Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1876)
- Date
- 1876-07-18
- Page
- Seite 463 (sequence 5)
- Language
- German
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463 lichen Umstände: 1) daß sie einen vollständigern jüd. Religionsunterricht ertheilten und der jüdischen Satzung hinsichtlich des Sabbaths und der Feiertage kein Hinverniß gaben; 2) daß sie ihre Schüler über die Elemente hinausbrachten und 3) daß sie ihre Schüler nicht der mißachtlichen Behandlung aussetzten, welcher diese in den christlichen Schulen in nicht geringem Maße ausgesetzt waren. Hieraus erklärt und rechtsertigt sich, daß die Juden, auch nachdem jenes erste zwingende Bedürfniß einer Uebergangszeit in vielen Landschaften allmalig sich verminderte, an sehr vielen Orten die jüdische Schule aufrecht erhielten und erhalten. Hierzu kam, daß nach einiger Zeit die rationalistische Richtung in der christlichen Theologie und Schule in Verruf kam, so daß die protestantische Schule den specifischen Confessionalismus, wie es die katholische immer gethan, zu ihrem Lebenselemente machte, denselben in allen Lehrfächern bethätigt haben wollte und sich mit diesem ausschließlichen Geiste durchtränkte. Jedermann weiß, daß hiermit die Volksschule auch in allen ihren Zielpunkten und Leistungen zurückging, und deren Maße sehr beschränkte. Wir sprechen dies aus eigener Erfahrung aus, da wir Gelegenheit hatten, in Verein mit einigen christlichen Schulmännern und Bürgern mehrere hundert Handwerkerlehrlinge vom 14. bis 17. Lebensjahre zu prüfen und uns geradezu entsetzten über den Mangel an allen Schulkenntniffen, z. B. in der Orthographie und dem Rechnen, abgesehen von der mangelhaften Handschrift und Schreibfertigkeit. Es geschah dies 1850, seit welcher Zeit die preußische Volksschule eher rückwärts gegangen, und in der Provinz Sachsen, die gewiß nicht zu den unaufgeklärten Theilen unsres Vaterlandes gehört. Es galt damals die jetzt wieder erstrebte Gründung von Fortbildungsschulen für Handwerker, ein Bestreben, das damals bald vereitelt ward. Wir führen dies an, damit unsre Gegner nicht behaupten könnten, wir hielten uns nicht auf der Linie sachgemäßer und unparteiischer Beurtheilung. Nun vergleiche man die Schulkenntnisse, welche die Mehrheit der aus jüdischen Schulen hervorgegangenen Kaufteute und Handwerker besitzt, um die Leistungen jener zu erkennen.n) Finanz, Industrie und Handel sich irgend emporgehoben haben, wissen nicht oder vergeffen, wem sie dies zu verdanken haben — allein der mühsam errungenen Intelligenz der vorangegangenen Generation. Konnten doch früher nur solche jüdische Knaben zu Gymnasium und Universität gelangen, welche in den jüd. Schulen vorgebildet worden. 3t Auch hierfür einen factischen Beweis. Als am 20. Januar 1856 der damalige Abg. Wagen er bei dem Abgeordnetenhause den Antrag eingebracht hatte, in dem Art. 12 der preuß. Berfasiung die Worte: „der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse" zu streichen, ein Antrag, den 28 Abgeordnete, von welchen nur 5 bürgerlich waren, unterzeichnet hatten, gelangten 264 Petitionen aus dem Schooße jüdischer Gemeinden an das Haus gegen diesen Antrag. Die Mehrheit derselben ist in unsrer Schrift: „Der Kampf der preußischen Juden für die Gewissensfreiheit" (Magdeburg und Leipzig, Bänsch, 1856) abgedruckt, und Die Simultanschule, wo sie dies vollständig und ehrlich, d. h. ganz nach den Grundsätzen der Parität, ohne confessionelle Berücksichtigung geworden, hat den großen Vortheil, daß sie eine einheitliche nationale und allgemeine Volksbildung erwirkt, die Unterschiede zwischen den einzelnen confessionellen Schichten der Bevölkerung verwischt und das Gefühl der volksthümlichen Zusammengehörigkeit stärkt, sowie daß sie, einseitigen klerikalen Beschränkungen entgegen, eine freiere geistige Bewegung verfolgen kann. Eine solche Wirkung kommt nicht allein der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt, sondern auch besonders den Juden zugute, gegen welche im Volke noch so viele Vorurtheile bestehen. Die Erfahrung lehrt allerdings, daß dieser Wirksamkeit der Schule, wie auch in anderen Beziehungen nicht allzuviel zu vertrauen ist. Das wirkliche Leben, besonders das Leben im Hause, stellt sich den Einsiüssen und Eindrücken der Schule zu sehr entgegen und hebt dieselben zu keinem geringen Theile wieder auf. Mit dem 1^. Lebensjahre tritt der Zögling allzufrüh aus der Volksschule in Kreise über, welche das Wissen und den Geist, die aus der Schule mit herübergenommen worden, bald wieder verwischen. Man hat es oft genug gesehen, wie die Hoffnungen derer, die Alles von der Schule erwarteten, sich als Träume erwiesen. Jnveß darf dies nicht abhalten, die Schule auf einen Standpunkt zu bringen, auf welchem sie jenem Zwecke entspricht, und wenn sie in ihrem Wirken nicht durch immer wieder eintretende Schwankungen und Wandelungen gestört wird, in längeren Zeiträumen eine solche Grundlage für das Volksleben zu schassen vermag. Trägt doch die spätere gemeinsame Erfüllung der Wehrpflicht ebenfalls hierzu bei. Es darf aber hingegen nicht übersehen werden, daß die Confessionsschule jedenfalls ein stärkeres religiöses Bildungsmittel ist, und dies der Srmultanschule zum Opfer gebracht wird. Für daS Judenthum hat dies noch die besondere Bedeutung, daß die verhältnißmäßig geringe Stundenzahl, welche in der Simultanschule dem Religionsunterrichte gewir konnten am Schlüsse (S. 194) aussprechen: „Ueberschauen wir die Petitionen selbst, so wird Niemand im großen Ganzen seine Bewunderung ihnen entziehen können. Wir sehen äußerlich aus so vielen Gemeinden, deren die meisten in kleinen Landstädten existiren, Schriften zumeist im reinsten, correctesten Deutsch, in fast erhabener, und doch ungekünstelter Fassung, überall mit der Sprache scharfen Verstandes und bewegten Herzens zugleich, hervorgehen. Alle sind durch seinen Tact ausgezeichnet, nirgends etwa Plumpheit, Rohheit, unpassende Aussprache. Wir glauben, es kann kein glänzenderes Zeugniß der unter den Juden verbreiteten Intelligenz und Bildung herbeigebracht werden." Die Petitionen waren mit Ausnahme zweier von Theologen verfaßten, sämmtlich aus der Feder von Geschäftsleuten geflossen, und. wie gesagt, zu einem großen Theile aus kleinen Ortschaften und Gemeinden. — Wenn die jüdische Bevölkerung nachgewiesener Maßen weit über fünfmal so viel Conlingent ihrer Jugend in die höheren Lehranstalten schickt als auf ihr numerisches Berhältniß käme, so muß dies auf einer Bolköbildung beruhen, die doch zu einem großen Theile aus den jüd. Schulen hervorgegangen.