Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1876)
- Date
- 1876-06-27
- Page
- Seite 413 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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413 kommen, weil sie von allen anderen Menschen abstechen, beweisen sie, daß sie am wenigsten den Typus der Menschheit, den wahren Menschen repräsentiren, sondern das Gezentheil, eine Entartung der Menschennatur; sie sind Menschen, in welchen derartige Stimmung zur Angewöhnung, zur Beschaffenheit Her Seele geworden. Was so eine Stimmung im Leben des einzelnen Menschen ist, das kann auch zur Stimmung einer einzelnen Periode eines kürzeren oder längeren Zeitraums im Leben der Menschheit werden. Bestimmende Ursachen, durchsichtig oder verborgen, führen sie herbei, und mit ihnen schwindet sie wieder oder der natürliche Blutumlauf scheidet sie wieder aus. Wir können uns die Geschichte der Menschheit wie einen großen weilen Teppich denken, das über den Boden gebreitet wird und die mannichfaltigsten Farben und Gestalten zur Ansicht bringt. Da fehlt es auch nicht an irgend einer dunkeln Partie, an einem Winkel finstern Schaltens, in welcher alles Licht verschwindet, alle reinen und heiteren Conturen unsichtbar werden. Over wir schauen über die Geschichte der Menschheit, wie aus der Vogelperspective über eine weite mannichfaltige Landschaft, da fehlt es denn neben den üppigsten Wiesen, kräftigsten Wäldern, reichsten Saaten, lieblichsten und wieder großartigsten Höhen und den schimmernden Flüffen und Bächen auch nicht an wüsten Landstrichen, an öder Haide, steinige Klippen. Diese werden den Gefammtcharakter des herrlichen Bildes nicht verändern, sondern zur Ganzheit der majestätischen Landschaft nothwendig gehören. — Lasten Sie mich noch ein anderes Bild anführen. Ich wanderte jüngst durch ein heimachliches Gebirge. Ich trat in ein köstliches Thal ein, das von schön geformten Bergen eingeschloffen war. Rechts erheben sich bewaldete Höhen, an deren Saum der Pfad allmälig hinanstieg, links steile Felswände, deren eine mit einer wohlerhaltenen Burgruine gekrönt war; an ihrem Fuße wallte ein munterer Bach durch das Thal. Im Hintergründe thürmten sich die Bergzüge hintereinander, und die höchste Spitze des Gebirges ragte darüber hinweg. Da fiel mein Auge auf einen Hügel, der wie eingeschoben aussah in der Mitte des andern, und mit einem breiten Rücken sich in das Thal hinabsenkte. Seine ganze Fläche war wie mit einer glänzenden rochen Decke überbreitet, oder er sah aus wie in ein schimmerndes rothes Gewand gekleidet mitten unter den grünen, theils Heller, theils dunkler schattirenden Höhen. Als ich näher kam, sah ich, daß dieser Hügel von dem üppigsten Flor des Fingerhuts, bekanntlich einer sehr giftigen Pflanze, ganz und gar überzogen war. Merkwürdig: in der ganzen Gegend fand man keine Spur dieses Gewächses wieder, und gerade dieser Hügel war gänzlich von ihm in Besitz genommen; die Falte des nächsten Berges war auch die Grenze seines Wachsthums. — Solche dunkle Partie auf dem farbenreichen Teppich der Zeitengeschichte, solch' ein wüster Landstrich innerhalb der reichen wechselvollen Landschaft, solch' ein mit Fingerhut überzogener Hügel mitten in einer großen Gebirgswelt ist der Pessimismus, der sich als eigenthümliche Stimmung einer Zeitperiode bemächtigt hat. Der Pessimismus als zeitliche Stimmung des einzelnen Menschen ist so alt wie der Mensch selbst, so alt wie daß ein tiefer Schmerz in die Kammern des Menschenherzens dringt, eine schwere Bürde sich auf die Schultern des Menschen legt. Ihm giebt schon das Bucb Hiob den beredtesten Ausdruck. Das Judenthum ist bekanntlich der volle Gegensatz des Pessimismus. Auf der ersten Seite seiner heiligen Urkunden sagt es schon: „Und Gott sah Alles, was er geschaffen unv siehe, es war sehr gut", und jedwedes Wesen war gut in seiner Art. Auf derselben läßt es reu Menschen „im Ebenbilde Gottes" schaffen, seine Seele ein Hauch des göttlichen Odems. Dem Abraham ruft es schon zu: „Wrndle mit Gott und werde vollkommen Neben dem „Erkenne" (nr-rt) und „Ehrfürchte" (ns-n) ruft es: „Freue Dich'." (nn^ci), und langes und gesegnetes Leben verheißt es Dem, der die Gebote Gottes treulich erfüllt. Selbst seine Propheten schildern die Wiederherstellung Israels mit Reigentanz und Harfenklang, mir Iubelhymnen und Siegesliedern. Seine Sänger sehen sich aus dem „Thale res Tobesschattens" geführt, mit Oel das Haupt gesalbt, der Tisch gerüstet, der Becher fließet über — „nur Glück und Liebe folgen mir all' meine Lebenslage. Die Natur wird in der schönsten und weisesten Harmonie (Pf. 8. 19. 104 u. a.) geschildert und für alle menschlichen Geschicke stellt noch das spätere Judenthum den Grundsatz auf: „Auch dies gereicht zum Guten." — Dennoch bringt es auch die pessimistische Stimmung des einzelnen Menschen in großartiger Weise zum Ausdruck. Hiob verwünscht mit den rührendsten Tönen den Tag seiner Geburt (Cap. 3). Er ftägt: „Warum giebt er dem Mühevollen Licht und Herzberrübten Leben? Die des Todes harren und er kommt nicht, mehr als nach Schätzen nach ihm graben? rc." Er spricht (Cap. 7): „Har der Mensch nicht Dienst auf Erden? sind wie Löhners Tage seine Tage nicht? Gleich dem Knechte schmachtet er nach Schatten, gleich dem Löhner harrt er seines Lohnes. Also mußt' ich Monde der Täuschung annehmen, Nächte der Mühsal wurden mir zugezählt." Gewiß ganz pessimistisch — aber doch nur Stimmung des Augenblicks. Als solche bezeichnet das Buch sie in der Einleitung, wo das plötzlich hereingebrochene Geschick Hiob's als eine Versuchung oder Prüfung bezeichnet wird. Wie viel Glückliches und Freudvolles war ihm bis zu seinem Alter verliehen: sieben Söhne unv drei Töchter, Reichrhum an Heerden, an Knechten unv Mägden; wie beredt schildert er die Befriedigung, die ihm das Ansehen, das er weithin genoß, die Uebung der Gerechtigkeit unv ver Barmherzigkeit verschafften. Und die Prüfung ging vorüber; belehrt ging er daraus hervor und alle seine Verluste wurden ihm ersetzt und er erreichte ein hohes Lebensalter, reich gesegnet. Diese Schilderung zeigt genügend, daß hier in keinem Falle das Leben des Menschen aus pessimistischen Gesichtspunkten gezeichnet werden soll, sondern nur wie eine solche Stimmung in die ftömmste 26*