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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-07-25 · Heft 30 (25.7.1876) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 30 (25.7.1876)
Date
1876-07-25
Page
Seite 483 (sequence 9)
Language
German
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483 Rumänien. Bukarest, im Juli. (Privatmitlh.) Wir haben bereits mehrere Male im Vorübergehen angedeutet, daß vor vier Jahren durch den Herrn Peixotto ein Verein unter dem Namen Zion gegründet worden, der sich über alle jüdischen Gemeinden Rumäniens ausdehnen sollte. Er war nach dem Muster der Bne- Berith in Nordamerika eingerichtet und mit einigen den Freimaurern entlehnten Formen versehen. Was jedoch diesen Bund von der Freimaurerei völlig unterscheidet, ist, Laß er jeder Geheimnißthuerei fern ist, jedweder Jude in denselben eintreten kann, und daß er zu dem bestimmtesten Zwecke, nämlich Unterricht und Wohlthätigkeit, und zu diesem allein gegründet ist. Grundsätzlich bleibt ihm alles Politische fern. Den vollständigen Beweis hierfür führt der eben veröffentlichte Jahresbericht von 1875 in rumänischer Sprache und in's Deutsche übersetzt. An der Spitze des Vereins steht ein „Sanhedrin", und jeder Verein an einem Orte wird „Schule" genannt. Zwei Präfecten erließen Verbote gegen die Bildung dieser Vereine; Las Ministerium aber hob diese Verbote auf, gab also hiermit Las vollgültigste Zeugniß, daß der gesammte Bund keine politischen und socialen Sonderintereffen verfolgt, sondern nur in segensreicher Weise wirkt. Selbstverständlich waren Anfangs die Orthodoxen, besonders die Chassidim, Gegner des Bundes, denen sich auch viele Indifferente zugesellten. Allmalig jedoch sahen Viele beider Kategorien die Vorzüge des Vereins ein, und so bestehen gegenwärtig 17 Vereine, deren Mitgliederzahl anwachsend ist, während einer sich ausgelöst hat. Der Generalbericht, vorgetragen in der Generalversammlung am 6. Januar, ist vom Generalsecretär des Zion, l>r. Adolph Stern, verfaßt. Dieser Bericht ist allerdings in seiner Einleimng wie im Schlußworte etwas überschwänglich im Lobe des Vereins, wie in der Anerkennung seiner Leistungen. Er hat darin dem Geschmack des hiesigen Publikums nachgeben müffen. Hingegen befleißigt er sich in seinem Referat über alle Einzelnheiten der sorgfältigsten Genauigkeit, übertreibt und beschönigt nichts, wie dies in dem Berichten ähnlicher Vereine so oft geschieht. Ueberblicken wir das Detail, so sehen wir die gesammte Judenheit Rumäniens in einen Zustand der Auflösung versetzt, welcher naturgemäß wieder eine heftige Gährung hervorbringt, und diese ist das einzige Hülfsmittel, um vor gänzlichem Verfall zu schützen. Die Gemeinden und ihre Institute wurden früher nur durch die Gabella, d. i. die Koscherfleischsteuer, erhalten. Plötzlich hob die Staatsregierung die Gabella auf, ohne etwas Anderes an deren Stelle zu setzen. Ueber die Unangemeffenheit und Ungerechtigkeit der Gabella ist Jedermann einig, und wenn die Regierung etwa ein Gemeinde-Verfaffungsgesetz erlassen hätte, würde man mit der Aufhebung jener sehr zufrieden gewesen sein. So aber war diese nur ein Signal zur Auflösung der Gemeinden. Wo eine Schule oder ein Krankenhaus oder ein anderes Gemeindeinstitut bestand, mußten sie aus Mangel an Mitteln geschloffen werden. Theils Partei-, theils persönlicher Hader machte es unmöglich, jene selbst nur aus freiwilligen Beiträgen zu erhallen. Da war die Gründung des „Zion" das einzige Rettungsmittel. Der Bund vereinigte Diejenigen, welche noch Einsicht und Gewiffenhaftigkeit besaßen, und stellte ihnen die bestimmte Aufgabe, die hadernden Parteien zu versöhnen, die Lehranstalten wieder herzustellen und neu zu gründen, und wohlthätige Werke im Orte und über denselben hinaus zu üben. Zu letzteren gaben besonders die in Rumänien häufigen großen Feuersbrünste Veranlassung, welche entsetzliches Elend zu bewirken pflegen. Auf diesem Felde bewegt sich die Thätigkeit des Zionsbundes, und wir können sie mit Rücksicht auf ihre noch kurze Lebenszeit und die überaus großen Schwierigkeiten, gegen die sie kämpfen muß, nicht rühmend genug anerkennen. Der Kampf stählt die Kraft und ruft die Zähigkeit herauf, welche dem jüdischen Stamme eigen ist. Wenn auch das Jahr 1875 gerade in Bukarest, Jassy und Galatz die Bemühungen noch ohne sichtbaren Erfolg ließen, so bleibt dieser doch im laufenden Jahre nicht ohne Resultat. Ueber das Detail müffen wir' auf den Bericht verweisen. Genug, eine Anzahl Schulen sind aufrechterhalten und andere gegründet worden. Man beaufsichtigt die Einrichtungen und Leistungen dieser Anstalten sorgfältig. Es wird in denselben das Rumänische, Deussche und Hebräische gelehrt. Man geht daran, neben den Knabenschulen auch Mädchenschulen zu gründen. Für wohlthätige Zwecke ist Vieles geschehen. Die Einnahmen betrugen im verflossenen Jahre für die Hauptcasse 11,550 Frcs., ausgegeben wurden 8698 Frcs., Ueberschuß 2842 Frcs. So bietet „Zion" für den Menschenfreund einen wahrhaft erquickenden Anblick, und wünschen wir von Herzen, daß er an Ausdehnung und Erfolgen immer mehr wachse. Die Männer, die an seinem Werke eifrig arbeiten, erwerben sich das höchste Verdienst. Bukarest, 12. Juli. In der heutigen Kammersitzung brachte der Minister des Aeußern, Cogolnitscheano, eine Vorlage, betreffend den Abschluß von Hanbels-Conventi onen mit Rußland, Frankreich, Deutschland und Griechenland, ein und schlug vor, daß die genannten Staaten bis zur Annahme der Conventionen mit Oesterreich auf gleichen Fuß gestellt werden sollen. (Die obige Nachricht zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es scheint, als ob auf diesem Umwege der österreichisch-rumänische Handelsvertrag auch hinsichtlich der anderen europäischen Staaten realisirt werden soll, ohne daß ein solcher Vertrag von diesen Staaten förmlich abgeschlossen ist, weil für Letzteres auf Hindernisse gestoßen wird. Bei der bekannten Schlauheit der Rumänen, die ihnen, wie allen halbbarbarischen Völkern, eigen ist, und bei der Manier, welche die europäische Diplomatie einhält, um Schwierigkeiten zu umgehen, läßt sich ein solches Verfahren wohl vermuthen. Rebaction.) 30

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