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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-27 · Heft 26 (27.6.1876) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 26 (27.6.1876)
Date
1876-06-27
Page
Seite 419 (sequence 9)
Language
German
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419 Ich erkenne aber auch mit der Königlichen Regierung an, daß der einzelne Fall seine besondere und gewissenhafte Würdigung erfordert. Ich weiß mich daher mit ihr hierin, wie in dem Streben, den Frieden zu bewahren, in voller Uebereinstimmung." Wir haben gegen Ansichten und Gesinnungen, die aufrichtig ausgesprochen werden, nichts einzuwenden; aber als thalsachlich vorhanden beweisen sie doch, haß die Zerstörungssucht, welche die Hand an die jüdischen Schulen legt, noch lange nicht durch die gegebenen Verhältnisse gerechtfertigt wird. Berlin, 15. Juni. Unter den gegenwärtigen obwaltenden politischen Verhältnissen wird folgende kleine Mittheilung wohl interessiren: Der türkischeBotschaster EdhemPascha besuchte, wie das „Tageblatt" mittheilt, am Freitag Abend in Begleitung seiner beiden Söhne die große Synagoge in der Oranienburgerstraße. Der Gottesdienst hatte daselbst eben begonnen, als die muhammedanischen Gäste erschienen, welche der Gemeindevorstand nach der vordersten Bankreihe führte, woselbst sie bis zum Schluß der Feier verweilten. Nach Beendigung derselben nahmen die Herren noch die Heiligthümer und Merkwürdigkeiten der Synagoge in Augenschein. Berlin, 18. Juni. (Privatmittheil.» In der gestrigen Sitzung des Herrenhauses kam eine Interpellation des Herrn v. Kleist - Retzow zur Verhandlung, deren erster Punkt lautete: „Woraus stützt die Schulverwaltung die Berechtigung, bestehende evangelische und katholische, ja sogar christliche und jüdische Elementarschulen zu sg. Simultanschulen zu verbinden?" Der Eultusminister Herr Dr. Falk widerlegte die Interpellation dahin, daß er einen Zwang zu Gunsten solcher Vereinigung niemals ausübe, daß er nur das Bedürfniß der Schule selbst entscheiden lasie, daß keine gesetzliche Vorschrift die Verbindung verbiete. daß für confessionellen Religionsunterricht gesorgt und Lehrer verschiedener Confession an den Simultanschulen angestellt würden. Eine weitere Folge hatte die Interpellation nicht. Die prompte Skizzirung der Grundsätze seitens des Herrn Dr. Falk ist aber immerhin von Werth. Wreschen, 12. Juni. (Privatmittheil.) Seit circa drei Viertel Jahre» besteht hier in Wreschen eine aus der Vereinigung der jüdischen und evangelischen Schulgemeinden hervorgegangene Simultanschule, bei deren Begründung protccollarisch festgesetzt wurde, daß außerhalb der Schulzeit die Clasienzimmer von unserm Herrn Rabbiner Dr. Holländer und den beiden jüd. Lehrern der Simultanschule zur Ertheilung von Religionsunterricht an die jüdischen Schulkinder benutzt werden könnten. Dieser Religionsunterricht wurde bisher unbeanstandet am Sonntage, sowohl wie an den Werktagen in den Schulzimmern ertheilt. Auf einmal fiel es dem Kreis- und Localschulinspector Dr. Hippauf, dem die Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichtes in den Claffenraumen längst ein Dorn im Auge war, ein, daß die Ertheilung dieses Unterrichtes in der Classe eine Entweihung der christlichen Feiertage sei, und demgemäß erließ er am verflosienen Pfingstfeste die strenge Weisung an den Castellan der Schule, die Classenzimmer geschloffen zu halten. Da er hierzu nicht die mindeste Berechtigung hatte, so wurden durch unsren Gemeindevorsteher, der zugleich Mitglied des Schulvorstandes ist, dem Castellan die Schlüffel abgenommen und das Local geöffnet. Eben sollte der Unterricht beginnen, da eilte der Herr Schulinspector, durch gute Freunde von dem Vorgefallenen unterrichtet, mit großen Schritten in die Schule und hier begann nun eine Szene, die sich jeder Schilderung entzieht. Wüthend schrie der Kreisfchulinspector Lehrer und Schüler an und befahl ihnen nach Hause zu gehen, jagte durch alle Claffen und trieb die Schüler zusammen, um sie nach Hause zu schicken. Die beiden Herren Lehrer, die eine nur zu berechtigte Furcht vor den Quälereien und Chikanen ihres Schulinspectors hegten, folgten den in wildem Toben ausgestoßenen Befehlen. Die maßlose Wuth des Herrn Kreisschulinspectors ging aber erst in Raserei über, als der Herr Rabbiner sich ruhig und standhaft weigerte, dem Uebermuthe dieses Schulherrn zu weichen. Je mehr dieser schrie und tobte, desto fester blieb Dr. Holländer dabei, den Kindern die Weisung zu erlheilen, auf ihren Plätzen zu verbleiben. Darob gerieth nun der Herr Kreisschulinspector ganz außer sich, packte den Herrn Rabbiner am Arm und suchte ihn aus d« Claffe zu zerren. Doch das Unglück schreitet schnell und schneller noch als dieses schritt oder wurde vielmehr der Herr Kreisfchulinspector unfteiwilligerweise aus der Classe geschritten. Bald darauf erschien derselbe nochmals in Begleitung des Bürgermeisters, der sich als Polizeianwalt hatte citiren lassen; beide mußten jedoch, da der Herr Rabbiner natürlich auf seiner Weigerung, den Unterricht einzustellen, beharrte, unverrichteter Sache abziehen und der Unterricht wurde in gewohnter Weise fortgesetzt. Wegen der vom Kreisfchulinspector erlittenen thatlichen Insultationen hat jedoch der Herr Rabbiner beim Staatsanwalt den Strafantrag gestellt. Ebenso haben sich Vorstand und Repräsentanten der Synagogengemcinde, so wie sämmtliche jüdische Mitglieder der Simultanschulgemeinde beschwerdeführend an die königliche Regierung in Posen gewandt. Hoffentlich wird den excenttischen Schulinspector die angemessene Strafe treffen. T. Schweidnitz in Schlesien, im Juni. (Privatmittheilung.) In hiesiger Gemeinde, von kaum 50 Familien, ist ein würdiges Gotteshaus im monumentalen Baustyl errichtet worden. Unsere christlichen Mitbürger haben sich nickt allein mit Geschenken reichlich betheiligt, sondern auch bei der Grundsteinlegung zahlreich mit ihrer Geistlichkeit Theil genommen. Trotz der nicht wenigen orthodoxen Mitglieder unserer Gemeinde, ist bei einer freiwilligen Sammlung zum Ankauf einer Orgel eine Summe von 900 Mark zusammengekommen. Um den Bau hat sich namentlich unser Vorsteher, Herr Mühsam, verdient gemacht, welcher es in seiner Stellung als Stadtverordneter und Mitglied des Kreistages, vermochte, daß die städtischen Behörden 3600 Mark 26

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