Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1876)
- Date
- 1876-07-25
- Page
- Seite 478 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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478 freiheit das Fundament und die Krone. Gewissensfreiheit aber ist, daß Jedermann nach seinem Gewiffen, nach seiner religiösen Anschauung und Ueberzeugung leben und handeln kann, wenn er nur damit keine bürgerliche Psticht, kein wirkliches gesellschaftliches Interesse verletzt. Der Pseudoliberalismus will aber dies nicht zugestehen, will, daß ein Jeder nach der Schablone lebe und handle, die er, der Pseudoliberale, als freisinnig in religiöser Beziehung, als gleichartig für Alle ansieht. Dies heißt aber lediglich, die persönliche Freiheit in dem Theile verletzen, in welchem sie zugleich am zartesten und am zähesten ist, in welchem das Wesen des Menschen sich concentrirt, in welchem die Freiheit des individuellen Geistes sich am meisten bethatigt. Es ist Gewissenszwang, und aus religiösem Gebiete was der Socialismns auf dem öconomischen vollbringen will. Sieht man genauer zu, so liegt diesen Bestrebungen dasselbe Verlangen zu Grunde, das Judenthum zu zerstören und zu beseitigen, wie in den Bekehrungsgesellschaften; die Zersetzung und Unterwuhluvg des Judenthums statt der Bekehrung. Und wie die eifrigsten Missionäre getaufte Juden waren und sind, so machen sich auch Juden zu Werkzeugen des gegen das Judenthum sturmlaufenden Pseudoliberalismus. Man könnte meinen, baß diese Zersetzungsversuche gefährlicher für das Judenthum seien, als das Missionswesen, weil die Richtung der Zeit jene begünstigt. Aber wir glauben dies nicht. Das Wesen unsrer Zeit verwirft zu sehr alles, was den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetze verletzt, und durchschaut bald den heuchlerischen Pseudoliberalismus. Und dann liegt in der Natur des jüdischen Stammes zu viel Widerstandskraft, als daß er nicht, theils aus eigenem Jastincte, theils sobald ihm die Manöver seiner Gegner denuncirt worden, die nöthigen Mittel in sich finden sollte, um ihm zu begegnen. Endlich können alle derartige Angriffe immer nur Bruchtheile der Judenheit treffen, so daß das Gesammtjudenthum dadurch zwar leidet, aber nicht gefährdet wird. Endlich müssen wir uns bewußt machen, daß eben die europäische Welt auch hinsichtlich des Principes der Gewissensfreiheit und der Trennung von Staat und Kirche in der Entwickelung begriffen ist, somit auch auf diesem Felde verschiedene Phasen durchzumachen hat. Das Judenthum hat seit einem Jahrhundert bewiesen, daß es Entwickelungsfähigkeit genug besitzt, um dem allgemeinen Entwickelungsgange in Staat und Gesellschaft in Richtung und Zielen der Geistesbildung folgen zu können. Was und welcher Zustand hieraus entspringt, dem wollen wir uns ja nicht entziehen. Wogegen wir uns jedoch sträuben, das sind die Ausnahmegesetze für die Juden, das sind die besonderen Maßnahmen gegen das Judenthum, das sind die radikalen Tendenzen, die man unter der Maske der Freisinnigkeit allein gegen die Juden richtet. Diese weifen wir zurück und haben wir in einzelnen Fallen nicht die Macht, sie von uns abzuwenden, so wollen wir wenigstens ihnen die Larve lüften und ihr pseudoliberales Antlitz dem Tageslicht aussetzen. Literarischer Wochenbericht. Vom Rheine, 4. Juni. Die englischen Israeliten sind eine in jeder Beziehung achtenswerthe Gemeinschaft, haben sich aber bis jetzt durch große Neigung oder Begabung für literarische Arbeiten nie ausgezeichnet. So giebt es denn auch merkwürdiger Weise keine Geschichte der englischen Juden. Diesem Mangel ucht Herr James Picciotto in seinem, dem allverehrten Sir Moses Montefiore gewidmeten und prachtvoll ausgestatteten Werke: Zlietckes of Anglo-Jewish History (London, Trübner und Co., Ludgate Hill, 1875) abzuhelfen. Der Verfasser betitelt fein Werk bescheiden „Skizzen", und in der Thal giebt, er keine fortlaufende Erzählung, sondern nur eine Zusammenstellung der einzelnen Artikel, die er über diesen Gegenstand früher im londoner „Jewisli Chronicle“ veröffentlichte, allerdings in sorgfältig verbesserter und vermehrter Gestalt. Zusammengenommen bilden diese Artikel dann doch eine ziemliche lückenlose Geschichte der englischen Juden, eine Arbeit, die im Interesse der jüdischen Historik ebenso rankenswerth ist, wie sie mühsam war. Freilich bringt der journalistische Ursprung des Werkes es mit sich, daß nirgends die Belege zu den einzelnen Thatsachen angeführt sind, wie man es bei so neuen Forschungen wohl wünschen möchte: allein so weit man sieht, scheinen die Quellen reichlich und mit großer Gewissenhaftigkeit benutzt zu sein. Die Schreibweise ist lebendig und anziehend; eine warme Begeisterung für die Sache des Judenthums, für Religion und Freiheit, durchzieht wohlthuend das umfangreiche Buch; und wenn Herr Picciotto auch eine löbliche Unparteilichkeit in den rituellen und cultuellen Streiffragen bewahrt, so sieht man doch deutlich, daß er mit seinen innersten Neigungen auf der Seite der besonnenen, historisch-gemäßigten Reform steht — ein Standpunkt, der für jeden Geschichtschreiber, welchem Gegenstände auch immer er seine Bemühungen widmen möge, der angemessenste ist. Die äußere Geschichte der Israeliten in England ist ja bekannt genug und in allen eingehendern historischen Werken allgemeiner Natur über das 18. und 19. Jahrhundert behandelt. Aber auch hier sind die Aufschlüffe des Verfassers dankenSwerth für die ersten vierzig Jahre nach der Rückkunft der Juden auf die britischen Inseln, unter den letzten beiden Stuart und Wilhelm III., wo viele neue Thatsachen beigebracht werden. Nicht ganz können wir uns damit einverstanden erklären, daß Herr Picciotto die Rückkehr der Israeliten nach England erst unter die Restauration, also nach dem Mai 1660, fetzt. Er führt in der That an, daß wir erst aus dem Jahre 1662 von einer Synagoge in London hören; allein zu einer Synagoge muß doch gesammelt und dann muß sie erbaut werden, und das kann manche Jahre in Anspruch nehmen. Ueberdies wer bürgt dafür, daß die Synagoge nicht früher schon bestand und nur zufällig hier erst erwähnt wird? Wenn wir aber hören, daß in dieser ersten Synagoge in King-Street während des Jahres 1662 bereits