Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1876)
- Date
- 1876-06-20
- Page
- Seite 397 (sequence 3)
- Language
- German
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397 unsre Vorfahren, erzogen ihre Kinder und starben, befriedigt durch ihre religiöse Ueberzeugung und die Verheißungen der göttlichen Gnade. Auf ihn aber paßt kein Wort von dem, was Gladstone über den Theismus gesagt als Gegensatz zu den drei christlichen Kirchen. In unsrem Geiste erscheint es wie eine Blasphemie, wenn Gl., sei es auch in Gesellschaft von Macaulay, den „unerschaffeaen, unerforschlichen, unsichtbaren Gott" als ungenügend für den Menschen schildert, um dem Menschenherzen Trost und Erleichterung zu schaffen. „Nahe ist der Ewige Allen, die ihn anrufen, Allen, die Ihn aufrichtig anrufen!" ruft uns der Psalmist zu, und die Propheten geben uns oft genug den Weg an, auf welchem wir „Gott suchen sollen und finden werden, weil er nahe ist." Jede Seite der h. Schriften Israels führt uns mit dem Herzen wie dem Geiste zu diesem einzigen, ewigen, allgütigen und allweisen Gott, der „wie ein Vater seine Kinder auf vem Arm", wie „ein Adler seine Jungen aus seinen Schwingen" tragt, „deffen Gnade neu ist jeglichen Morgen", veffen „Allliebe über alle Wesen sich erstreckt, über alle Wolken reicht", der „Sünde, Miffethar und Schuld vergiebt, sie wie Nebel zerstreut, wie Gewölk tilgt." Was ist es nun, was Gladstone über das Judenthum sagt, Las er dem „aller objectiven Grundlage entbehrenden" Theismus einordnet? Er sagt: „Die Juden, welche zusammengenommen eine ziemlich zahlreiche Gemeinschaft ausmachen-, haben bis jetzt sich für die Bertteter einer unerfüllten Erlösung gehalten. Aber es scheint, daß wenigstens ein Theil von ihnen jetzt geneigt ist, ihren erwarteten Messias auszulösen in eine typische Persönlichkeit, welche die Segnungen der Civilisation bedeutet. Man mag bezweifeln, ob eine Aenverung, wie die hier bezeichnete, zu der moralischen Starke des Juventhums sehr beittagen wird, oder deffen Bündniß schätzbarer machen wird für den Plan, den zu zeichnen ich mich bemühe." -) — Man sieht hieraus, daß Gl. das Judenthum und die Juden lediglich aus dem Gesichtspunkte des Messiasvogmas bettachtet, das ihm die ganze Religion zu sein scheint. In den Worten, die er gebraucht, ist aber so ziemlich Alles Jrrthum. Zunächst wenn er für das Äudenthum einen Zuwachs oder eine Abnahme der moralischen Wirksamkeit von der jüdischen Messiasidee, wie sie auch gefaßt werde, voraussetzt. Denn abgesehen davon, daß die Messiasidee in den Büchern Mosis gar nicht vorhanden und erst von einigen Propheten in den festen Rahmen der mosaischen Lehre hineingebracht worden, also einen wesentlichen Theil der mosaischen Grundlehre gar nicht ausmachen konnte und kann, hat die jüd. Messiaslehre mit der christlichen gar keine Aehnlichkeit. Die letztere ist der Mittelpunkt der Versöhnung jedes Einzelnen mit Gott, gehört also zum Seelenheile jedes Individuums — die jüdische hingegen hat für das Individuum gar keine Bedeutung, sondern stellt nur 2) Nebenbei sei bemerkt, daß hier von „reformirten Inden, auf welche Gl. schlecht zu sprechen sei", kein Wort vorkommt, dies also eine Erfindung des Berichterstatters der Köln. Aeitg. ist. eine Hoffnung für die Zukunft Israelis und der ganzen Menschheit auf, eine Hoffnung, welche in Zeiten großen nationalen Unglücks und Druckes entstanden und in solchen naturgemäß besonders gehegt und nach der volksthümlichen „Vorstellung" ausgestaltet wurde. Erleichterte sie so manches Gemürh in der Ertragung nationalen Geschickes, so hatte sie doch mit dem Mißgeschick des Einzelnen gar keine Verbindung; noch weniger war dieser Messiasidee irgend eine erlösende Kraft für die Sündenschulv des Einzelnen einwohnend. Es war daher stets ein Jrrthum der christlichen Missionäre, wenn sie glaubten, ihre Messiaslehre an die jüdische anknüpfen und die Juden dadurch bekehren zu können. — Alsdann, wenn er von einem Theile der Juden „ihren erwarteten Messias in eine typische Persönlichkeit, welche die Segnungen der Civilisation bedeutet, austösen" sieht. Die Sache liegt so, daß neben dem Glauben an einen persönlichen Messias wieder die Idee einer messianischen Zeit Raum gewonnen hat, also daß der Menscbheil im weilen Verlaufe ihres Daseins eine Zeit bevorstehe, in welcher die Gotleserkenntniß, die Liebe und das Recht allgemein, und dadurch der allgemeine unverletzliche Friede unter den Menschen herrschend würden. Dies ist aber keine Neuerung, vielmehr ist es die messianische Grundanschauung, aus welcher heraus die Anknüpfung an einen persönlichen Messias sich zuerst herausbildete. Der messianische Grundgedanke ist in jenem alten Prophetenspruche enthalten, welchen Michah und Jesajas wiederholten und zum Texte ihrer Reden machten: Micha 4, 1 :c., Jesajas 2, 2 x. : „In der Folge der Zeiten wird geschehen: gegründet wird stehen der Berg des Hauses des Ewigen an der Spitze der Berge, er wird über die Hügel erhaben sein, und zu ihm werden strömen alle Nationen. Und viele Völker werden kommen und sprechen: Auf, laßt uns hinanziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakob's, daß er uns lehre von seinen Wegen, und wir wandeln in seinen Pfaden: denn von Zijon gehet die Lehre aus, und des Ewigen Wort von Jerusalem. Dann wird er richten zwischen den Nationen, entscheiden vielen Völkern, daß sie schmieden ihre Schwerter zu Sensen und ihre Sperre zu Winzermeffern: nicht mehr hebt Volk gen Volk das Schwert, und nicht lernen sie fürder den Krieg." „Dann wohnt ein Jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum, und Niemand schreckt: denn der Mund des Ewigen der Heerschaaren hat es geredet". — Dies ist die Lehre von der messianischen Zeit, wie sie noch heute bei uns lebendig ist. Wie oft dieselbe noch an anderen Stellen der Schrift ausgesprochen worden, und wie sie sich schließlich in den einfachen Spruch Secharjas zugespitzt: „In jener Zeit wird das Gottesreich auf der ganzen Erde, und wie der Ewige einzig ist, so sein Name l Anerkennung und Anbetung) einzig sein", brauchen wir hier nicht auszusühren, auch nicht daran zu erinnern, daß diese Auffaffung auch in der talmudischen Zeit nicht ganz verlaffen worden. Von einer „Aenverung" kann daher gar nicht die Rede sein, denn die Idee der mefsianischen Zeit schließt die Vorstellung eines persönlichen Messias