Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1876)
- Date
- 1876-06-27
- Page
- Seite 415 (sequence 5)
- Language
- German
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415 licheS Dunkel gehüllt schienen. Dem großen Publikum pflegen aber diese Endeckungen, enthalten meist in den gelehrten Werken der Fachmänner, ziemlich unbekannt zu bleiben, bis eine geschickte und besonnene Hand sich findet, welche die Ergebnisie der Specialuntersuchungen sichtet, prüft und ordnet und das, was ihr endgültig für die Wissenschaft erworben zu fein scheint, weitern Kreisen in anziehender Form mittheilt. Schon sind in Deutschland und Frankreich mannichfache Werke dieser Art erschienen, mit deren Aufzählung wir den Leser d. Bl. nicht ermüden wollen; es genügt für unfern Zweck, auf die drei ersten Bände der berühmten „Geschichte des Aterthums von Max Duncker" zu verweisen, die jetzt bereits die vierte Auflage lLeipzig, Duncker und Humblot, 1874 f.) erlebt haben. Das Werk ist s. Z. in diesem Blatte besprochen worden, und in der That berühren die Geschichten des alten Orients die Geschichte Zsrael's. die ja im Grunde einen Theil jener ausmacht, so nahe, daß sie für jeden gebildeten Juden das höchste Jntereffe besitzen. Wir erwähnen deshalb heute ein französisches Buch dieser Gattung, das wir für sehr empfehlenswerth Hallen: Hisioire ancienne des peuples de TOrient par G. Maspero; Paris, Hachette u. Co., 1875. Herr Maspero ist Professor der egyptischen Sprache und Archäologie am College de France und deshalb gewiß zu seiner Arbeit durchaus berufen. Freilich ist es eine Folge seiner Specialität, daß er die egyptische Geschichte mit besonderer Ausführlichkeit und — wie es uns scheint — mit besonderer Sachkenntniß behandelt, während die Geschichte der vorderasiatischen Völker kürzer wegkömmt, und Herr Maspero sich in derselben durchweg und nicht immer mit Glück auf die Angaben Anderer stützt. Ändeß dies wird bei jedem Bearbeiter der Fall sein, sei es, daß er mehr Eghptolog, sei es, daß er umgekehrt mehr Assyrolog ist. Nur ein beträchtlicher Mangel ist dem Werke des Herrn Maspero vorzuwerfen: daß er die Geschichte der alten Inder und ihrer so überaus bedeutsamen Cultur und Sprache vollständig weggelaffen hat. Versuchen wir das Werk im Vergleiche zu dem Duncker'schen überhaupt zu charakterisiren, so müssen wir sagen: dieses trägt mehr den französischen, Maspero's Arbeit den deutschen Charakter. An Schönheit der Sprache, an Reiz der Darstellung, an Anschaulichkeit steht Duncker viel höher, während sich der französische Bearbeiter durch Fülle der Einzelangaben und die Genauigkeit und Schärfe der Untersuchung auszeichnet. Noch in keinem Werke dieser Art ist die politische Geschichte zumal Egypten's mit dieser Ausführlichkeit und Vollständigkeit und doch kritischen Vorsicht gegeben worden, wie bei Herrn Maspero, und allen denjenigen, die sich mit der Staatshistorie des für unsere Volksgenossenschaft so überaus wichtigen Pharaonenreiches genau und zuverlässig bekannt machen wollen, ohne specielle Studien anzustellen, kann dieses Geschichtsbuch vor allen empfohlen werden. Die Cultur- und Religionsgeschichte wird allerdings wenn auch mit kräftigen so doch nur mit wenigen Sttichen uwzeichnet. Neue Karten tragen beträchtlich zum Verständnisse der geschilderten Ereignisse bei, während eine kurze Abhandlung am Ende des Werkes den Laien mit den charakteristischen Eigenthümlichkeiten der hieroglyphischen und der Keil-Schrift, sowie mit der Geschichte ihrer mühevollen Entzifferung in klarer, übersichtlicher Weise bekannt macht. Es möchte den Lesern auch d. B. interessant sein zu erfahren, daß Herr Maspero ebenso wie Max Müller der vielverbreiteten Ansicht huldigt, als sei ein freilich vager und unbestimmter Monotheismus bei allen Völkern das Ursprüngliche gewesen und habe sich nur durch Hervorkehrung der verschiedenen Seiten und Thätigkeiten der Gottheit zur Vielgötterei differenzirt. Dies sucht er S. 27 ff. für die egyptische Religion, S. 148 ff. für die kuschitische, S. 463 ff. für die arischen nachzuweisen. Uns scheint es mit den meisten namhaften Forschern viel richtiger und angemessener zu sein, anzunehmen, daß die monotheistische Zusammenfassung der Gottheiten, von der man in dem Volksglauben der alten Völker (natürlich mit Ausnahme der Hebräer) auch nicht die mindeste Spur findet, vielmehr eine spätere Abstraction der Gelehrten und Priester war, die durch naturwissenschaftliche und philosophische Bildung von selbst zu einer reinern Auffassung der Gottheit geleitet werden mußten — ein Vorgang, den wir bei den Griechen und Römern ja noch genau verfolgen können. Die priesterliche Lehre suchte die verwirrende und in sich widerspruchsvolle Mannichfaltigkeir der Natur- und Localgottheiten zu einer Einheit zusammenzusassen; aber nirgends ist ein Beweis dafür, daß diese Einheit bas Ursprüngliche gewesen, da wir in den ältesten Monumenten keine Andeutung von ihr wahrnehmen. Den Ursprung der Egypter leitet der Verfaffer wie alle neuern Forscher, mit Ausnahme Renan's, von dem alten semitischen Stamme ab; in der That laßt die Sprache und die körperliche Bildung dieses Volkes hierüber keinen gegründeten Zweifel zu. Während aber ein Versuch, den semitischen Namen für Egypten — Mizraim — zu erklären, nicht gemacht wird (die Egypter selbst nannten ihr Land bekanntlich „Kemi" das schwarze; vgl. Cham): wird der griechische Name Egypten durch den Beinamen der alten Hauptstadt Memphis „Hü-ka-Phtah Wohnung des Phtah" begründet. Erst in ziemlich später Zeit, unter der elften Dynastie, nachdem schon Theben an Stelle von Memphis Hauptstadt geworden, stellten sich nähere Beziehungen zwischen dem Nilreiche und den vorderasiatischen Stämmen heraus. „Bisweilen", berichtet Herr Maspero (S. 107) „sahen die Uferbewohner des Delta in ihren Städten Schaaren von Auswandrern oder gar ganze Stämme anlangen, die, durch Hungersnoth oder Revolutionen aus ihrer Heimath verjagt, sich eine Zuflucht in Egypten suchen wollten. Ein Basrelief von dem Grabe Numholep's in Beni Hassan läßt uns der Ankunft eines Trupps solcher Unglücklichen beiwohnen. Siebenunddreißig an der Zahl, Männer, Frauen und Kinder, werden sie vor den Gouverneur des Distriktes Meh' geführt, dem sie eine Art grünlicher Schminke,