Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1876)
- Date
- 1876-06-27
- Page
- Seite 414 (sequence 4)
- Language
- German
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414 und besonnenste Seele hineinkommen kann, durch die Umstande berechtigt, und wie sie zu überwinden. Ganz anders im Buche Koheleth. Hier ist es allerdings die pessimistische Richtung einer Zeitperiode, die zum Ausdruck kommt. Alles Thun und Treiben des Menschen wirb für eitel, sein Streben für nichtig, seine Weisheit für Täuschung ausgegeben; alles geht in stets gleichem Wechsel vor sich und vorüber; selbst der Werth der Weisheit und der Tugend ist zweifelhaft, weil allen Sterblichen dasielbe Ende bevorsteht. Hier kann an die Stimmung des Einzelnen nicht gedacht werden, sondern an die Geistesrichlung einer bestimmten Zeit, einer Zeit des Zweifels an der sittlichen Weltordnung, an der Unsterblichkeit der Seele, einer Zeit, welcher der Begriff der fortschreitenden Entwickelung im Menschengeschlechte fehlte und der deshalb das Ideale verloren gegangen. Aber wer das Buch nicht von der Oberfläche aus betrachtet, sondern tiefer in dasielbe eindringt, dem wird es nicht entgehen, daß auch dieses Buch zum Ziele die Ueberwindung dieser pessimistischen Zeitrichtung hat. Zuerst, mit welcher feinen Ironie zeichnet es die Unterlage, auf der dieses pessimistische Gebäude aufgerichtet wird, den Boden, aus dem diese Weisheit auffchießt. Es ist der gleichmäßige Wechsel der natürlichen Erscheinungen, eine ganz äußerliche Betrachtung der Ordnung in der Natur, welcher Wechsel sich auch in dem Kommen und Gehen der Geschlechter und ihrem Verschwinden im Verlaufe des Daseins abspiegelt. Und dann, das Forschen und Streben nach Erkenntniß und Wissen: „Denn durch viel Weisheit wird viel Kummer und wer viel Wissen mehrt, mehrt Schmerz." Endlich die Genüsse: Wein, Narrheit, Freuden aller Art durch Pracht und Ueppigkeit, Schätze, Frauen, Sänger und Sängerinnen u. s. w. „Und Alles was meine Augen begehrten, verweigerte ich ihnen nicht, nicht hielt ich mein Herz von irgend einer Lust zurück." Dies sind die Pfade, die zum Pessimismus führten — „Da haßt' ich das Leben, denn mir mißfiel das, was unter der Sonne geschieht, denn Alles ist nichtig und Haschen nach Wind." Also jene äußerliche Naturbetrachtung, welche von der Zweckmäßigkeit und Schönheit, von der Erhabenheit in den größten und kleinsten Gebilden der Natur keine Ahnung hat, jenes oberflächliche Streben nach Wissen und Erkennen, das sich nicht an gewonnen Resultaten, wie an dem arbeitsvollen Ein- und Vordringen befriedigt und beglückt fühlt, sondern nur, gleichsam um der Langeweile zu entgehen, vorwärts eilt und sich auf die Ansammlung der Objecte und deren äußerliche Kenntnißnahme beschränkt; endlich die raffinirte Genußsucht, das schrankenlose Haschen nach Lüsten, die Ausschweifung und Ueppigkeit, welche Leib und Seele ausdörren — dies sind die Pfade zum Pessimismus, daß daS Leben gehaßt, alle Arbeit als Last betrachtet wird und Alles mißfällt, was unter der Sonne geschieht. Eine schärfere Satyre auf den Pessimismus als Geistesrichtung einer Zeit in wenigen, meisterhaften Strichen kann nicht gedacht werden. Daß wir es hier mit der Geistesrichlung einer Zeitperiode zu thun haben, findet sich auch in dem Namen des Buches ribtrp angedeutet, der das Versammeln einer Gemeinde und das Reden zu ihr bezeichnet, also eine Gemeinde voraussetzt, in welcher diese Anschauung verbreitet ist. In der Thal war eine solche Richtung in der Zeit der persischen Herrschaft bis zur Erweckung in der makkabaischen Zeit innerhalb der jüdischen Nation sehr erklärlich. Israel war von seiner Höhe immer tiefer herabgesunken; die Flamme der Begeisterung und Hoffnung bei der Gründung der neuen Colonie war erloschen; die asiatische Welt ging rasch ihrem Verfall entgegen; der Blick in die Zukunft war verschlossen, und der Blick in die Vergangenheit aus solcher Gegenwart konnten berechtigen zu der Ansicht, daß der Menschheit und Israel eine Entwickelung nicht gegeben sei und sich Alles immerfort in Wiederholung abkreise. (S. unsre Einleitung zu Koheleth in unsrem Bibelwerke B. III, S. 751 rc.). Und weil eine derartige Anschauung sich der Zeit des Verfassers imprägnirl hatte, geht er auch eigentlich nicht aus ihr hinaus, sondern will nur zeigen, wie man ihr in seinem eigenen Ich und Leben entgegentrete und sie überwinde. Zunächst sich von der äußerlichen Naturbetrachtung nicht beirren zu lassen, da „Du das Thun Gottes nicht kennst, der Alles macht." Deshalb den Beruf seines Lebens tüchtig nachzngehen. Dann sich des vielen Guten zu freuen, welches das Dasein uns bietet. Denn „Süß ist das Licht und .lieblich den Augen, die Sonne zu schauen, und so viele Jahre der Mensch lebt, ihrer aller freue er sich". Besonders die Äugend verscheuche jene düstre Anschauung aus ihrem Herzen, freue sich in ihrer Jugend und lasse ihr Herz fröhlich sein, jedoch stets mit dem Bewußtsein der sittlichen Weltordnung, d. i. des göttlichen Gerichtes. Der Glaube an die Unsterblichkeit (12, 7) und an die göttliche Vergeltung führt zu dem einfachen Schlußsatz: „Fürchte Gott, und seine Gebote wahre, dies ist der ganze Mensch." Nicht also die ganze Zeittichtung will er dialectisch bekämpfen, sondern in der Seele jedes Einzelnen die Stimmen wieder wecken, welche hinweggerufen von jener entnervenden und verdüsternden Zeitrichtung zu einem thätigen, gottesfürchtigen und freudigen Leben, wurzelnd im Gottglauben, in der Unsterblichkeits- und Bergeltungslehre. In einem folgenden Briefe, werde ich mir nun gestatten, auf die Gegenwart näher einzngehen. Literarischer Wochenbericht. VomRheine, 15. Mai. Die Geschichte des alten Orientes, vor dessen Unterwerfung durch die Macedonier, hat in den letzten Jahrzehnten durch die Entzifferung der egyptischen, babylonischen, assyrischen und persischen Inschriften eine vollständige Revolution und vor allem eine ungeheure Bereicherung erfahren. Zeiträume sind uns aufgeschlossen worden, die für immer in undurchdring-