Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1876)
- Date
- 1876-07-25
- Page
- Seite 485 (sequence 11)
- Language
- German
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485 nach Peßach in seiner Vollbluthe stehen. Diese Frist wurde Herrn Jesaias gerne zugestanden. Aber Unglück über Unglück! Nach Ablauf der bewilligten Frist kommt ein zweiter Brief des Herrn Jesaias, welcher anzeigt, daß der Bart nichts zu wünschen übrig lasse und auch den verwöhntesten Geschmack befriedigen muffe, daß sich aber setzt ein Fußleiden eingestellt habe, das es ihm durchaus unmöglich mache, nach Glasgow zu gehen. In dieser Verlegenheit weiß sich der Zwillrngsbruder Jacob in Baltimore nicht anders zu helfen, als zu einem Friedensrichter zu gehen und zu beschwören, daß nicht er, sondern der Bruder Jesaias der Glasgower Mayer sei. Was kann man mehr verlangen? Die Gemeinde war befriedigt. Doch nicht die ganze Gemeinde. Wahrend 36 Mitglieder aus die Worte ihres Meisters schwören, zählt die Gemeinde 25—30 Männer, die es wagten, an der beschworenen Aussage ihres Rabbiners zu zweifeln und es vorzogen, ihre Verbindung mit Rabbiner und Gemeinde aufzulösen, und so resignirten sie in empöre. Diese Minderheit besteht aus Len intelligentesten, besten Männern der Har-Sinai-Gemeinde, ja der jüdischen Bevölkerung in Baltimore, während die 36 es sich von den offentl. Blättern müffen in's Gesicht schleudern laffen, daß sie „banquerott an Ehre, banquerott an Religion, banquerott an Allem, nur nicht an Gelb" seien. Nachdem Herr Jacob Mayer beschworen, daß sein Bruder Jesaias es gewesen, der von 1857 —1860 in Glasgow fungirt habe, kamen hier eine Reihe von Briefen von den Gemeindevorstehern in Werther, Cleve, Schötmar, Mörs, Rahden und Eugen an, in welchen nachgewiesen, daß Herr Jesaias von 1856 an bis heute in jener Gegend functionirt und Deutschland niemals verlassen habe. Es wird von dort aus ferner bestätigt, daß die Herren Mayer keine Zwillingsbrüder, sondern 10 Jahre im Alter verschieden seien und daß eine Verwechslung der beiden Brüder eine Unmöglichkeit sei. Vergangene Woche hat Herr Jacob Mayer Baltimore verlaßen und seine zweite Irrfahrt nach Europa angetreten, ob zur Hebung der italienischen Erbschaft, oder um mit neuen Zeugnissen ausgerüstet zurückzukommen — wir wissen es nicht. Die jüdisch-amerikanische Preffe — N.-4). Times, N.-9). Meffenger, Jewifh Record, Jewish Chronicle :c. — das ganze jüdische Publikum in Amerika, sind einstimmig in der Berurtheiluug des Apostaten und Missionars, nur die 36, unterstützt von Wise im „JSraelite" und Sonnenschein in der „Deborah" «Beiblatt zum „Jsraelite") geberden sich wie unsinnig und geben sich, trotz besserer Ueberzeugung, alle mögliche Mühe, dem Publikum Sand in die Augen zu streuen. Brauch' ich Ihnen erst zu sagen, daß die Muhe eine vergebliche? — H. Hochheimer, Rabbiner. I e u i l Zur VolKscharaKKnstiK. Das jüdische Wien ist nicht blos wienerisch, sondern hat seine umfänglichsten Bestandtheile aus allen übrigen Landern deS Kaiserstaates, aus Böhmen und Mähren, aus Galizien und Ungarn. Dieses Gemisch so verschiedenartiger Elemente hat einen sehr mannichfaltigen Charakter auszuzeigen und es ist daher von Interesse, Züge aus diesem Volksleben zu betrachten. Deshalb geben wir bisweilen Berichte Wiener Blätter aus dem Gerichtssaal, und zwar heute folgenden: «Sauerkraut mit und ohne Kümmel.) Vor dem Bezirksgerichte der inneren Stadt spielten sich heute die Folgen einer auf dem Salzgries vorgefallenen Scene ab, deren Schlußact auf den 22. d. M. anberaumt wurde. Der Gestügelhändler Nathan Schiller war am Ostersonntag mit dem GeslügelhändlerLeopold Herrnhuter in Streit gerathen, weil Letzterer die Beschuldigung aussprach, Schiller verkaufe für Pesach «Ostern) Sauerkraut mit Kümmel, was dem Rituale dieser Feiertage nicht entspricht. Der Streit artete in eine Schlägerei aus, an welcher sich nebst den Häuptern der Familien Schiller und Herrnhuter auch sämmtliche Familienglieder, ja selbst das Dienstpersonal der streitenden Parteien betheiligten. [(ton Schließlich eilte man beiderseits zur Polizei und zum Gerichte, und so kam es heute zur Austragung des ersten Theiles der Klage Leopold Herrnhuter gegen Nathan, Amalie, Katharina Schiller und Hausknecht Hermann Weiß wegen Ehrenbeleidigung und Mißhandlung nach § 411 St. G. Als Richter fungirte I)r. Stältermaier, als öffentlicher Ankläger Jnspector Wächter, und für die Parteien erschienen Dr. Hächer und Br. Jacob Bauer. Wie in allen derlei Fällen leugnen beide Theile das sie treffende Verschulden und belasten den Gegner. Bon einiger Wirkung sind die Auslassungen des Nathan Schiller sowohl wie die des Leopold Herrnhuter. Richter: Herr Schiller, wollen Sie den Vorfall, wie er sich zugetragen, erzählen. — Nathan Schiller: Eu' Gnaden, kein Wort mehr, als was wahr ist, so wahr ich lebe von Gott; 22 volle Jahr bin ich beständig und ununterbrochen in einemfort in Wien, gekannt, wie man sagt, wie's falsche Geld, meine Kundschaften hallen auf mir 's Leben; warum nöl, ich sehe auf meine Kundschaften, ist etwas nicht ganz besonders, sog' ich« gleich; worum nöl, was soll man bei den schweren Zeiten um's theure Geld auch noch die Kundschaften anschmieren, weiter fehlt mir nix. 30*