Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1876)
- Date
- 1876-07-04
- Page
- Seite 429 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227097--34568-3304456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
429 Jesus sprach sich nicht gegen die Opfer aus und nahm an der Darbringung des Pefsachlammes Theil; bas Gebet wollte er nur ganz individuell haben, wie er nach Mathäus 6, 6 sagte: „Du aber, wenn Du betest, geh in Dein Kämmerlein und schließe Deine Thüre zu und bete zu Deinem Vater, der im Verborgenen ist", und empfahl hierzu, V. S, das Vaterunser. Er begründete auch hiermit das Christenthum als eine Religion des Individuums, und hatte einen Gebetcultus noch nicht im Sinne. Selbst Paulus ging in den Tempel, sobald er nach Jerusalem kam, um Opfer darzubringen, und heiligte sich selbst als Nasir (Apostelgeschichte 24, 17. 18. 21, 23—26.) Erst als mit dem Falle des Tempels die Juden selbst den Opfercultus aufgaben, fiel dieser auch für die Christen hinweg. Aber bekanntlich nahm die Kirche, als sie ihren Culws einrichtete, aus dogmatischen Gründen die Idee des Opfers wieder auf, und stellte es symbolisch als „Meßopfer" auf und selbst der Protestantismus hielt diesen Gedanken im „Abendmahl" fest. Desto größer erscheint die dogmatische Unbefangenheit des Judenthums, das einfach Las Gebet für den Ersatz des Opfers erklärte, die Lesung des Schrifrworles über das Opfer für genügend betrachtete und die Erinnerung an die Opfer nur durch die Bitte um einstige Wiederherstellung bewahrte. Der tiefere Grund dieser so sehr verschiedenen Erscheinung im Judenthume und Christenthume liegt bekanntlich in der dogmatischen Verschiedenheit der Erlösung durch den Tod Jesu als Opfer für die sündige Menschheit im Christenthume und der Lehre der Sündenvergebung auf die reuige Umkehr durch die Barmherzigkeit Gottes im Judenthume. Auch waren die Juden längst an diese Idee gewöhnt. Denn abgesehen von den vielen Aussprüchen der Propheten und Sänger seit Samuel gegen die bloße Formheiligkeit durch die Opfer, verkündete schon Hosea 14, 3: „Nehmer Worte mit Euch und kehret zum Ewigen, sprechet zu ihm: Bergieb alle Schuld, und nimm es gut an, daß wir die Farren der Schuld mit unsren Lippen entrichten," worauf es B. 5 heißt: „Ich werbe ihren Abfall heilen in steier Liebe, renn mein Zorn kehrte sich ab von ihnen." Der Gebetcultus ist also eine originelle Schöpfung des Judenthums, und wurde es auch hierdurch grundlegend für die zweite große Periode des religiösen Lebens. Gerade aus diesen Momenten begreifen wir aber um so eher, daß es für dieses Gebet, analog dem Opfer, nach einer bestimmten Form suchte und diese in der Benediction fand, in welche sich der gesammte Gebelritus kleidete. Alle Entwickelung im Judenlhum ist eine strenge Conseguenz. Die früheren Momente werden nicht willkürlich abgethan, sondern unter der gebieterischen Einwirkung geschichtlicher Momente, und dann in neue Formen übergeführt, welche sich dem Wesen der früheren möglichst eng anschließen. Der Gebetcultus sollte national-religiös sein, wie es der Opferrilus gewesen; alle einzelnen Bekenner vollzogen ihn als Glieder der Gesammtgemeinde zugleich im Namen und Geiste derselben einheitlich als Benediction; die Anbetung des als einzig erkannten geschichtlichen und in der Natur waltenden Gottes ward in dieser Form zum Ausdruck gebracht. Wir haben dies bereits «Art. 1l) in den sechs Beneviclionen ausgedrückt gefunden, welche jed er Thephillah, diesem Grundstock des jüdischen Gebetcultus, drei zum Beginn und drei zum Schlüsse, angehören. Zwischen diese drei Anfangs- und drei Schlußbenedicliouen treten nun an den Wochentagen ursprünglich zwölf, später dreizehn Benedictionen ein. Die erste knüpft «schon durch die Form) an die Heiligkeit Gones den Preis Gottes als Verleihers der Erkenntniß, der Einsicht und des Verstandes an den Menschen (brncm nrt). Es ist dies gewiß ein rühmenswerthes Betonen des dem Judenthume seit seinem Beginne einwohnenden Gedankens, welcher die Erkenntniß zum Fundamente des Gortglaubens macht. Hieran schließen sich zwei, welche das Wohlgefallen Gottes an der Buße und seine Geneigtheit zur Vergebung aussprechen. Es ist bemerkenswerlh, daß im Neuhebräischen Buße durch (von ^w) „Umkehr, Zurückkehr" ausgevrückt wird, und in diesem Sinne läßt die Benediclion die Buße durch die Rückkehr zu Lehre und Gesetz (min) und zum Gottesdienste (im ganzen Sinne dieses Wortes rr-nnr) bewirken, nicht also allein in (so oft siüchtigen) Gefühlen der Seele, sondern in der thalsächlichen Uebung der religiösen und sittlichen Pflichten bestehen. Die folgende enthält ein offenmülhiges Bekennlniß der Sündhaftigkeit, wobei Gott als „Vater" unv „König" angeredet wird. Die folgenden drei (die vierte, fünfte und sechste der dreizehn) gehen auf die Leiden unv Bedürfnisse ein. Denn zunächst wird Gott als „Erlöser Israels" angerufen, um die Leiden und den Kampf Israels zu beseitigen; eine eigentliche messianische Idee tritt dabei nicht hervor. Daraus folgt die Bitte um Heilung der Kranken, und endlich um Segen für das laufende Jahr in allem Ertrage, um Thau und Regen aus die ganze Erde; diese letztere hat wieder einen ganz allgemeinen Charakter. Die siebente und achte beziehen sich auf das Exil Israels, indem jene um die Befreiung und die Zurückführung aller Zerstreuten Israels „von den vier Säumen der Erde" bittet, die andere um Einsetzung von Richtern und Rächen wie in der Vorzeit; die Schlußformel der letzteren lautet: „Der Gerechtigkeit und Gericht liebt." Auch die beiden folgenden müsien verbunden werden, denn die neunte bittet um die Beseitigung und Vertilgung der Abtrünnigen, Bösewichter und Frevler 3), während die zehnte die Barmherzigkeit Gottes auf die Gerechten, die Frommen, die Aeltesten Israels, den Rest der Gelehrten unv die mit ganzer Ueberzeugung übergelrelenen Proselyren herabruft. Wiederum die elfte und zwölfte gehören zusammen, da jene um die Wiederherstellung Jerusalems und des Tempels, sowie um die Errichtung des Davidischen Reiches, diese in biblischen Ausdrücken um die Ankunft des Messias bittet. Endlich 3) Die sti:" rmn, die mit z'z’"zb'cb-! anfängl, ist die am spätesten eingeschobene Benediclion. 27*