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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-07-25 · Heft 30 (25.7.1876) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 30 (25.7.1876)
Date
1876-07-25
Page
Seite 484 (sequence 10)
Language
German
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484 Rußland. Brody, 12. Juli. Auf Grund eines alten Ukases, welcher den Juden in Rußland den Aufenthalt im Grenzrayon untersagt, find aus Radziwilow österreichische Staatsangehörige, welche dort seit vielen Jahren leben, polizeilich ausgewiesen worden, die nun die Intervention unserer Regierung anrufen. Amerika. Baltimore, 9. Juni. (Privatmitth.) Wenn ich für die Anglegenheit des Herrn Jacob Mayer einen Raum in Ihrem Blatte in Anspruch nehme, so geschieht es deshalb, weil ich ihr mehr als ein blos locales Interesse zuschreibe, weil ich durch sie ein Stück Geschichte des amerikanischen Judenthums repräsentirt glaube, eine Episode, welche die A. Z. d. I. nicht mit Stillschweigen übergehen darf. Zur Sache! Nachdem durch das Gebühren und die Rede» des Herrn M. der Berdacht rege geworden war, daß er im Interesse der christlichen Mission arbeite, nachdem durch die glaubwürdigsten Männer, bei denen über seine Vergangenheit Erkundigungen eingezogen worden waren — ich nenne bloß die Herren Samuel Morris, Vorsteher der Gemeinde zu Glasgow, vr. Asher, Arzt in London, llr. Prag in Liverpool, l)r. Bar in New - Orleans — festgestellt worden, daß er in Liverpool zum Christenthume übergegangen sei und in den verschiedensten Ländern als Missionär gewikt habe, verließ er plötzlich, unter dem Vorwände, in Italien eine Erbschaft zu erheben, Baltimore. Einige Wochen nach seiner Ankunft in Europa schrieb er nach Baltimore, daß der getaufte Mayer ihm in London gleichsam in die Arme gerennt sei. Großes Hallelusah unter seinen Anhängern in Baltimore! Da er hier hartnäckig geläugnet, je in Glasgow gewesen zu sein, und seine Gemeinde ihm die Reisekosten nur unter der Bedingung bewilligt hatte, daß er nach Glasgow müsse, um sich dort identificiren zulasten, so trat er endlich, nachdem er sich ein Paar Monate in Europa Herumgetrieben, die Reise nach dort an, und zwar in Begleitung eines Mannes, wahrscheinlich des in London aufgefundenen Pseudo- Mayer's, um ihn als den Baltimore-Mayer der dortigen Gemeinde vorzustellen. Unglücklicherweise aber war das wohlgetrofsene Bildniß des echten M. kurz vorher von Baltimore nach Glasgow geschickt und von den alten Mitgliedern der Gemeinde als das ihres früheren Chasans und Schochers erkannt worden, der kurz nach seiner Entlastung von der dortigen Gemeinde in Liverpool zum Christenthum übergegangen. Aber auch in dieser großen Bevrängniß verließ Herrn M. seine Geistesgegenwart nicht einen Augenblick; er wußte Rath. Nicht er, der Jacob, war der frühere Chasan und Schochet der GlaSgower Gemeinde, sondern der Zwillin gsbruder Jesaias, gegenwärtig in Anröchte, der ihm so ähnlich sehe, daß die eigene Mutter die Kinder, daß die Kinder des Jacob und Jesaias die Väter gar häufig verwechselt hätten. Giebt es eine einfachere Lösung? Herr Jacob war vorsichtig genug, sich nicht bei den alten Mitgliedern der dortigen Gemeinde sehen zu lasten, sondern besuchte einen Herrn Frievländer daselbst, der erst kurze Zeit in Glasgow wohnte und der ihm mit gutem Gewisten bezeugen konnte, daß er ihn nicht kenne. Doch muß auch Friedlander Unrath gewittert haben; denn mit der Rückkehr des Herrn Mayer nach Baltimore kam zugleich ein Brief des Herrn Frievländer an einen Freund in Baltimore an, in welchem Herr F. sein Befremden ausspricht, daß Herr Mayer nur solche Leute in Glasgow besucht habe, die erst später hingezogen, also das Vergnügen seiner Bekanntschaft früher nie gemacht haben konnten, während er die alten Mitglieder der Gemeinde unbegreiflicher Weise ganz und gar vernachlässigte; auch kann es Herr F. in seiner Einfalt nicht begreifen, daß Herr Mayer, obgleich zu dem alleinigen Zweck nach Glasgow geschickt, um sich identificiren zu lasten, der Stadt das Vergnügen seiner Gegenwart nicht länger als ein Paar Stunden gegönnt. Herr Mayer kam zurück nach Baltimore, ausgerüstet mit einem Zeugniffe seines Bruders Jesaias, des Inhaltes, daß er, der Jesaias von Anröchte, der Glasgower Mayer gewesen sei. Da das Zeugniß in englischer Sprache ausgestellt sei, so glauben wir zur Ehre des Herrn Jesaias, daß ihm der Inhalt nicht zugänglich war, als er daffelbe Unterzeichnete. Daß die Glasgower immer von einem Jacob und nie von einem Jesaias sprechen, das erklärte Herr Jacob damit, daß fein Bruder Jesaias, als er (Jacob) in London gelebt, in sehr dürftigen Verhältnissen zu ihm gekommen sei, und da die Stelle in Glasgow damals gerade vacant war, habe er, Jacob, seine Zeuguiste seinem Bruder Jesaias gegeben, der dann unter falscher Flagge in die offene Glasgower Stelle eingelaufen sei!! Diese Erklärung gab er M. bei seiner Rückkehr in offener Gemeindeversammlung ab. Die Gemeinde beschloß — das heißt die Mehrheit, denn die Minderheit ließ man nicht zu Worte kommen — ein Comite zu ernennen, besten Aufgabe es sein soll, „sich mit Beweisen von Mayers Unschuld zu befestigen (foriify) und seine Ankläger gerichtlich zu belangen". Da in diesem Comitö sich doch einige Männer befanden, die der Wahrheit nicht in's Angesicht schlagen wollten, so wurde in demselben der Beschluß gefaßt, Herrn Jesaias Mayer in Anröchte zu ersuchen, nach Glasgow zu reisen, um sich von dem Präsidenten der dortigen jüd. Gemeinde identificiren zu lasten. Die zu dieser Reise nolhwendigen Geldmittel wurden ihm in reichlichem Maße Übermacht. Nach einigen Monaten schrieb Herr Jesaias, er könne nicht eher nach Glasgow gehen, als bis er einen Bollbart sich habe wachsen lasten, da er auch einen solchen während seines Aufenthaltes in Glasgow getragen habe, wodurch die Wiedererkennungsscene um Vieles erleichtert würde; der Bart würde bis

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