Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-06-20 · Heft 25 (20.6.1876) · p. Seite 398

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 25 (20.6.1876)
Date
1876-06-20
Page
Seite 398 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227095--34535-3304421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

398 für Denjenigen, der daran festhält, gar nicht auS, wahrend Andere das Eintreten jener als das Resultat der menschheitlichen Entwickelung unter der Leitung der göttlichen Vorsehung ansehen. Offenbar will aber Gladstone diese letztere Anschauung dadurch verkleinern, daß er „die Segnungen der Civilisation" als ihren Inhalt ausgiebt. Nicht was man im gegenwärtigen Zeitpunkt als Civilisation betrachtet und als deren Segnungen angiebt, genügt dem unendlich größeren Inhalte, welchen der alte Prophetenspruch und unsre Auffaffung desselben der dereinstigen messianischen Zeit besitzt. Diese, auf wenige Nationen beschrankte Civilisation, welche die schwierigsten politischen und socialen Fragen, die blutigsten daraus folgenden Kämpfe, die hartnäckigen kirchlichen Streitigkeiten und den finstern daraus fließenden Religionshaß, sowie die stürmischesten Leidenschaften und Unsittlichkeiten noch in ihrem Schooße birgt, ist wahrlich nicht die messianische Zeit, die auf dem Grunde des Prophetenspruches in der jüdischen Religionslehre eine so köstliche Stelle einnimmt. Ja, wir erkennen „die Segnungen" selbst dieser Civilisation an, welche die Grundsätze des Rechts und der Freiheit, die der Mosaismus verkündet hatte, zur Grundlage des modernen Staates gemacht hat; wir können sie als den Anbruch der Morgenröthe betrachten, wo das Licht siegreich mit der Dunkelheit zu kämpfen anhebt — aber der lichte, volle Tag sind sie noch lange nicht. Daß aber in dieser Idee der messianischen Zeit, d. h. in der festen Hoffnung auf den endlichen völligen Sieg der Gotteserkenntniß, der Liebe und des Rechtes, das ist des Gottesreiches, eine große moralische Kraft liegt, eine außerordentliche Stütze für das Rechtsbewußtsein, für das sittliche Gefühl, für Wahrheit, Liebe und Recht mitten im Gewuhle des Lebens und dem Stteite der Meinungen, das kann nur ein in seinem eignen Dogma erstarrter Geist leugnen. Zieht endlich Gladstone aus dieser Lehre von der messianischen Zeit den Zweifel, ob das „Bündniß" mit den Juden für seinen Plan noch „schätzbar" sei — sc erinnert uns dies an die allbekannte Fabel von dem Fuchs mit den Trauben. Denn wir haben bis jetzt von noch keiner einzigen christlichen Secte erlebt, und von den in England bestehenden am wenigsten, daß sie nicht nach den Juden ihre Hände, und zwar mit Anstrengungen und Opfer ausgestreckt hätte. Literarischer WocheuLericht. Bonn, 1. Mai. Die Christin. Trauerspiel in vier Ackfl zügen. Von Sigmund Kolisch. Wien, L. Rosner, 1875 Wenn wir an ein in Versen geschriebenes Drama zuerst die Forderung einer schönen, correcten, dabei natürlichen Sprache und eines gewissen Reichthums an poetischen Bildern und tieferliegenden Gedanken stellen — allerdings ohne jene barocke Form. in welche die Nachahmer Shakesspeare's so leicht verfallen, um originell zu erscheinen, und ohne überschwänglich zu werden — so genügt das vorliegende Trauerspiel derselben in hohem Maße, und es giebt Stellen in ihm, welche den Verfasser den besten Dichtern an die Seite reihen. Um so mehr bedauern wir. daß wir hiermit an die Grenze der Anerkennung gekommen, welche wir dem Verfasser zu zollen haben. Das Stuck ist ein Tendenzdrama. Eine strenggläubige Grafentochter in Spanien, die in ihrer ascetifchen Gesinnung alle Bewerber zurückgewiesen hat, trifft in einem Walde aus einen Mann, der ihr die heißeste Liebe einflößt. Sie kommt so weit, daß sie den Geliebten auffordern muß, sich bei ihrem Vater um ihre Hand zu bewerben. Dies kann jener aber nicht, weil er — ein Jude ist, der nach Spanien gekommen, um die Gräber seiner von der Inquisition gemordeten Eltern aufzusuchen und ihre Gebeine nach seinem neuen Baterlande zu bringen. Die furchtbar erschütterte Gräfin wendet sich an ihren Beichtvater, und der befiehlt ihr, als Preis der Absolution, ihren Geliebten, wo er zu finden, der Inquisition zu verrathen. Der Jode wird verbrannt, und sie wohnt dem Autodafe selbst bei. Ihren Sohn muß sie weit forlsenden und er darf nie erfahren, wer seine Eltern gewesen. Sie zieht sich auf ein einsames Schloß zurück und lebt allein der Uebung kirchlicher Frömmigkeit. Der Sohn, erwachsen, findet demungeachtet den Weg nach diesem Schlosse, aber die Mutter verleugnet ihn. Er erkrankt und der Arzt erklärt, daß sein Seelenleiden nur durch die Aufhellung des ihn drückenden Geheimnisses geheilt werden könne. Im Kampfe des Gehorsams gegen die Kirche mit der Mutterliebe, wendet sie sich an einen alten Priester im nahen Kloster. Dieser ist von einem ganz anderen Schlage, verurtheilt alle Ketzergerichte, von denen Jesus und die Apostel nichts wüßten und das Gegencheil lehrten, und legt ihr auf, ihrem Sohne das Rächsel zu lösen. Es ist also Tendenzdrama, indem der Dichter die Inquisition und alle Ketzergerichte als verdammenswerth und dem eigentlichen Christenthume widersprechend zeigen will, wie ja auch die natürliche Regung zwischen der Gräfin und dem Juden erwiesen habe. Das wäre nun gut, wenn nicht diese Tendenz dem Dichter unter der Hand in's Gegentheil sich verwandelte. Er hat sein Drama so angelegt, daß es ein ttagisches Ende haben muß. Durch die Reden des alten Priesters verwandelt sich die Gläubigkeit der Gräfin in Unglauben, bei der Wirkung ihres Bekenntnisses auf ihren Sohn in Verzweiflung und endet in Selbstmord. Die Priester werden nun sagen: Sehet Ihr, wo die kirchliche Gläubigkeit aufhört, sängt der Unglauben an, die Trostlosigkeit, die Verzweiflung und das Ende ist der Selbstmord. Der Dichter hat somit seine eigene wirkliche Tendenz unter ein falsches Licht gebracht und sie sich selbst ungetreu werden lassen. Ein anderes Uebel ist, daß diese inneren Seelenkämpfe alle lebendige Handlung ausschließen, denn der eigentliche Vorgang liegt vor der Zeit dieses Dramas, und sich nun in endlosen Reden zum Ausdruck bringen. Eine Vcr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.