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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-07-04 · Heft 27 (4.7.1876) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 27 (4.7.1876)
Date
1876-07-04
Page
Seite 438 (sequence 12)
Language
German
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438 mit Cap. 40 der große Prophet im Exil seine Reden beginnt, deren Hauptcharakter in den beiden ersten Versen gezeichnet ist, nämlich die Tröstung Israels durch die Verheißung, daß nach der Verbüßung seiner Strafe die Zeit der Wiederherstellung angebrochen sei, und Israel sich zur Rückkehr nach Jerusalem anschicken solle. Gleichsam nun, um sich in diesem Aufrufe auf eine Autorität zu stützen, stellt er in V. 3—5 einen älteren Prophetenspruch, durch die citirte Formel gekennzeichnet, an die Spitze. Er fügt dann in V. 6—8 eine Art Homilie zu dem Prophetenspruche, um mit V. 9 seine eigentliche Verkündigung anzuzeben. Der Prophetenspruch sagt aus, daß alle bestehenden Berhältniffe sich vor dem Wtllen Gottes umwandeln, die Mächtigen sinken, die Schwachen sich erheben werden, und hierdurch Allmacht und die Allweisheil Gottes den Sterblichen sichtbar wird. Der Zweck ist leicht erkennbar: den niedergedrückten Israeliten soll der Glaube eingeflößt und befestigt werden, daß die große Macht ihrer Bedrücker kein Hinderniß für ihre Wiederherstellung abgeben, da sie durch den Willen Gottes bald und leicht gestürzt werde. Die Sprache ist wiederum eine sehr gemesiene und künstlerisch geformte. Der erste Vers (3) bezeichnet in genauem Parallelismus den Schauplatz, auf welchem die große Wandelung vor sich gehen solle, die Wüste, durch welche die Straße gangbar und eben werden solle, das Bild des Mißgeschickes, das sich in Heil und Frieden wandeln werde. „Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnet des Ewigen Wege, ebnet in der Steppe eine Straße unserm Gotte!" V. 4 in weiteren sorgfältigen Parallelismen die Beseitigung aller Schwierigkeiten: „Jegliches Thal erhebe sich, jeglicher Berg und Hügel senke sich; es werde die Krümmung zur Eb'ne, Ungangbares zur Fläche!" Hierdurch wird die Herrlichkeit Gottes offenbar «V. 5): „Daß sich enthülle des Ewigen Herrlichkeit, und alles Fleisch sie schaue zumal!" „Denn der Mund des Ewigen hat es geredet." Die Erklärung des Propheten in den folgenden 3 Versen knüpft sich an die Ausdrücke rip und ic: , also an Anfang und Ende des Prophetenspruches, und drückt den Gedanken näher aus, daß alles Irdische vor dem Willen Gottes schwindet, d. h. Israel von der Macht seiner Feinde nichts zu fürchten Hai, da sie im Nu gestürzt werden würde, wie dies auch geschehen. Ganz besonders aber bezeichnet der Prophet selbst durch die Schlußworte seiner Deutung ob-irr c'ip' ir'nbct „aber das Wort unseres Gottes besteht auf ewig". Laß er in den obigen Versen einen älteren Prophetenspruch citirt har. Endlich begegnen wir bei demselben Propheten 58, 14 ein solches Citat. In der bekannten vorzüglichen Rede über die wahrhafte Heiligung in Cap. 58, nachdem er alles bloße Fasten und Anrufen ohne volle Erfüllung der sittlichen Pflichten, ohne Uebung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verworfen, und von letzterer alles Glück des Einzelnen wie des Volkes abhängig gemacht hat, fügt er zum Schluffe die Nothwendigkeit religiöser Institutionen hinzu, und bezeichnet als solche den wahrhaft geheiligten und mit Herzensfreude verbrachten Sabbath. Hierfür fügt er als autoritativen Schluß einen allen Prophetenspruch in V. 14 hinzu, der in seiner ganzen Ausdrucksweise die Alterthümlichkeit athmet lvgl. 5 Mos. 32, 13). Er drückt als Folge das freudige Leben in Gott und den ungestärkten Besitz des heiligen Landes aus. Wir bemerkten oben, daß Jeremias 9, 11 unsre Ansicht bestärkte. Nach einer heftigen Strafrede wegen sittlichen Verfalls und der Verkündigung der Zerstörung Jerusalems ruft der Prophet aus: „Wer ist so weise, daß er dies einsehe und weiter verkünde, was des Ewigen Mund zu ihm geredet?!" Daß i-b« „zu ihm" hier nicht den Betreffenden als Propheten bezeichnen kann, ersieht man aus „Wer ist so weise"; die Worte „was der Mund des Ewigen geredet" können also nur vorangegangene Prophetensprüche, frühere prophetische Verkündigungen bedeuten. Wir haben also durch die gedachte Formel vier Sentenzen als ältere Prophetenspröche citirt vor uns. Wir erhalten hierdurch einen Einblick, wie sich schwerwiegende Aussprüche tradirten, mehr oder weniger bekannt waren, und von späteren Propheten zur Eindringlichkeit und zum Ansehen ihrer eigenen Reden benutzt wurden. Was aber von noch größerm Werthe: wir besitzen in diesen vier Prophetensprüchen eine Aufklärung über Gedanken und Lehren, wie sie seit langer Zeit vor den Propheten, von denen wir schriftliche Aufzeichnungen haben, in Israel vorhanden waren und Wurzel gefaßt hatten. Zwei von ihnen sind von allgemeinster Bedeutung: einerseits die Lehre von der Sündenvergebung und deren Folgen, andererseits von der oereinftigen Verallgemeinerung der Gotteslehre und dem daraus erfließenden allgemeinen Frieden. Die anderen beiden sind mehr specifischer NaMr; der dritte nämlich lehrt, daß vor dem Willen Gottes alle bestehenden Berhältniffe in der menschlichen Welt sich leicht umwandeln, mit dem besonderen Zwecke, daß die im Mißgeschick sich befindenden Israeliten vor der Macht ihrer Bedrücker sich nicht zu fürchten hätten, weil diese nach dem Wkllen Gottes leicht verschwinde. Endlich der vierte: daß das wahrhaft religiöse und sittliche Israel sich an Gott innig erfteue und im Besitz und Genuß des heil. Landes verbleibe. Schon aus diesen wenigen Resten einer Zeit vor Jesajas und Micha ergiebt sich endlich die Unrichtigkeit jener jetzt vielverbreiteten Ansicht, daß die Gotteslehre bei den Israeliten erst um die Zeit des Jesajas an das Tageslicht getreten sei.

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