Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1876)
- Date
- 1876-07-04
- Page
- Seite 437 (sequence 11)
- Language
- German
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487 lich und äußerlich in erschöpfendem Maße aufzusuchen und nachzuweisen, besonders wie sie sich aneinanderlehnen und auseinander geschöpft haben. Wir wissen z. B., daß die Propheten, von denen wir schriftliche Auszeichnungen besitzen, einer langen Reihe zum Volke redender, gonbegeisterter Männer angehörten, die zum Theil eine Art geschlossener Schule bildeten. Dennoch wird jedes dieser Prophetenbücher als ganz allein für sich bestehend betrachtet, unv als wären sie aus sich selbst ursprüngliche Schöpfungen, während sie doch von ihren Vorgängern beeinflußt und abhängig sein mußten, sowohl was Anschauung als Ausdrucksweise betrifft. Eine kleine dahinzielende Beobachtung wollen wir hier aussprechen. Unter den Ausdrücken, welche bezeichnen, daß ein Ausspruch, eine Verkündigung von Gott selbst herrühre, finden wir einige Male: -121 'n -e -a, und einmal volltönender: 'n 'e 'a in ri X2L „denn der Mund des Ewigen der Heerschaaren hat es geredet." Es findet sich diese Phrase Jesajas l, 20. 40, 5. 5b, 14., Micha 4,4., und zwar stets am Schluffe eines Absatzes, der noch dazu allgemeinen Inhalts. Außerdem finden sich Jeremias 9, 11 die Worte i rx -oi 'rt "e icse mitten in einem Satze und dies wird uns zum Belege dessen dienen, was wir über die obige Phrase zu sagen haben. Nehmen wir Micha 4, 4. zuerst in Betracht, so stehen unsre Worte am Ende jener vier Verse, welche die Aufmerksamkeit nicht allein durch ihren großen Inhalt, die Verkündigung der messianischen Zeit, sondern auch durch den Umstand auf sich zogen, daß die ersten drei Verse sich auch Jesajas 2, 2—4 mit geringfügigen Varianten wiederfinden. Der Streit, welchem von beiden Propheten diese Verse originaliter angehören, ob dem Jesajas, wie die Talmudisten, Abarbanel, Beckhaus u. A. oder Micha, wie Michaelis, Gesenius u. A. meinten, ist jetzt nicht mehr am Platze, nachdem aus überwiegenden Gründen erwiesen worden, daß die Stelle bei beiden das Cirar eines älteren Prophelenspruches ist, in correcterer und vollständigerer Weise bei Micha. Ueber die vollständige Begründung dieser Ansicht verweisen wir auf unsren Commentar zur Jesajanischen Stelle in unsrem Bibelwerke B. II, S. 712, und bemerken nur, daß es für Jesajas, der den Abfall der Israeliten schildern will, eine Nolhwendigkeit war, durch das Citat vor Allem sestzustellen, daß die Offenbarungslehre des Einigen von dem zeitlichen Verhalten Israels ganz unabhängig sei, indem sie bestimmt sei, die Glaubenslehre aller Völker zu werden, die dadurch zum allgemeinen Frieden gelangen. Der lose Zusammenhang, der bei beiden Propheten zwiscben dem Citate und ihrer weiteren Rede stattfindet, der ruhige, gehaltene Charakter jenes und die leidenschaftliche Bewegung in dieser, der feierliche Ausdruck in dem alten Prophetenspruche und die stürmische Sprache aus erregtem Geiste bei den beiden Propheten, läßt keinen Zweifel übrig. Am Schluffe des vollständigen Citats bei Micha heißt es nun: -oi nsss ’n 'e -a — was ren vorangegangenen Ausspruch als eine feststehende, unzweifelhafte Verkündigung Gottes bezeichnet. Prüfen wir nun die übrigen Stellen, die wir oben angeführt, näher, so ergiebt es sich uns leicht, daß die von gedachten Worten begränzlen Sentenzen ganz ähnlicher Natur sind, wie der durch die Wiederholung seitens zweier Propheten als Citat erwiesen, so daß wir zu dem Schluffe kommen, die von den Worten 121 'rs -’s ^a begleiteten Sätze sind überall Citate älterer Prophetensprüche. Jedermann kennt die einschneidende Strafrede, die Jesajas im ersten Capitel an das gesammie Israel, die Fürsten und das Volk, richtet. Mit den schärfsten Ausdrücken verwirft er all' ihre gottesdienstlichen Handlungen, Feste, Opfer und Gebete, als heuchlerisch, weil sie mir Schlechtigkeit verbunden sind; er fordert sie auf, sich zu reinigen, Liebe und Gerechtigkeit zu üben. Hieran knüpft er die Verheißung der Sündenvergebung und des dadurch zu erlangenden Wohlergehens (V. 18—20). Alsdann hebt er die Slrasrede über den sittlichen Verfall und die Strafandrohung von Neuem an in der ergreifendsten Weise — man merke nur auf die Anfangsworte von B. 21. Diese in V. 18—20 eingeschobene Verheißung der Sündenvergebung nun wird ebenfalls mit -2i 'n *e 'a geschlossen. Zugleich wird der Gedanke in höchst eigenthümlicher Weise ausgesprochen, die in ihrer Gemessenheit und künstlerischen Form von dem vorhergehenden und dem nachfolgenden Strome der Rede sich durchaus abzeichnet. Zur Einleitung dienen die Worte: 'n texmsir x: iah, welche auf die weiterhin folgende Beschuldigung gröbsten sittlichen Verfalls Hinweisen unv nun die Lehre von der Sündenvergebung und deren Folgen in rem alten Prophetenspruche als um so wirksameres Gegenbild einsühren. Der Spruch besteht aus vier Gliedern, von welchen jedes durch einen Vorversatz mir cx und einem entsprechenden Nachsatz gebildet wird. Die ersten beiden Glieder (V. 18) lehren die Sündenvergebung durch ein Gleichniß in einem sorgfältigen Parallelismus: „Wenn eure Sünden wie Carmoisin, wie Schnee sollen sie bleichen; wenn sie roth sind wie Scharlach, wie weiße Wolle sollen sie werden." Die beiden anderen Glieder (V. 19. 20) sprechen in einer ebenso genauen Antithese die Folgen des Gehorsams oder der Widersetzlichkeit aus: „Wenn ihr willigt und gehorchet, sollt ihr des Landes Mark verzehren; wenn ihr weigert und widerstrebt, sollt ihr das Schwert fressen." Und hierauf das feierliche: „Denn der Mund des Ewigen har es gesprochen." Von hieraus überläßt sich der Prophet nun wieder seinem ganzen Schmerz und Zorn über die sittliche Verwilderung Israels. Gedanke und Form können kaum einen stärkeren Bewies liefern, daß wir es hier mit einem älteren, geheiligten Prophetenspruche zu thun haben. Die folgende Stelle ist Jesaias 40, 5. Wir wissen, daß