren Zeughauses im Tiefen Graben, im sogenannten „Elend". Das stellt sich aber durch Camesina's Forschungen als ganz unrichtig heraus. Allerdings hatte sich die Erinnerung an den Bestand eines JudenvisrtelS im alten Wien in dem Namen des „Judenplatzes" erhallen, aber nicht in dem bestimmten Sinne, daß dieser Platz den Mittelpunkt eines größeren, ringsum abgeschlossenen Quartiers bildete, das nur von Juden bewohnt war, und daß die Wohnstätte der Wiener Juden seit den ältesten Zeiten bis fast gegen das Ende des Mittelalters immer eben daselbst war. Allerdings sind bereits mehr als fünfthalb Jahrhunderte verflossen, seit die große Verfolgung, Vertreibung und Beraubung der Juden in Oesterreich und Wien in den Jahren 1420 bis 1422 dem Bestände jener Wiener Judenstadt ein Ende gemacht hat und dieselbe ohne Hinterlassung äußerer Spuren und Merkmale in dem übrigen Wien aufgegangen ist. _ Der Pessimismus vor Gericht. Die „Tribüne" schreibt: „Die Preßdeputation des hiesigen Stadtgerichts wird sich demnächst mit einem bereits kurz erwähnten hoch interessanten Prcßprocefse zu befassen haben. Der Börsen- Courier erwähnte kürzlich des eigenthümlichen Mordes, den der kaum 19-jährige Lithograph Blume! ohne alle Veranlassung an seinem Freund und College» Drehle beging, indem er demselben mit einem Lithographiesteine den Schädel einschlug, angeblich nur zu dem Behufe, um in stiller Zurückgezogenheit ohne anstrengende Thätigkeit den Rest seiner Tage zubringen zu können. Auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob er denn keine Reue über seine Thal empfinde, antwortete Blumel: das sei keineswegs der Fall, denn er befinde sich in Uebereinstimmung mit der Lehre des Philosophen Eduard v. Hartmann, daß das Leben ein werthloses Object sei, und er glaube, sein Freund müsse ihm dankbar sein, daß er ihn aus diesem Jammerthal befreite. — An diese Vorgänge knüpfte der Börsen-Courier einige Betrachtungen, in welchen Eduard v. Hartmann für den Mord verantwortlich gemacht wurde, da der junge Lithograph aus dessen philosophischen Lehren nur logische Schlußfolgerungen gezogen habe: der Mörder wie der Gemordete seien Opfer der Trugschlüsse Hartmann's, aber die entrüstete öffentliche Meinung werde ihr „Schuldig" über den intellectuellen Urheber des Verbrechens aussprechen. — Diese Ausführung hat Hartmann als eine grobe Beleidigung seiner Person aufgefaßt und deshalb bei der Staatsanwaltschaft einen Strafantrag gestellt, dem auch Folge gegeben ist. Als Verfasser des Artikels hat sich Dr. Robert Davidson genannt, und ist derselbe bereits verantwortlich vernommen worden." Wir kennen den bezichtigten Artikel des llr. Davidson nicht und wissen daher auch nicht, worin er etwa zu persönlich gegen v. Hartmann geworden. Im Allgemeinen aber wird man ihm Dank wissen. Denn das Uebel besteht ja nicht sowohl in der Existenz solcher Philosopheme, von deren Art es auch in früheren Zeitperioden gegeben, und die, weil sie zu den ungründlichsten und unwissenschaftlichsten Systemen gehören, am wenigsten Dauer und Wirksamkeit auf dem Gebiete der Philosophie erlangen. Sondern die Schädlichkeit liegt darin, daß in unsrer Zeit dergleichen Sophistereien auch in das Volk dringen. Das Volk vermag einerseits diese unverdauliche Nahrung nicht zu verarbeiten, andererseits aber besitzt es noch Logik genug, um die Conseguenzen jener Theorien ganz unmittelbar für Person und Umgebung zu ziehen. Wenn Schopenhauer am Leben dessen Kürze für das Beste hält, wenn Hartmann nur den eine Trost findet, daß die gesammte Menschheit einmal vernichtet werden würde, wenn Bahnsen auch dies leugnet und das Dasein nur für endlose Qual hält: so lebte jener und leben diese frisch weiter, und lassen es sich an der Tafel des Lebens doch gefallen; solche Jünglinge aus dem Volke aber nehmen den Unsinn für vollen Ernst, und ziehen den nackten Schluß, der in Mord und Selbstmord endet. Die Herren werden dies auch zu den Schmerzen des Lebens rechnen — aber sie trösten sich ja mit der wissenschaftlichen Erkenntniß. Zu letzterer gehört freilich eine Anklage vor dem Stadtgerichte nicht. Wie dies hierher gehört? Nun, das Judenthum ist von A bis Z der volle Gegensatz zum Pessimismus, und das jüdische Bewußtsein weift alle Trugschlüsse desselben weit von sich. Nachtrag. Pariö. Die Frau Marschallin Mac-Mahon hat aus den Sammlungen eine bedeutende Summe für die Ueberschwemmten im Elsaß gesendet, unter Anderm auch 10,000 Francs an Len Großrabbiner von Straßburg. London. Jüngst hat viel Aufsehen ein Werk gemacht, das vom Viscount A m b e r l e h, Sohn des Earl John Russell, verfaßt ist. Der Autor verstarb, ehe der Druck vollendet war. Es führt den Titel: The Analysis of Religious Belief, und ist