Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1876)
- Date
- 1876-07-25
- Page
- Seite 477 (sequence 3)
- Language
- German
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477 selbst rnzreift und verwirft, als Illusion und in der menschlichen Gesellschaft unmöglich ausgiebt, und von hier aus nun den Weg zu allen möglichen Eingriffen des Staates in das religiöse Leben ebenso eröffnet ist, wie man im Mittelalter die Uebergriffe der Kirche in cen Staat und seine Sphären mit dem Principe der Göttlichkeit der Kirche rechtfertigte. Dies ist für uns ein Pseudoliberalismus. DaS Princip selbst muß anerkannt und hochgeachtet bleiben, um dessen Verwirklichung mit dem Fortschritt des freiheitlichen Geistes und der freiheitlichen Institutionen anzustreben. Das Princip der unbedingten Gewisiensfreiheit und darum der Trennung von Staat und Kirche verwerfen, heißt einen Grundpfeiler des Liberalismus zerbrechen, ein Hauptelement des Liberalismus vernichten, womit dieser in seinem ganzen Wesen gefälscht wird. Wenn man der Elementarschule und dem Gymnasium mit vollem Rechte die Universtlätssreiheit verweigert, und die schulmäßige Einrichtung erhält, darf man hieraus den Schluß ziehen, daß auch die Universitälsfreiheit abgeschaffl werden müsse? Merkwürdig wird es bleiben, daß man in demselben Augenblicke das Princip der Trennung von Staat und Kirche verurtheilt hat, in welchem man die Civilehe als allein gesetzlich und rechtsgültig einführte und dle Schule und das ganze Unlerrichtswesen der Aussicht und Einwirkung der Kirche entzog, also jenes Princip in sehr wesentlichen Theilen realisirte. Dieser Pseudoliberalismus macht sich besonders dem Jurenthume gegenüber fühlbar. Es gereicht ihm dies nicht zur Ehre, weil er hiermit gegen den numerisch Schwächeren agirt, der ihm keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag, und von welchem er stch eine gefährliche Opposition nicht zu versprechen hat. Aber dieser Umstand gerade bezeichnet ihn umsomehr als Pseudoliberatismus. Als man den Juden die bürgerliche Gleichstellung und überhaupt die Gleichheit vor dem Gesetze zugestand, hat man nirgends eine Bedingung, welche eine Beschränkung ihres religiösen Lebens enthielte, aufgestellt. Der in manchen Verfassungen formulirle Satz: „Die Ausübung der Religion ist frei, roch darf sie den gesellschaftlichen Pflichten des Bürgers gegen den Staat nicht widerstreben", oder „die Ausübung der Religion darf die Erfüllung einer staatsbürgerlichen Pflicht nicht verhindern", gilt für alle Consesstonen. Die Juden hätten eine derartige Bedingung auch nicht angenommen, soweit sie sich dessen zu erwehren die Macht gehabt hätten. Hätten die Juden die bürgerlichen Rechte mit ihrer Religion erkaufen wollen, so hätten sie die Herrschaft des Liberalismus nicht abzuwarten gebraucht; ries war ihnen jederzeit auch im Mittelalter angeboren. Als in den zwanziger und dreißiger Jahren mehrere sonst wohlwollende Schriftsteller, z. B. Streckfuß, von den Juden das Ausgeben der Orthodoxie verlangten, um die bürgerlichen Rechte zu erhalten, und das Maß Vieser Rechte für die reformistischen und die orthodoxen Juden verschieden zu machen vorschlugen, erhoben sich alle Juden gegen eine solche Beschränkung der Gewissensfreiheit und gerade sehr vorgeschrittene Autoren bekämpften diese Ansicht der Gegenschriften. Dennoch versucht man jetzt von den verschiedensten Seilen her, das religiöse Leben den Juden zu verkümmern, und saclisch Maßregeln zu ergreifen, welche ihnen je nach ihrer religiösen Ueberzeugung die Ausübung religiöser Vorschriften erschweren oder unmöglich machen. Vom roihen RavicaliömuS waren wir dies längst gewohnt. Schleudert er gegen die Juden, wenn sie den Sabbalh Hallen oder den VersöhnungStag feiern — wir haben dafür Belege in deutschen und französischen Zeitschriften dieser Partei — Schmähungen und Berdammungsurtheile und will sie deshalb als Fremde, als Asiaten, als Feinde rer Gesellschaft u. dgl. ausmerzen, so verwundert unS dies nicht, denn er, wie sein Zwillingsbruver, der SocialiSmus, ist ein Gegensatz von aller Freiheit, und will jedes invlviduelle Leben erdrücken, um aus der Menschheit und ihrer Gesellschaft einen todien Mechanismus mir völlig gleichen Rädern, Stiften und Stangen zu machen. Jetzt aber zeigt sich dies auch in anderen Regionen, nämlich in solchen, welche wir, weil sie sich für liberal ausgeben, als pseuroliberal bezeichnen müsien. Der rothe Radicalismus und Socialismus machen wenigstens keinen Unterschied und verfolgen alle positiven Religionen und Alles, was den Menschen über die materielle Sphäre erhebt, selbst Wissenschaft und Kunst, mit gleichem Grimme. Dorr aber richtet man sich insonrers gegen Judenlhum und Juden, während man die im Lande vorherrschende Kirche verschont, weil man derer mächtig zu werden nicht hoffen darf. Bald will man das rituelle Schächten verbieten, so daß den der jüdischen Satzung anhänglichen Juden der Genuß des Fleisches erschwert oder unmöglich gemacht würde, und zwar trotz der Gutachten wissenschaftlicher Autoritären. Bald will man den Juden ihre Friedhöfe schließen, die sie auf eigene Kosten erworben haben und unterhalten; während in Amerika Jedweder, selbstverständlich unter Beobachtung der sanirärspolizeilichen Vorschriften, das Recht hat, wann und wo er will einen Begräbnißplatz zu eröffnen für sich nnd Andere. Bald will man jüdischen Schülern die Dispensation an Feiertagen versagen, ihnen das Schreiben am Sabbalh befehlen u. dgl. Bald streicht man cen hebräischen Unterricht auS dem Lehrplan selbst der jüdischen Schulen, welche die Juden aus ihren eigenen Mitteln erhallen, so Laß man gezwungen ist, die Kinder mir Stunden außerhalb der Schulzeit zu belasten. Bald will man die jüdische Schule völlig beseitigen, während die evangeltsche und katholische Schule bestehen bleibt, ocer die jüd. Zöglinge in solche Simultanschulen bringen, welche den christlichen Eharakler beibehalten haben. Bald richtet man sich gegen das jüdische Gemeindewesen und hebt den Parochialzwang für die jüdischen Gemeinden auf, während man ihn für die evangelische und katholische Kirche aufrecht erhält nnd befestigt. Bald verurtheilt man jeden Act der jüdischen Wohlrhängkeit, weil er confesstonell sei, während solche Acte aus allen anderen religiösen Gebieten Tag für Tag geschehen. Wenn alles dies nicht Pseudo- Liberalismus ist, so hätten wir keinen Begriff von dem wahren und aufrichtigen Liberalismus. Für diesen ist die Gewissensero*