Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1876)
- Date
- 1876-06-27
- Page
- Seite 412 (sequence 2)
- Language
- German
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412 des Innern, daß das Gesetz den Wünschen der meisten „der orthodoxen und Reformjuden" entspreche, müssen wir bestreiten. Wir glauben nicht, daß er etwa durch das statistische Bureau sich darüber Aufschlüsse verschafft Hatz Die Juden selbst sind nicht befragt worden. Wieso weiß dies also der Herr Minister? Aus zufällig eingereichten oder unterlassenen Petitionen kann er es nicht entnehmen. Versteht er unter orthodoxen und Reformjuden nur die beiden äußersten Flügel, so übersieht er die ungeheure Mehrheit der Juden, die in der Mitte steht. Die zweite Berathung findet übrigens schon den folgenden Tag, Dienstag den 20. statt. Die erste Berathung am Montag den 19. war in Kürze die folgende: Dr. Beseler beantragt, den Entwurf an eine Commission sachverständiger Mitglieder zu verweisen. v. Winterfeld unterstützt den Antrag des Vorredners, man müsse der eminenten Wichtigkeit der Sache durch eine ausführliche Erörterung Rechnung tragen. Er persönlich sei für Annahme des Entwurfs, da dies der Wunsch der orthodoxen Juden sei. Becker (Dortmund! befürwortet die Behandlung des Entwurfs im Plenum, durch die Verweisung an eine Commission werde das Zustandekommen des Gesetzes für diese Session überhaupt in Frage gestellt, und das sei doch nicht wünschenswerth. Basch wünscht Commissionsberathung; wenn auch der Entwurf noch um ein Jahr zurückgestellt werde, so diene das nur zur Klärung der Ansichten über die verwickelte im Gesetz berührte Frage. Baron v. Senfft-Pilsach unterstützt den Vorredner; auf Verlangen könne er dem Hause eine große Fülle von Material zu Gunsten der Verweisung des Entwurfs an eine Commission vorlegen. Minister des Innern Graf zu Eulenburg ersucht, den Entwurf im Plenum durcbzuberathen; es habe sich herausgestellt, daß derselbe den Wünschen der meisten sowohl orthodoxen als Reformjuden entspreche, daher sei das baldige Zustandekommen des Synagogengesetzes dringend zu wünschen, und das werde durch eine Commissionsberathung auf unbestimmte Zeit verzögert. Nach längerer Discussion wird der Antrag Beseler abgelehnt und Plenarberathung beschlossen. Aeber den pesjrrmsums. I. Geehrter Herr! Sie ersuchen mich, in Ihrer Zuschrift vom 15. d., da ich schon wiederholt den Pessimismus als ein bloßes Stimmungs-Philosophem bezeichnet habe, etwas näherjauseinanderzusetzen, wie und warum ich dies meine. Sie wünschen dies um so mehr, als die pessimistische Anschauung gegenwärtig eine sehr verbreitete sei, die sich selbst unbewußt in zahllose Geister eingeschlichen und auch praktisch die traurigsten Folgen schon nach sich gezogen habe. Ich komme diesem Wunsche nach, ohne, wie es in diesem Blatte auch nicht am Platze wäre, an eine streng philosophische und erschöpfende Auseinandersetzung zu denken. Hierüber dürfte sich auch der Pessimismus nicht beklagen, da er selbst, gar kein eigentliches philosophisches System und seine Grundlage nur eine populäre ist. Er sieht, um es einfach auszudrücken, die Welt für die möglich schlechteste an, die gerade nicht schlechter sein durfte, um möglich zu sein, d. h., um bestehen zu können; und das Leben des Menschen giebt er für nichts als eine Reihe von Schmerzen und Täuschungen aus. Ein auf diesem Grunde aufgerichtete Anschauung läuft selbstverständlich auf dieselben Resultate hin, zu welchen der Materialismus führt- Zunächst haben Sie wohl bisweilen die Beobachtung gemacht, daß selbst der heiterste, lebenslustigste, über alle Schwierigkeiten leicht hingehende Mensch Stunden, ja Tage hat, in welchen er die Welt und das Leben sehr schwarz sieht. Leibliche und geistige Unbehaglichkeit und äußere Unannehmlichkeiten bringen seine Unzufriedenheit, wie man zu sagen pflegt, mit Gott und der Welt und nicht am wenigsten mit sich selbst in ihm zu Wege. Aber das Wetter klärt sich bald wieder auf. Geben Sie Acht, bald ist er wieder der joviale, wohlgesinnte Mensch wie ftüher. Dies nennt man eine Stimmung; es ist kein Grundzug, kein Wesen, sondern nur eine Eingenommenheit des Augenblickes von kürzerer oder längerer Dauer. Sie geht aus bestimmten Ursachen hervor und verschwindet mit ihnen, oder wird, wie ein leichtes Gewölk vor der Sonne, von dem eigentlichen Charakter wieder zerstreut und aufgesogen. Sind die ursächlichen Umstände andauernd, so „schickt er sich in sie", und seine eigentliche Natur kommt wieder zum Vorschein. Soche Stimmungen des Murrsinns und der Schwarzseherei, Momente der Verzagtheit und Trostlosigkeit kommen im Leben jedes Menschen vor, und selbst der leidenschaftsloseste, besonnenste und das Leben überschauende Mann läßt hin und wieder einmal Worte von seinen Lippen fließen, die wie eine Verwünschung seines Lebens klingen. Beim Worte darf man ihn nicht halten; es verhallt; die Ruhe und Sicherheit kehrt zurück, und der Blick erhellt und stärkt sich wieder. Solche Stimmungen, sage ich, kommen in jedes Menschenleben vor. und zeigen eben durch ihr Kommen und Gehen, daß sie nur Stimmungen sind. — Damit will ich nicht gesagt haben, daß es nicht auch einzelne Personen gebe, welche schon dutch eine Anlage zum Trübsinn und noch mehr durch Erlebnisse und Verhältnisse ihre Seele mit einer gallichten Flüssigkeit durchtränkt und sich angewöhnt haben, alle Gegenstände durch eine schwarze Brille anzusehen, überall die Schatteisseiten aufzusuchen, überall Jrrthum, Verkehrtheit und Schlechtigkeit vorauszusetzen. Dies sind unglückliche Menschen, aber eben weil sie vereinzelt vor-