Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1876)
- Date
- 1876-06-27
- Page
- Seite 422 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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422 I e ll i l l e t o 11. Hinweg mit jeder Spaltung! Eine Correspondenz aus Frankfurt a. M. bespricht ein Schriftchen des Rabbiners Süskind in Wiesbaden, in welchem er eine Kritik des Statuts der Separatgemeinde res Hrn. Rabbiners Hirsch giebt. Unser Correspondent macht auf die Schlußworte dieser Broschüre aufmerksam, und wir halten es nicht für überflüssig, diese Schlußworte zu allseitiger Berücksichtigung hier wiederzugeben. „Nun noch eine ernste Gewissensfrage an Herrn Hirsch, sowie an Alle, die als angeblich treueste Anhänger des „überlieferten Judenthums" mit ihm darauf ausgehen, die so viele Jahrhunderte hindurch heilig gewahrte Einheit unter den Bekennern des Judenthums zu zerstören. Ist ein solches Gebühren auch wirklich in Uebereinstimmung mit dem „überlieferten Judenthume"? Im Talmud heißles: „DieAnsichten über die Thoravorschriften gingen bei den Gelehrten aus den Schulen des Schamai und Hillel so weit auseinander, daß die Eine Thora erschien wie zwei verschiedene Thora's." So wurden — um nur Ein Beispiel anzuführen — gewisse Eheverbindungen von ren Einen gestattet, während sie von den Anderen als blusschänderische erklärt wurden. Und man blieb nicht bei der bloßen Theorie stehen, sondern was in den Schulen gelehrt wurde, das übte man auch in dem Leben. Sollte man nun, nack» Len Vorgängen in unseren Tagen, nicht erwarten, daß solche schroffe Gegensätze in der Lehre und in dem Leben, wenn auch nicht von gegenseitiger Beschimpfung — wirklich religiös gebildete Menschen sind solcher Pöbelhaftigkeit nicht fähig —, so doch von einer schroffen Sonderung der Parteien begleitet worden wäre? Ganz und gar nicht! — Vielmehr — das wird von dem Talmud ausdrücklich zur Belehrung hervorgehoben — lebten sie in Liebe und Freundschaft miteinander und erfüllten so den Gottesspruch des Propheten: Liebet die Wahrheit und den Frieden!" — Wer indessen den Talmud auch nur ganz oberflächlich kennt, der weiß, daß auf jedem Blatte der zahlreichen Talmudfolianten dieses Auseinandergehen der Ansichten über religiöse Lehren und Vorschriften, und zwar stets in höflichster Form,1) uns entgegentritt. Und wie spricht sich der Talmud über dieses Auseinandergehen der Ansichten aus? „Obgleich die Einen erlauben, was die Anderen verbieten, die Einen fürwahr, waö die Anderen für falsch erklären, so sind doch die Aussprüche der Eine» wie der Anderen als Worte des lebendigen Gottes zu betrachten." Das ist freilich nicht objectiv gemeint, denn was erlaubt ist, kann nicht zugleich verboten und das wahre nicht zugleich falsch sein; sondern subjectiv, indem mit Recht vorausgesetzt wird, daß jede der beiden entgegenstehenden Richtungen aufrichtig nach der Erkenntniß der Wahrheit strebt und den betreffenden Gegenstand nach bestem Wissen und Gewissen beurtheilt. Dieser talmuvische Ausspruch ist gewiß ein im höchsten Grade achtungswurbiges Denkmal der Lehr- und Forschungsfreiheit in Israel! Waren nun jene Männer, die auch die gegnerische Ansicht achteten und als Ergebniß der religiösen Ueberzeugung für berechtigt hielten, etwa weniger gesetzestreu, weniger eifrig für ihren jüdischen Glauben, als die. welche sich heute in frommer Demuth als ihre einzig würdigen Nachfolger hinstellen und stets Feuer und Flamme speien gegen ihre Gegner? Am allerwenigsten aber kam es jenen Lehrern jemals in den Sinn, ihre Schulstreitigkeiten auf das Gebiet des Gemeindelebens zu übertragen, um hier Zwietracht zu verbreiten, Spaltungen zu erregen und Gemeindeverbände zu zerreißen. Hören wir hierüber einen Ausspruch, der sich geistreich gleich an das erste Blatt unserer Thora anlehnt. Es wird nämlich die Frage aufgeworfen: Da es bei jedem Schopfungswerke heißt: Gott sah, Ki Tol> sdaß es gut sei); warum fehlt dieses Ki Tob am zweiten Tage? Darauf erwiedert R. Chanina: weil an ihm eine Spaltung in das Dasein ttat; denn es heißt, es soll eine Abscheidung sein zwischen Wassern (oben) und Wassern (unten). Darauf bemerkt R. Tabjomi: wenn selbst von einer Spaltung, die doch zur Ordnung und Erhaltung der Welt nothwendig, nicht gesagt wird Ki Tob. um wie viel weniger von einer Spaltung, die Verwirrung stiftet. Mil diesem Ausspruche allein, der doch gewiß nicht außerhalb des „überlieferten Judenthums" steht, ist das ganze Gebühren unserer heutigen jüdischen Sonderbündler gerichtet! Doch hören wir weiter! Hillel, der 100 Jahre vor der Zerstörung des zweiten Tempels lebte, vom Talmud der Moses seiner Zeit genannt, ruft: Sei ein Jünger Arons, liebe den Frieden und strebe eifrig nach Frieden! Und im Zusammenhangs mit diesem Mahnrufe: Sondere dich nicht ab von der Gemeinde! Daß diese unbedingt ausgesprochene Mahnung Hillels, sich nicht von der Gemeinde abzusondern, nicht an diejenigen gerichtet ist, die sich mit der Gemeinde in Uebereinstimmung wissen — denn in diesem Falle wäre sie ganz überflüssig —; sondern an diejenigen, die sich mit der Gemeinde nicht in Uebereinstim- 1) Rab Nachman, eine trlmudische Celebrität, halte sich einmal mit einer gewissen Ucberhebung;u erklären erlaubt, daß von zwei von einem Collcgcn abgegebenen Rcligionsgcsctzlichen Aussprüchen der Eine j mung befinden, versteht sich wohl von selbst, vortresslich sei, der andere aber nicht. Als er deshalb von einem dritten einaetretene voMänbiae Sffctrfmni.ifeit ««« eine gelinde Zurechtweisung erhielt, erwiederte er bescheiden: ich werde ct"e emgelrerene vollständige Abtrünnigkeit von es nicht mehr thun! j Gott und seiner Lehre soll nach dem „überlieferten Judenthum''