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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-07-25 · Heft 30 (25.7.1876) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 30 (25.7.1876)
Date
1876-07-25
Page
Seite 486 (sequence 12)
Language
German
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486 Richter: Das gehört doch nicht zur Sache? —Nathan Schiller: Eu' Gnoden verzeihen, man fallt doch nix mit die Thür in's Haus, es muß sein ein Eingang und Ausgang. Richter: Ersparen Sie sich das und erzählen Sie kurz, was sich am Ostersonntag zugetragen hat. — Nathan Schiller: Eu' Gnoden, bin ich denn nix schon dabei? Leben soll ich so sürwahr, wie ich just will anfangen. Also daß ich Ihnen sag', ein Skandal ist gewesen, daß ich mich Hab' geschämt die Augen aus 'n Kopf, nicht erleben soll man, was der getrieben hat. Richter: Was hat er getrieben?— Nathan Schiller: Was er getrieben hat, wie soll ich mir das dermerken? Richter: Sie wissen also nichts? — Nathan Schiller: Verzeihen Sie, Eu' Gnoden, zur Güte, wie heißt, ich weiß nichts? ich weiß nur zu viel. Ich bin dogestanden mit mein' Kraut wie betropft, er lauft der Köchin noch und sogt: „Das Kraut, was Schiller verkauft, ist nicht jontefig." Was Hab' ich ihm gethun? Wie darf er mir so was anthun? Ich bin ein Burger von der Stadt Wien, und er sogt, ich verkauf Kraut, was nix ist jontefig; ich stelle ihm zu Red', was sagt er daraus? Er sagt: „Elender Kerl, du red'st noch mit mir?" Ich schlag' mich auf die Stirn vor Aerger und sag': „Na, jetzt red' ich nix mehr mit dir, bis du bringst ein Sittenzeugniß von Frau Scharf." Wie ich so red' mit ihm in aller Güte, hebt er auf die Hand und giebt mir einen Patsch, daß mir Hören und Sehen vergangen ist. Ein ganz fremder Herr, ein Ehrenmann, hat gleich geschrien: „Herrnhuter, Sie haben Unrecht." Dazu kommt mein Weib, die ist sehr leicht gereizt, schreit ihm an, er packt die Butt' mit Waffer und begießt mein Weib, daß sie hat getroppitzt von oben bis unten und gezittert wie ein Eschbenlaub. Ist das ein Benehmen von einem gebildeten Mann gegenüber einem Wiener Bürger, sagen Sie selbst, Eu' Gnoden? Richter: Was geschah weiter? — Nathan Schiller: Geschehen ist weiter gor nix; ich habe mich angenummen um meine Leut', meine Leut' haben sich angenummen um mich, und so sind wir schändlich beleidigt worden. Richter: Ihre Beleidigung wird später zur Austragung kommen, heute handelt es sich um das, was Sie und Ihre Familie dem Herrnhuter angethan haben? — Nathan Schiller: Wir sind gottlob gebildet, wir schlagen sich nix; aber wenn er schlagt herüber, schlag' ich hinüber. Leopold Herrnhuter giebt zunächst eine talmudische Erklärung über die Bedeutung des Krautes mit und ohne Kümmel, und nachdem er betheuert, nur sein sittlich-religiöses Gefühl habe ihn bewogen, vor dem Ankauf dieses Sauerkrautes zu warnen, sagt er: „Gnädiger Herr, laden Sie den ganzen Salzgries vor, und Sie werden hören, wie es mir gegangen ist; ka Fleckel i an meiner Ehr' rein geblieben, und hergesallen sind sie über mich, Gott sei Dank, daß eine Hühnersteigen da war; wenn zum Beispiel ein Felsenstein da gewesen wäre, hätte ich mir das Gehirn zerschlagen, so bin ich aus die Hühnersteig gefallen. Auf einmal läßt die Hühnersteig' nach und ich lieg' auf der Decimalwag'. Was sagen Sie dazu? Richter: Beanspruchen Sie eine Entschädigung?—Herrnhut er: Wenig Hab' ich versäumt, es war gerad'unsere höchste Session. Ich verlange erst 50 Gulden Versäumniß, dann ein ordentliches Schmerzensgeld für's Jnvalidenhaus. Richter: Was hat das Jnvalidenhaus damit zu fchaffen? — Herrnhuter: Kann ich nix machen ein Präsent, wem ich will? Mach' ich ein Präsent mit mein' Schmerzensgeld dem löblichen Jnvalidenhaus. Richter: Es scheint zwischen Ihnen Beiden schon seit längerer Zeit eine Gehässigkeit zu bestehen? — Herrnhuter: Weiter gar keine Gehässigkeit, als einmal war ich bei mein' Cousin, den Herrn Knapp, ist gekommen eine seinige Verwandte, was mit Gans' handelt, und hat erzählt, daß sie kann nicht bekommen ihr Geld von Schiller, was sie hat von ihm zu fordern; Hab' ich ihr dazu geholfen. Ich müßte Ihnen do eine langmächtige Geschichte erzählen; ich weiß nicht, ob Sie wollen, daß ich erzähl', es wird sehr lang' dauern, wenn ich anfang'. Richter: Ich verzichte. Bertheidiger: Haben Sie dem Schiller eine Ohrfeige gegeben? — Herrnhuter: Gott soll behüten. Bertheidiger: Ich mache Sie aufmerksam, daß Sie als Zeuge depvniren und die Wahrhett reden muffen, sonst machen Sie sich eines Betruges schuldig. — Herrnhuter: Vielleicht jo, vielleicht nicht, wer merkt sich Alles in dem Tumult, schwören thu' ich nix für Io und nix für Na. Der Richter vertagt die Fortsetzung der Verhandlung für Montag, den 22. Mai. Am gedachten Tage fand nun dieser Ehrenbeleidigungsproceß zwischen den feindlichen Geflügelhändlern Schiller u. Herrnhuter seinen Abschluß. Der Staatsanwalt zog die Anklage nach § 411 zurück, weil das Beweismaterial durch die Verhandlung erschüttert worden war. Die Häupter der Familien Schiller und Herrnhuter gelobten fürderhin in Frieden nebeneinander „Gansel" zu verkaufen und auf eine Abstrafung gegenseitig zu verzichten, und der Richter entließ die versöhnten Parteien, ohne in die Nothwendigkeit versetzt worden zu sein, ein Uriheil zu sprechen. _ Verwischtes. Die „Presse" brachte jüngst ein Feuilleton unter der Ueberschrift: „Die alte Judenstadl in Wien", von welchem wir hier den Anfang wiedergeben: Das mittelalterliche Wien hatte — sowie Frankfurt, Prag, Venedig und manche andere Städte — seine eigene Judenstadl, nämlich eine inmitten der Stadt gelegene, aber vollkommen abgeschloffene und abgegrenzte Ansiedlung der Juden, die daselbst unter besonderen Gesetzen standen und eine eigene Verwaltung und Rechtspflege hatten. Die Feststellung dieser höchst interes-

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