Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1876)
- Date
- 1876-07-11
- Page
- Seite 448 (sequence 6)
- Language
- German
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448 Gemeinde hatten, nachdem der Gesetzentwurf über den Austritt bekannt geworden, eine Petition gegen das Gesetz an das Abgeordnetenhaus gerichtet. Auch diese sah aus dem Gesetze für den Bestand und die Wirksamkeit der Gemeinden die nachtheiligsten Folgen erfließen, und bat daher um Ablehnung desselben. Im anderen Falle stellte sie zum Schutz der Gemeinden folgende Petita auf: I. Die zehnjährige Zahlungspflicht der Hälfte des entfallenden Beitrages nach dem Austritt. II. Die Berechtigung der Gemeinden, Eintrittsgelder zu normiren für Alle, welche nach § 1 dieses Gesetzes ausgeschieden sind oder beim Einzuge in einen neuen Wohnsitz die schriftliche Erklärung gegeben hatten, daß sie nicht Mitglieder der Gemeinde werden wollten. Die Höhe dieses Eintrittsgeldes besteht in der verdoppelten Nachzahlung der ausgefallenen Jahresbeiträge. Den absprechenden Worten gegenüber, welche im Abgeordnetenhause über jüdische Armen- und Krankenpflege dem Munde jüdischer Abgeordneten entfallen sind, so daß Herr Hirsch aus Danzig sie sogar als „ein schnell zu beseitigendes Uebel" bezeichnet, sende ich Ihnen heute eine ganze Anzahl Jahresberichte hiesiger wohlthätiger Anstalten. Sie bekunden in einer schönen Weise den Wohlthätigkeitssinn der hiesigen Israeliten; sie bekunden aber zugleich die außergewöhnliche Hülfsbedürftigkeit, die vorhanden ist, und welche, wenn sie der öffentlichen städtischen Armenpflege überlaffen bliebe, in wahrhaftes Elend Umschlagen würde Davon haben freilich solche Principienreiter keine Ahnung, und zahllose Thränen zu trocknen gilt ihnen nichts, wenn es nicht in Las Schema ihres starren Grundsatzes hineinpaßt. Andererseits läßt es sich fteilich mit liberalen, oder selbst radikalen Phrasen leichter brilliren, als mit einer ausdauernden wohlthäligen Wirksamkeit im Stillen. Geben wir aus diesen Berichten einige Notizen: Zuerst den 15. Bericht des „Israelitischen Waisen Hauses", in welchem sich jetzt l 8 Zöglinge befinden. Die Fürsorge der Verwaltung erstreckt sich besonders auch auf das Schicksal ihrer Zöglinge, wenn sie die Anstalt verlaffen haben, und sie hat zu diesem Zwecke auch Sparcaffenbücher angelegt, um durch Eintragung kleiner Geschenke u. dgl. jedem Zögling einen Nothpfennig für spätere Zeilen anzusammeln. Die Einnahmen übersteigen die Ausgaben und das Vermögen ist bereits auf 60,000 Mark gestiegen. — Der „Frauenverein zur Unterstützung israel Wiltwen und Waisen hat seine schönen Bemühungen auch im verfloffenen Jahre fortgesetzt, arme Wittwen und Waisen theils fortlaufend, theils einmalig zu unterstützen, besonders junge Mädchen zu einem angemeffenen Berufe ausbilden zu laffen. Außer Len Beiträgen ist jährlich ein Bazar die Hauptquelle der Einnahmen. Dieselben beliefen sich auf 7 515 Thaler, die Ausgaben auf 5400. — Der „Weibliche Verein für israel. Armen- und Krankenpflege" besteht seit 30 Jahren und verfolgt den Zweck, Arme jedes Alters und Geschlechts mit Lebensmitteln zu versehen. Im verfloffenen Jahre wurden 1459 Mark vereinnahmt und verausgabt. Um nach und nach einen kleinen eisernen Fond anzulegen, veranstalten die Vorsteherinnen seit zwei Jahren jährlich ein Concert, deffen Ertrag (circa 600 Mark) angelegt wird. — Der „Israelitische Verein für Krankenpflege und Beerdigung", der auch ein ziemlich ansehnliches Vermögen besitzt, und im versoffenen Jahre eine neue Friedhofs- und Begräbnißordnung geschaffen hat, bezeichnet seine Thättgkeit in folgender Weise: Aus der beigefügten Caffenübersicht erhellt, daß wir im verfloffenen Jahre unseren armen Glaubevsgenoffen außer der freien ärztlichen Behandlung, Medicin, Bädern, Instrumenten rc., wofür zusammen 1273 Mark 30 Pf. verausgabt wurden, 2238 Mark 90 Pf. an Baar-Unterstützungen gewährt haben, so daß die Krankenpflege allein p. p. 3500 Mark absorbirte. Die Zahl der vom Vereinsarzt behandelten Kranken variirte monatlich zwischen 20 und 35 und es waren einige Kranke, welche durch den Verein im verfloffenen Jahre mit Beträgen von je über 200 Mark unterstützt wurden. Daß derartige Unterstützungen jedoch nur vereinzelte sein können, bedingen die uns zu Gebote stehenden Mittel; im Uebrigen bilden regelmäßige Unterstützungen an sieche und altersschwache Kranke im Betrage von 6 Mark monatlich die Mehrzahl. — Einer der am segensreichsten wirkenden Vereine ist die „Wohlthätige Gesellschaft", deren Mttglieverzahl sich auf 270 beläuft. Der Vorstand bemerkt einleitend, daß er noch niemals mit Gesuchen so überhäuft worben, daß er sie nicht alle zu berücksichtigen vermochte, obschon der ganze Reserve-Ansgabefond zur Hülfe genommen und ein Deficit nicht gescheut wurde. Im Januar dieses Jahres wurde jedoch, für die Gesellschaft ein Legat von 13,100 Mark flüssig. Der Verein hat im vorigen Jahre an monatlichen Unterstützungen 5241 M. an 17 Männer und 37 Wittwen und Waisen gezahlt, 930 Mark an 9 Studirende, 3690 Mark Schulgelder für 57 Knaben und 51 Mädchen in höheren Lehranstalten; ferner hat sie Holz vertheilt und 979 Mark an die Fortbildungsschule für 56 Personen euttichtet. Außerdem hat die Gesellschaft eine Anzahl Stiftungen zu verwalten, z. B. für Knaben, welche Handwerk erlernen, gegenwärtig 23 Lehrlinge. — Endlich der „Israelitische Studien- Beförderungs-Verein für Ost- und Wefipreußen" hat seinen siebenten Jahresbericht veröffentlicht. Derselbe, vorzugsweise zur Unterstützung armer Studirender bestimmt, will in Zukunft auch Mädchen, welche sich zu Lehrerinnen und Erzieherinnen ansbilden wollen, unterstützen. In der Einleitung heißt es: „Nach kaum siebenjährigem Bestände verfügen wir über einen Fonds von neunzehn Tausend Reichsmark, zählen gegen vierhundert fünfzig Mitglieder und konnten im letzten Jahre mehr als drei Tausend Reichsmark Stipendien auszahlen — ebensoviel, ja noch mehr, bleibt zu thun übrig, wenn wir die beabsichtigten Ziele erreichen und ihnen in dem Umfange genügen wollen, wie es einerseits der Tendenz unseres Vereines, andererseits der Zahl der jüdischen Bewohner unserer Provinz und demgemäß den au uns herantretenden Forderungen entspricht. Während wir die Stipendien